Überlegungen zu Donalds Trumps Friedensplan-Vorstoß und den danach diskutierten Folgeentwürfen
Russland schwächen oder stärken? Mit Bezug auf den Stellvertreterkrieg, den die Nato-Staaten, die Europäische Union und Großbritannien mit der und in der Ukraine gegen Russland führen, stellt mein Gastautor Menno Aden provokativ interessante Überlegungen an. Zwar verstoßen sie gegen den (westeuropäischen) Zeitgeist, aber sie nicht anzustellen und nicht zu berücksichtigen, wäre fahrlässig. Sie sind ja nicht abwegig, auch wenn der Zeitgeist sie so aburteilen wird, aber sie gehören zur Gesamtbeurteilung von Donald Trumps 28-Punkte-Kriegsstopp- und Friedensplan sowie der ihm gefolgten Diskussion mit weiteren Entwürfen durchaus dazu. Ich halte es deshalb für gut und notwendig, dass Professor Aden sie anstößt und stelle sie wie zuvor schon er selbst (hier) zur Diskussion.*) Sie sind zusätzlich auch informativ.
Jene politischen Führungen, die verbissen gegen Russland agieren, schrecken, wie sich weiterhin zeigt, vor nichts zurück. Dass die USA und die Nato in der Zeit vor Trumps zweiter Amtszeit Russland und dessen „Spezialoperation“ als Präventivschlag bewusst provoziert haben, sie also die eigentlichen Kriegsverursacher sind, ist nach allem, was bisher bekannt ist, Tatsache. Die Erzählung von Russland als Kriegstreiber werden die eigentlichen Kriegstreiber nicht aufgeben. Wer das Geschehen anders erzählt, hat es allerdings schwer. Friedensengel sind Russland und Putin aber auch nicht, ebenso wenig wie die USA und andere staatliche Mächte. Sie sind alle mehr oder minder gleich schlecht. Nach wie vor gilt das Wort von Lord Acton: Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut. Trump verfolgt mit seinem 28-Punkte-Vorstoß zuallererst amerikanische Interessen. Darf er, muss er. Wenn dabei Waffenstillstand oder gar Frieden im Ukraine-Krieg als Nebenprodukt abfällt und dafür noch vertretbare Preise zu entrichten, also Zugeständnisse einzuräumen sind, soll’s recht sein.
___________________________________
*) Veröffentlicht hat Professor Aden den Text bereits auf seiner Web-Seite (hier) in deren Rubrik „In diesen Tagen“ am 26. November 2025. Inhaltlich ist der Beitrag gleichwohl nicht überholt, sondern nach wie vor bedenkenswert. Ich erinnere auch an den Aden-Beitrag vom 23. August 2025 „Wie man einen Frieden in der Ukraine absichern könnte“ (hier) und an einen Aufsatz von Professor Alfred de Zayas vom 22. September 2025 über den Westfälischen Frieden als Beispiel für eine Friedensregelung im Ukraine-Krieg (hier).
Wenn Russland zerfiele
In Sibirien eine zerbrechliche Ruhe – Die Zerstörung der Ordnungsmächte 1919 aus Hass und Unverstand – Ein starkes Russland ist unser Interesse – US-Friedensplan ein Weg zu Erhaltung Russlands und unserer Identität
Von Prof. Dr. iur. Menno Aden
In diesen Tagen wird über den sogenannten Friedensplan von US-Präsident Trump für die Ukraine debattiert. Dieser sieht beträchtliche Zugeständnisse an Russland vor und stößt darum in Deutschland und Europa auf Kritik. General a.D. Naumann, früher als Generalinspekteur der Bundeswehr ranghöchster deutscher Soldat, findet in einem Leserbrief Donald Trumps Verrat (FAZ vom 25. November 2025) starke Worte, um diesen Ukraine-Friedensplan zu geißeln. Näheres Nachdenken führt allerdings zu einer anderen Bewertung. Welche Interessen hat Deutschland in dem Ukraine-Konflikt? Welches Interesse könnten wir an einem, wenn auch halben, Sieg Russlands in diesem Krieg haben?
1. Russland vor und nach einem eventuellen Zerfall
Russland beherrscht noch (!?) ein riesiges Gebiet zwischen der EU- Außengrenze und dem Pazifik. Ein Zerfall dieses großen russischen Beherrschungsraumes hätte allein durch die Größe dieses Raumes die schlimmsten Folgen für die Region und auch für uns.
Ein solcher Zerfall Russlands mit der Folge, dass in Sibirien östlich des Urals viele kleine politische Einheiten entstehen, ist nicht so fernliegend. Die meisten Europäer wissen von Russland so wenig, dass ihnen diese Möglichkeit überhaupt nicht in den Sinn kommt. Das Auswärtige Amt und die Planungsstäbe der Bundeswehr wären aber eigentlich dazu da, solche strategischen Überlegungen anzustellen – aber ich bezweifle, dass sie es tun. Die Möglichkeit, dass Russland die Herrschaft über Sibirien verliert, ist sogar ziemlich naheliegend.
Vom hohen Nordosten Sibiriens, von Jakutien zieht sich quer durch die Weite eine breite Schneise – Altai Gebirge, Tatarstan mit der Hauptstadt Kasan an der oberen Wolga, und weiter zum Kaukasus und Aserbaidschan – eine Schneise von zumeist türkischsprachigen Völkerschaften. Wer hat denn von der Republik Chakassia gehört oder deren Hauptstadt Abakan. Ich war dort und erinnere mich an ein sehr langes und eifriges Gespräch mit dortigen Bewohnern. Diese Fremdvölker halten sich im Augenblick ruhig. Aus eigener als Dozent in Krasnojarsk z.T. vor Ort gewonnener Kenntnis glaube ich sagen zu dürfen, dass diese Ruhe zerbrechlich ist und nur der harten Hand von Moskau zu verdanken ist. Ein zündender Funke, und das Chaos könnte ausbrechen. Eine Schwächung Russlands könnte ein solcher Funke sein; seine Stärkung könnte es verhindern.
2. Die Zerstörung der Ordnungsmächte 1919 aus Hass und Unverstand
Wir Europäer müssten eigentlich gewarnt sein. Wir haben das Szenario der zerbrechenden Ordnung ja schon einmal erlebt. Die auf das verhasste Deutschland fixierten rachsüchtigen Sieger des Ersten Weltkrieges zerstörten Deutschland und Österreich, die stabilisierenden Mächte in Mittel- und Südosteuropa, und mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches vernichteten sie auch die Ordnungsmacht, die, wenn auch schlecht, den Vorderen Orient vom Bosporus bis zum Jemen befriedete. Folge dieses alliierten Zerstörungswerkes waren Kriege, noch einmal Kriege, Bürgerkriege, die über Jahrzehnte, eigentlich bis heute offen wie im Jugoslawienkrieg oder im Untergrund wie im Kosovo weiter schwelten (vgl. mein Buch Bosnien- Scharnier der Kulturen). Die ewigen Streitereien in Palästina, die oft bis an den Rand eines großen Krieges geführt haben, sind auch Folge des „Friedenswerkes“ der Alliierten von 1919. Wollen wir das noch einmal – nun im Osten Europas, jenseits des Urals?
3. Starkes Russland ist unser Interesse
Wir haben ein überragendes Interesse daran, dass Russland als Machtfaktor zwischen Europa und Pazifik erhalten bleibt. Russland hat sich durch seinen unseligen Krieg gegen die Ukraine derartig geschwächt, dass es in vieler Hinsicht, wirtschaftlich, militärisch und politisch, am Angelhaken seines riesenhaften Nachbarn und Scheinverbündeten China hängt. Das heute schon übermächtige Großreich in Ostasien mit einer Bevölkerung fast 10mal größer als der von Russland und einer Armee, größer ist als jemals eine andere, würde, was es heute noch wegen des ungelösten Taiwankonfliktes noch nicht wagen wird, Russland im Handstreich einnehmen. Wenn Russland mit unserer Hilfe noch weiter geschwächt wird und im Ukrainekrieg als Verlierer demaskiert wird – dann tragen wir es den Chinesen geradezu als Beute an. Wir stünden dann, ehe wir uns versehen, vor einer Neuauflage eines eurasischen Großreiches von der Art wie unter Dschingis Khan. D a s würde dann aber wohl nicht in Liegnitz/Schlesien stehen bleiben und sich wieder zurückziehen. Es würde, wenn die Zeichen nicht trügen, entlang der sogenannten neuen „Seidenstraße“, d.h. der Bahnstrecke bis Duisburg vorrücken.
4. US-Friedensplan ein Weg zu Erhaltung Russlands und unserer Identität
Der Friedensplan des amerikanischen Präsidenten zeigt Trump als einen viel besseren Staatsmann als es viele seiner Vorgänger waren. Der Weg, den Gegner nicht in eine Ecke zu zwingen, aus welcher er nur wie ein wilder Bär um sich beißen kann, wurde schon von Clausewitz empfohlen. Hätten Roosevelt und Churchill diesen Rat befolgt und hätten sie Deutschland nicht mit der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation in diese Ecke getrieben, wäre viel Unglück vermieden worden. Stalin hätte nicht Osteuropa bis zur Elbe im Besitz nehmen können.
Trump macht diesen Fehler nicht. Im Ukraine-Krieg hat Russland ungeheure Kräfte und vor allem nationales Prestige sinnlos „verbrannt“. Wie immer der Frieden am Ende aussehen wird, es entsteht die Tatsache, dass das Ansehen Russlands als eine Großmacht schweren Schaden gelitten hat. Ein halber Siegfrieden wäre aber gesichtswahrend und würde Russland ermöglichen, Kräfte freizumachen und neu aufzubauen, um Gegner wie China das Risiko zu erhöhen, Russland am Angelhaken aus dem Wasser zu ziehen – um im obigen Bilde zu bleiben.
Wir wissen natürlich nicht, was die chinesische Führung plant. Aber i c h weiß eines, und zwar aufgrund von drei Dozentenaufenthalten in China, bei denen ich mit insgesamt etwa tausend chinesischen Studenten in Berührung gekommen bin. Jeder von diesen kannte die berüchtigten Ungleichen Verträge, zu denen China von England, Frankreich und Russland gezwungen wurde, insbesondere den Vertrag von Aigun von 1858, mit dem Russland China schamlos um ein Gebiet von fast der Größe Westeuropas beraubte.
Es ist zu befürchten, dass China, sobald Taiwan in seinen Schoß zurückgefallen sein wird, diese Verträge aus den Archiven hervorholt und seine Rechnungen präsentiert. Das wird dann der Zeitpunkt sein, in welchem wir Europäer zusammenstehen müssen, um eine Neuauflage des ostasiatischen Mongolensturms, der dieses Mal nicht mit Reiterheeren, sondern auch mit Softwareprogrammen und künstlicher Intelligenz geführt werden wird, abzuwehren. Russland wird dabei die entscheidende Rolle spielen. Russland ist zwar anders als wir im Westen, aber es ist ein europäischer Staat mit einer europäischen Kultur (vgl. meinen Aufsatz Russland und das Abendland in der Zeitschrift ABENDLAND IV, 2023, S.34 – 40). Wenn wir Russland verleugnen, gefährden wir Europa.
Ergebnis
Die Strategie der USA, Russland zu stärken, ist kein Produkt einer verräterischen „Männerfreundschaft“ zwischen Trump und Putin, sondern offenbar ein wohl überlegter strategischer Schritt zur Eindämmung Chinas. Dieser liegt auch in unserem deutschen und europäischen Interesse. Wir sollten Trump dafür dankbar sein und seinem Plan Erfolg wünschen.
Klaus Peter Krause: Copyright, Haftungsausschluss, Impressum hier.
_________________________________
Prof. Dr. iur. Menno Aden (Jahrgang 1942, Abitur 1962) hat Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn studiert (1963 bis 1967), wurde 1972 in Bonn promoviert, war in den Jahren 1971/72 Senior Research Officer am Institut für Rechtsvergleichung der Universität von Südafrika, war beruflich tätig in der Energie- und Kreditwirtschaft und von 1994 bis 1996 Präsident des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Schwerin, dann bis 2007 Professor an der FH für Ökonomie und Management in Essen. Verheiratet, fünf Kinder. Er hat neben seiner Lehrtätigkeit zahlreiche Schriften im Bereich Bank-, Wirtschafts- und internationales Recht verfasst, auch theologische Schriften und Bücher zu anderen Themen. Aus dem „Klappentext“ seines Buches: „Etliche berufliche Einsätze in aller Welt führten ihn immer wieder zu der Frage, wie es den Vereinigen Staaten von Amerika gelingen konnte, über viele Kriege hinweg zur imperialen Macht aufzusteigen, anderen Nationen – wie zum Beispiel Deutschland – aber den Ruf eines „Störenfrieds der Weltordnung“ anzuhängen.“ Weiteres über Aden siehe hier. Seine Web-Seite hier: http://www.dresaden.de/index.html.
Klaus Peter Krause: Copyright, Haftungsausschluss, Impressum hier.