Die Graffiti-Plage

Wie die australische Stadt Perth mit ihr fertiggeworden ist

Graffiti sind eine Plage. Die Sprüher verunzieren, was ihnen geeignet erscheint, also fast alles. Wann machen sie das? Wohl bei Nacht und Nebel. Werden sie nie entdeckt? Nie gefasst? Nie bestraft? Falls ja, dann kann ich mich nicht erinnern, darüber je einen Bericht gelesen zu haben. Es entsteht der Eindruck, in Deutschland wird das Verschandeln hingenommen. Nicht so im australischen Perth.

Der deutsche Unternehmer Frank Abels, der während der kalten europäischen Jahreszeit in Perth überwintert, hatte dort mit einem höheren Polizeioffizier über das Graffiti-Problem in Großstädten ein Gespräch. Er fragte ihn, wie Perth es geschafft habe, dass man heute hier so gut wie keine Graffiti mehr antreffe. Denn Ende der 1990er Jahre hatte das Graffiti-Unwesen auch in Perth um sich gegriffen. Abels hatte Glück, weil der Polizeioffizier in das Projekt „Graffiti“ eingebunden, also kundig war, und schildert, was er erfuhr, so:

Wie die Stadt Perth das Problem anging

„Zunächst sollte der soziale Hintergrund und die Motivation der Graffiti-Leute erforscht werden. Dazu wurde die UWA (University of Western Australia) beauftragt, in der soziologischen und psychologischen Fakultät entsprechende Untersuchungen durchzuführen, die Grundlage für eine Problemlösung sein sollte. Deren Ergebnis in kurzer Form:

1. Die Sprayer kommen zwar aus allen Schichten aber mit Schwerpunkt aus der Unterschicht (in Deutschland müsste man hier politisch korrekt „bildungsfern“ sagen.)

2. Viele von ihnen sind hochkreativ, können aber schichtbedingt ihr Talent nicht entfalten (kein Kunststudium, keine Design-Ausbildung usw. möglich). Einige sind allerdings auch nur ‚Trittbrettfahrer’, die nur herumschmieren, um auch in der Szene als Graffitikünstler zu gelten.

3. Gute Graffiti-Künstler sind in der Szene hochangesehene Helden.

4. Ihr Hauptmotiv ist, der Szene zu zeigen, dass sie es geschafft haben, in kurzer Zeit ein geniales Bild anzubringen.

5. Sie haben wie jeder Künstler das Bedürfnis, Ihre Werke dem Publikum zu zeigen, um Anerkennung zu bekommen.

6. Da ihnen Ausstellungen in Galerien und Museen verwehrt sind, suchen sie ihr Publikum auf der Straße.

Aus diesem Psychogram entwickelte die Polizei einen Maßnahmenkatalog:

1. Graffitis immer sofort entfernen, damit die Sprayer lernen, dass der Ausstellungserfolg nur von kurzer Dauer ist, und damit die Motivation sinkt.

2. Nachweisverfahren entwickeln – ‚Handschrift’ erkennen – um Anklage erheben zu können.

3. Schnelle Beseitigungstechnik anwenden – notfalls Übermalen mit neutraler Farbe.

4. Möglichkeiten für legale Graffiti-Arbeiten im öffentlichen Raum schaffen, quasi als Ventil.

Alle neuen Graffiti müssen gemeldet werden

Dieses Programm wird seit etwa fünf Jahren durchgeführt und siehe da, Perth scheint nun frei von den sonst weltweit verbreiteten Schmierereien zu sein. Zunächst hat jeder Mitarbeiter im öffentlichen Dienst den Auftrag, sobald er ein Graffiti entdeckt, den Platz sofort zu melden. Also alle Busfahrer, Straßendienste, Polizei, Feuerwehr usw. melden unentwegt neu erschienene Graffiti. Aber es gibt auch die Hotline ‚Crimestoppers’, wo jeder Bürger melden kann und sollte.

Erst Dokumentation, dann Reinigung, dann Polizei

Bei einer Meldung rückt dann schnellstens der Dokumentationsdienst aus, fotografiert, entnimmt Farbproben, und ein Kunstsachverständiger versucht, auf Grund des Stils zu bestimmen, wer der Sprayer sein könnte. Oft sind die Werke ja auch signiert. Als nächstes erscheint der Reinigungsdienst, ausgerüstet mit modernster Chemie, Dampfstrahlern, Cyrogenspray (‚Sandstrahlen’ mit Trockeneis) und gegebenenfalls Farbe. Schließlich übernimmt die Ermittlergruppe der Polizei die Informationen und stattet den nach Stilrichtung Verdächtigen einen Hausbesuch ab. Dabei werden die im Haus vorgefundenen Farbdosen oder auch Farbreste an der Kleidung mitgenommen und ins Labor gebracht, um Übereinstimmung mit den Farbproben nachzuweisen.

Deftige Strafen durch die Gerichte

Dieses Verfahren ist so abschreckend, dass sehr schnell das Graffitisprayen in Perth stark zurückging, auch weil die Gerichte deftige Strafen verhängten. Besonders wirksam war aber noch eine freiwillige Maßnahme des Handels: Alle Baumärkte erklären sich bereit, Spraydosen nur noch hinter Gittern zu lagern, und bei Kauf muss der Käufer seinen Ausweis vorlegen.

Wie Perth Graffiti legalisiert

Die sympathischste Maßnahme der Stadt Perth war jedoch das Angebot an die Sprayer-Gemeinde öffentlich ausgewiesene Flächen zu bemalen. Dazu wird jeweils eine Ausschreibung gemacht, die Sprayer müssen ihre Entwürfe einreichen, und eine Jury entscheidet, wer den Auftrag bekommt. Die tollen Kunstwerke, die auf diese Weise entstehen, schmücken nun ansonsten langweilige Betonflächen in Tunneln, Schallschutzmauern usw. und entwickelten sich inzwischen auch als Anziehungspunkte für Touristen.“

Der Graffiti-Maler Fintan Magee

Frank Abels erwähnt auch den Graffiti-Maler Fintan Magee: „Er saß im Laufe der Jahre vier mal in Brisbane – seiner Heimatstadt – wegen Graffitis im Gefängnis. Dann kam er nach Sydney und wurde von dort aus weltberühmt.“ Derzeit arbeite gerade an einem Werk, dazu beauftragt von der Stadt Perth. Es ziehe schon jetzt viele Zuschauer an. Angesprochen auf seine kriminelle Vergangenheit sage der Künstler fröhlich: „Man muss halt irgendwo anfangen, seine Ideen zu verwirklichen.“ Frank Abels abschließend: „Mir scheint dass es sich hier um ein sehr erfolgreiches Resozialisierungsprogramm handelt, typisch für die Stadt Perth und deren Oberbürgermeisterin Lisa Scaffidi, die im Jahre 2012 vom ‚World Major Projekt’ zur zweitbesten Bürgermeisterin der Welt gewählt wurde.“

Strafen drohen auch in Deutschland, aber …

Wie kann man gegen die Graffiti-Sprüher in Deutschland vorgehen? Natürlich ist das Besprühen fremden Eigentums ein Eigentumsdelikt. Zivilrechtlich hat der Geschädigte aus unerlaubter Handlung einen Anspruch auf Schadensersatz. Strafrechtlich ist ein solches Besprühen Sachbeschädigung. Einschlägig dafür sind im Strafgesetzbuch die Paragraphen 303 und 304. Sie sehen eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Freiheitsentzug vor. Drei Jahre Haft kann es geben, wenn öffentliche Kunstgegenstände, Kirchen, Denkmale oder Grabmale besprüht werden. Aber dafür muss man die Täter erst einmal gefasst haben und sie der Tat überführen. Und daran, so scheint es, hapert es hierzuland. Oder wird darüber einfach nicht berichtet? Gelten diese Straftaten als Bagatellfälle? Und möchte man nicht doch zu gern einmal mitbekommen, dass Sprüher dazu verurteilt wurden, ihre „Kunstwerke“ selber wieder zu entfernen? Am besten bei Tageslicht? Wie gehen autoritäre Staaten damit um? China? Russland?

Apropos Kunstwerke. Manche Graffiti gelten als solche tatsächlich. Und kontrovers diskutiert wird das Graffiti-Wesen ohnehin. Wie umfassend die Graffiti-Szene mit ihren unterschiedlichen Facetten ist und wie länderumspannend, lässt sich ganz schön bei Wikipedia nachlesen (hier).

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*) Wer ist Frank Abels? Er ist ein erfolgreicher mittelständischer Unternehmer. Er lebt jeweils ein halbes Jahr in Australien (Perth, Rockingham am Cockburn Sound) und das andere halbe Jahr in Deutschland (Munster, Lüneburger Heide), wo der Betrieb seiner Frank Abels Consulting & Technology GmbH (FAC) steht. Wer wissen will, womit sich das Unternehmen befasst, wird hier fündig: http://www.fac-gmbh.de/fac-gmbh.php Privat schreibt Abels an Freunde, Verwandte und Bekannte regelmäßig Briefe, in denen er anschaulich das Leben in Australien und die Besonderheiten dort schildert. Ich habe mit ihm abgesprochen, dass ich die für die deutsche Allgemeinheit interessanten Teile wiedergeben darf. Die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt. Seine bisherigen Berichte sind hier zu finden:

https://kpkrause.de/2014/03/28/nicht-sonderlich-beliebt-amis-in-australien/

https://kpkrause.de/2014/03/09/wie-australien-mit-den-boat-people-verfahrt/

https://kpkrause.de/2014/02/20/subventionen-passe/

https://kpkrause.de/2013/11/26/drei-politische-schlaglichter-aus-australien/

https://kpkrause.de/2013/11/18/leute-entspannt-euch/

https://kpkrause.de/2013/11/13/wahlkampfthemen-mit-zugkraft/#more-3179

https://kpkrause.de/2013/09/10/bitte-abkupfern/

https://kpkrause.de/2013/08/03/auch-die-einwanderung-konnte-ein-wahlthema-sein/

https://kpkrause.de/2013/12/13/wie-man-ein-held-wird/#more-3282

https://kpkrause.de/2013/12/19/wenn-schnee-fehlt/

https://kpkrause.de/2013/12/30/chinas-riesen-getreidefarm-in-australien/

https://kpkrause.de/2014/11/22/trauern-anders/

 

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