Anfangs (1823) rein defensiv, dann ziemlich bald aggressiv – Von den USA gehandhabt, als sei ihre Doktrin eine Norm des Völkerrechts – „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ – Das Sendungsbewusstsein der USA und ihr biblisch fundierter Erwählungsglaube – Trump 2026: „To be a great nation you need to have religion“ – Der imperialistische Charakter der Monroe-Doktrin begann in der Karibik – Eroberungsgedanken über Südamerika schon 1798 – Wie Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah sowie Teile von Colorado, New Mexico und Wyoming zu den USA kamen – Das Olney-Corollar von 1895, das Roosevelt-Corollary von 1904, das Lodge-Corollary von 1912 – Der Griff der USA nach Hawaii – Spanien musste Puerto Rico, Guam und die Philippinen an die USA abtreten und Kolumbien das Panama-Kanalgebiet – Die USA mischen sich entgegen der Monroe-Doktrin in europäische Angelegenheiten ein – Sie sehen sich berufen, in Europa für Machtgleichgewicht zu sorgen – So wie die Anglo-Amerikaner haben Bismarck und seine Nachfolger nie geredet
Von Prof. Dr. iur. Menno Aden*)
Die aggressiven Töne aus den USA zur Annektierung Grönlands sind zwar im Augenblick verstummt. Wir sollten aber nicht meinen, dass das nur ein diplomatischer Fauxpas war. Es war vielmehr das typische Verhalten dieser arroganten Großmacht seit deren Proklamation der Monroe-Doktrin. Diese war anfangs ein rein defensives Instrument zur Abwehr europäischer Intervention in Amerika, wurde aber zusammen mit dem vorgeblich göttlichen Auftrag, die Welt zu bessern und zu beherrschen zu einem Instrument aggressiver imperialistischer Politik. Das wird im folgenden Text dargelegt, den ich wie immer zur Diskussion stelle.
Mit der später so genannten Monroe-Doktrin von 1823 verboten die jungen USA den europäischen Mächten die Einmischung in die Angelegenheiten nicht nur der USA, sondern überhaupt des amerikanischen Doppelkontinents. Im Gegenzug sagten sie zu, sich nicht in europäische Angelegenheiten einzumischen. Die Monroe-Doktrin hat die amerikanische und damit die seitherige Weltgeschichte oft entscheidend bestimmt. Sie ist zwar keine Norm des Völkerrechts, sie wird aber von den USA als solche gehandhabt. Im Folgenden wird beschrieben, wie sich die ursprünglich defensive Monroe-Doktrin zu einer aggressiven Doktrin zur Durchsetzung US-amerikanischer Interessen entwickelt hat.
Die USA wollen nicht mehr Objekt von Kolonisierung durch europäische Mächte sein
Der 5. US-Präsident James Monroe sagte in seiner Jahresbotschaft an den US- Kongress am 2. Dezember 1823: „Es erscheint angemessen, bei diesem Anlass als einen Grundsatz für die Rechte und Interessen der Vereinigten Staaten, festzustellen, dass die amerikanischen Kontinente (beachte den Plural!) … fortan nicht mehr als Objekte zukünftiger Kolonisierung durch europäische Mächte in Betracht kommen.“ Weiter heiß es dann: „Unsere Politik gegenüber Europa bleibt unverändert. Wir mischen uns nicht in die inneren Angelegenheiten der europäischen Mächte ein.“
„Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“
Einmischung in die Sphäre eines anderen Staates ist immer eine Form von völkerrechtsrelevanter Machtausübung. Diese kann im Einzelfall wohltätig sein, etwa wenn bei Naturkatastrophen ohne diplomatische Abstimmung grenzüberschreitende Hilfe geleistet wird. Sie kann aber auch als Regulativ gegen Staatsversagen eines scheiternden Staates („failed state“) in Betracht kommen. Die Einmischung von einer Macht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates kann also im Einzelfall durchaus völkerrechtskonform sein. Der Verfasser hat hierzu die Rechtsfigur einer völkerrechtlichen Geschäftsführung ohne Auftrag zur Diskussion gestellt. Es entsteht dann aber das Problem, ab wann die Verfolgung von völkerrechtskonformen Gemeinschaftsinteressen von der Wahrnehmung selbstsüchtiger nationaler Interessen überlagert wird. Es gilt dann das berühmte Wort des britischen Historikers Lord Dalberg-Acton (1834–1902): „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.“ Der dann mächtige Staat, der offenbar mit Zustimmung der göttlichen Vorsehung so mächtig geworden ist, pflegt seine Machtinteressen zum Maß aller Dinge zu setzen. Unkontrollierte Macht führt zwangsläufig zur Tyrannei.
Das Sendungsbewusstsein der USA und ihr biblisch fundierter Erwählungsglaube
Bei der Entwicklung ihrer Außenpolitik und der Wahrnehmung und Sicherung ihrer Interessen spielte das besonders ausgeprägte Sendungsbewusstsein der USA und ihr biblisch fundierter Erwählungsglaube eine große Rolle. Die Verfolgung ihrer imperialen Interessen wurden daher bis in die Gegenwart hinein als göttliche Beauftragung verstanden, die Welt zu bessern und zu retten. Bei allen ihren weltweiten Aktionen glaubten die USA oder gaben vor zu glauben, eine besondere von Gott nur den USA anvertraute geschichtliche Mission zu erfüllen. So konnten und können auch manifest völkerrechtswidrige Maßnahmen als von Gott gewollt gerechtfertigt werden.
Beispiele dieses Glaubens sind vielfach belegt. Der spätere Präsident Thomas Jefferson (1743–1826) notierte als junger Mann seinen Leitspruch: „Rebellion against tyrants is obedience to God.“
1813 schrieb John Adams an Thomas Jefferson: „Unsere reine, tugendhafte, dem Gemeinwohl dienende Bundesrepublik wird ewig dauern, die Welt regieren und die Entwicklung des Menschengeschlechtes vollenden.“
John Calhoun konstatierte: „Die Vorsehung hat uns nicht allein für das Glück dieser großen, aufstrebenden Nation, sondern ganz wesentlich auch für die ganze Menschheit bestimmt. Wir haben eine Staatsverfassung einer neuen Art, völlig verschieden von allen, die es jemals zuvor gab. Sie wird der Anfang einer neuen Ära des Menschengeschlechtes sein. … Im Laufe der Zeit müssen sich einfach alle Staatsverfassungen ihren Grundsätzen anpassen.“
1912 äußerte der spätere Präsident Woodrow Wilson: „Wir sind auserwählt, wir sind sichtbar auserwählt, den Völkern der Welt zu zeigen, wie sie den Weg zur Freiheit zu gehen haben.“
Präsident George W. Bush jr. sagte 1975 „America believes, it has a divine to lead the world.“
Alexis de Tocqueville schrieb um 1850 über die Amerikaner: „Die Angloamerikaner haben von sich selbst eine gewaltig hohe Meinung und sind nicht weit von dem Glauben entfernt, daß sie eine Sondergattung des Menschengeschlechtes darstellen.“
Ein New Yorker Journalist prägte 1845 in einem Artikel den Ausdruck „manifest destiny“. Damit wurde das Sendungsbewusstsein der jungen Nation auf eine griffige Formel gebracht, die nicht nur als Auftrag, den Kontinent gebietsmäßig einzunehmen umfasste, sondern auch eine politisch-kulturelle Sendung der Nation. Es sei, so schrieb er, im Interesse der Menschheit, dass Macht und Gebiet der Vereinigten Staaten sich ausdehnen – je weiter, desto besser.
Trump 2026: „To be a great nation you need to have religion.“
Dieser Glaube besteht noch heute und scheint tief verwurzelt zu sein, so dass er nicht einfach als Bigotterie abgetan werden kann. Präsident Trump sagte anlässlich des National Prayer Breakfast vom 5. Februar 2026: „To be a great nation you need to have religion.“ Er rief dabei eine bundesweite Aktion aus „to re-dedicate America to God“ – um Amerika erneut Gott zu weihen.
Der Louisiana-Landkauf als Vorläufer der Monroe-Doktrin
Als Vorläufer der Monroe-Doktrin in dem Sinne „Amerika den Amerikanern“ kann der Louisiana-Landkauf gesehen werden. New Orleans, das seit 1800 zu Frankreich gehörte, beherrschte die Mündung des Mississippi. Das Verhältnis der USA zum revolutionären Frankreich war schlecht. Jefferson wollte das Mündungsgebiet für die USA sichern und begann 1802 Verhandlungen mit Frankreich über einen Kauf. Frankreich befand sich inmitten der napoleonischen Kriege. Im Frieden von Amiens (März 1802) zwischen Frankreich und England hatte sich letzteres u. a. verpflichtet, das 1800 besetzte Malta wieder herauszugeben. Das geschah aber nicht, so dass es neuerlich zum Bruch zwischen beiden Mächten kam mit der Folge, dass das seemächtige England die Seewege blockierte.
Für Frankreichs kein ganz freiwilliges Geschäft, die USA als Ausbeuter einer Notlage
Auf der damals französischen Insel Santo Domingo war es seit Ausbruch der französischen Revolution zu Unruhen gekommen und schließlich zu einemregelrechten Freiheitskampf, den Frankreich auch deswegen nicht niederschlagen konnte, weil Unterstützung vom Mutterland wegen der englischen Seeblockade unterblieb. Die französische Kolonialpolitik in Mittelamerika war 1802, als die Verhandlungen begannen, für jedermann sichtbar kurz vor dem Zusammenbruch. Der absehbare Dritte Koalitionskrieg (1805) ließ auch einen bedeutenden Finanzbedarf Frankreichs erwarten, abgesehen davon, dass die erheblichen Einnahmen aus der Zuckerproduktion auf Santo Domingo wegzufallen drohten. Der Kauf/Verkauf von New Orleans und Louisiana war also von Seiten Frankreichs kein ganz freiwilliges Geschäft, und von Seiten der USA die Ausbeutung einer Notlage.
Eroberungsgedanken über Südamerika schon 1798
Schon 1798 hatte Alexander Hamilton, erster Finanzminister der USA, den Gedanken gefasst, das damals noch französische New Orleans und Mexiko, zu erobern, um sich dann vereint mit England das ganze damals noch spanische Südamerika zu erobern und aufzuteilen. Im Adams-Onís-Vertrag von 1819 wurden aber die Grenzen zwischen Spanien, der damaligen Kolonialmacht über Mexiko, und den USA festgelegt. Spanien behielt alle westlich von Louisiana gelegenen Gebiete von Texas bis nach Kalifornien.
Wie Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah sowie Teile von Colorado, New Mexico und Wyoming zu den USA kamen
Für die Vereinigten Staaten bedeutete dieser Vertrag, dass seine Gebietsansprüche nun bis zum Pazifischen Ozean reichten. Der Vertrag wurde von Spanien 1820 und von den Vereinigten Staaten 1821 ratifiziert. 1844 wurde ein Krieg gegen Mexiko provoziert, der zum Vertrag von Guadalupe Hidalgo (1848) führte, in dem die Mexikaner ein 1,36 Millionen Quadratkilometer großes Gebiet, die heutigen Staaten Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah sowie Teile von Colorado, New Mexico und Wyoming, abtreten mussten.
Lateinamerika reagierte auf die Monroe-Doktrin zunächst eher positiv
Die Reaktion auf die Monroe-Doktrin in Lateinamerika war, wenngleich mit skeptischen Untertönen, eher positiv. Die Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Simón Bolívar, Santander in Kolumbien, Rivadavia in Argentinien, Victoria in Mexiko nahmen Monroes Worte mit Dankbarkeit auf. In ihren Vorstellungen sollte die Monroe-Doktrin nur auf die USA bezogen werden. Die südamerikanischen Staaten erkannten nämlich den eigentlichen Charakter dieser Doktrin, der einer einseitigen Protektoratserklärung der USA für den Gesamtkontinent recht nahekam. Diego Portales, einer der Gründungsväter Chiles, schrieb einem Freund: „Si, pero hay que tener mucho cuidado: para los americanos del norte, los únicos americanos son ellos mismos (Schön, aber man muss sehr vorsichtig sein: für die Nordamerikaner sind die einzigen Amerikaner sie selbst).
Der imperialistische Charakter der Monroe-Doktrin begann in der Karibik, dem mare nostrum der USA
Ab dem späten 19. Jahrhundert gaben die Vereinigten Staaten der Monroe-Doktrin einen imperialistischen Charakter. Sie begannen, ihren militärischen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss in der Karibik zu stärken – unter anderem durch Militärinterventionen. Ziel war es, das Karibische Meer aufgrund seiner strategischen Bedeutung in ein „Mare Nostrum“ (unser Meer) zu verwandeln. Zwischen 1891 und 1912 führten sie eine Reihe von Militärinterventionen durch: 1891 in Haiti; 1895 in Nicaragua; 1898 in Puerto Rico und Kuba; 1899 in Nicaragua; 1902 in Venezuela; 1903 in der Dominikanischen Republik und Kolumbien; 1904 in der Dominikanischen Republik und Guatemala; 1906–1909 in Kuba; 1907 in der Dominikanischen Republik; 1909–1910 in Nicaragua; 1910–1911 in Honduras. 1912 Kuba, Nicaragua und die Dominikanische Republik. Außerhalb der Karibik waren es 1891 militärische Aktionen gegen Chile.
US-Kontrolle über die Finanzen mehrerer Staaten
Mit der „Dollar-Diplomatie“ griffen die USA zu Finanzinterventionen, die zur Etablierung amerikanischer Kontrolle über die Finanzen mehrerer Staaten führten (Honduras, Nicaragua, Dominikanische Republik, Haiti). Sie erwarben Gebiete wie Puerto Rico nach dem Krieg gegen Spanien 1898 und die Jungferninseln, die sie 1917 von Dänemark kauften. Einige Staaten wurden in einen protektoratsähnlichen Status versetzt, so etwa Kuba durch das Platt-Amendment und den Erwerb des Marinestützpunkts Guantánamo und Panama.
US-Außenminister Olney weitet die Monroe-Doktrin aus – das „Olney-Corollar“ von 1895
Das Potential der Monroe-Doktrin wurde erstmals ganz deutlich durch die sogenannte Olney-Interpretation (1895). Im Grenzstreit um Britisch-Guayana und Venezuela behauptete der amerikanische Außenminister Richard Olney 1895, die Monroe-Doktrin gebe den Vereinigten Staaten die Befugnis, in Grenzstreitigkeiten der westlichen Hemisphäre zu vermitteln: Das entsprechende Schreiben an den britischen Premierminister Lord Salisbury, das sogenannte „Olney-Corollar“, lautet: Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig praktisch souverän über diesen Kontinent, und ihre Anordnungen sind Gesetz für die Untertanen, auf die sie ihre Intervention beschränken. Warum? Nicht etwa aus reiner Freundschaft oder Wohlwollen, das diese ihnen entgegenbringen. Nicht allein aufgrund ihres hohen Ansehens als zivilisierte Nation, noch weil Klugheit, Gerechtigkeit und Billigkeit unveränderliche Merkmale der Verträge der Vereinigten Staaten sind. Sondern weil sie – neben allen anderen Gründen – durch ihre unerschöpflichen Ressourcen, verbunden mit ihrer isolierten Lage, die Situation beherrschen und sie praktisch unverwundbar gegenüber den anderen Mächten machen. Von da an begannen die Vereinigten Staaten verschiedene Interventionen in Mittelamerika und der Karibik.
Noch eine Ausweitung 1904 durch Roosevelt – das Roosevelt-Corollary
Im Jahr 1904 verkündete Präsident Theodor Roosevelt die nach ihm benannte Ergänzung der Monroe-Doktrin, die Roosevelt–Corollary. Diese formulierte den alleinigen Anspruch der Vereinigten Staaten auf Interventionen in inneramerikanische Angelegenheiten. Diese Erklärung rief in den betroffenen Ländern Empörung und Furcht hervor. Den zahlreichen Militäraktionen der USA in Mittel- und Südamerika im 19. und 20. Jahrhundert, die auf diese Erweiterung gestützt wurden, ist hier nicht nachzugehen. Die Auswirkungen waren aber auch für Deutschland spürbar, als es 1902/03 im Einklang mit Großbritannien eine Strafaktion gegen Venezuela zur Beitreibung von Auslandsschulden durchführte. Diese Aktion war den USA sogar zuvor angezeigt worden, was praktisch eine Anerkennung der US-Suprematie über Südamerika war. Diese hatte das nur zur Kenntnis genommen. Als es aber zur Durchführung der Aktion kam, erhob sich in USA allgemeine Empörung. Encyclopaedia Britannica: „The irritation was particularly strong against Germany, which was suspected of having various designs for establishing itself in the new world.“ (Die Aufregung richtete sich besonders gegen Deutschland mit dem Verdacht, dass es Absichten auf Teile von Amerika habe). Der Verdacht liegt nahe, dass wie einst Canning vor Frankreich warnte, hier nun eine britische Warnung vor Deutschland wirksam wurde.
USA verbieten „strategische“ Landkäufe fremder Mächte – das Lodge-Corollary
Eine Fortführung war 1912 die im US-Senat beschlossene Lodge-Corollary zur Monroe-Doktrin. Diese verbot „strategische“ Landkäufe fremder Mächte in der westlichen Hemisphäre. Die USA selbst und amerikanische Unternehmen waren von diesem Verbot nicht betroffen. Wie US-Senator Henry Cabot Lodge argumentierte, bekräftigte dieser Zusatz das Grundrecht der Nationen, für ihre Sicherheit zu sorgen, und erweitere die Prinzipien der Monroe-Doktrin über den Kolonialismus hinaus auf territoriale Aneignungen durch Unternehmen. Das war eine Reaktion auf Verhandlungen zwischen einem japanischen Konsortium und Mexiko über den Kauf eines Teils von Baja California, einschließlich des strategisch wichtigen Hafens der Magdalena Bucht. Das Geschäft kam nie zustande.
Osama bin Laden, Noriega und Maduro
Die Mitgliedssaaten des 1998 zur Verfolgung schwerer Straftaten wie Kriegsverbrechen eingerichteten Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) sind völkerrechtlich verpflichtet, den Angeklagten festzunehmen und auszuliefern. Anders das internationale Strafrecht der meisten Staaten auch Deutschlands. Staat A kann vorsehen, dass ein im Staat B lebender Täter in A bei schweren Straftaten angeklagt und verurteilt wird. Staat A kann aber den Täter nicht einfach durch ein Kommandounternehmen in B oder sonst im Ausland verhaften. Genau das ist aber die Praxis der USA-Außenpolitik. Beispiele:
Osama bin Laden wurde von den USA für den Anschlag auf die Zwillingstürme in New York 2001 verantwortlich gemacht. Er wurde in Pakistan von einem US- Kommandounternehmen ergriffen und umgebracht. Einer der grundlegenden Sätze des internationalen Rechts ist, dass kein Mensch, als schuldig gilt, bevor er von einem unabhängigen Gericht für schuldig erkannt wurde. Die Tötung von Osama bin Laden war daher ganz eindeutig Macht, was übrigens die evangelische Kirche in Deutschland nicht davon abhielt, diese Tat im Ergebnis gutzuheißen.
Manuel Noriega (1938-2017) war vom 1983 bis 1989 Diktator in Panama. Er wurde Ende 1989 von einem US-Kommandounternehmen gefangen genommen und zu einer langjährigen Haft verurteilt, die er auch absitzen musste.
Nicolás Maduro Moros (*1962) seit 2013 Staatspräsident von Venezuela. Ihm wurde Korruption vorgeworfen. Maduro und seine Frau wurden am 3. Januar 2026 völkerrechtswidrig bei einer US-Militäroperation entführt und in den USA vor Gericht gestellt.
Der Griff der USA nach Hawaii
Der Griff nach Hawaii führte zum ersten Erwerb der USA außerhalb des amerikanischen Kontinents. Der in russischen Diensten stehende Deutsche Georg Anton Schäffer hatte 1815/1817 vergeblich versucht, die Kontrolle über Hawaii zu bekommen. Die Vereinigten Staaten haben die Unabhängigkeit Hawaiis 1842 anerkannt, um die britischen und französischen Eroberungsversuche abzuwehren. Der US-Einfluss wurde immer größer. 1887 wurde der Marinestützpunkt Pearl Harbour eingerichtet und 1893 wurde die Königin von Hawaii gestürzt, 1894 die Republik Hawaii errichtet und während des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 durch die Vereinigten Staaten annektiert.
Kuba im Visier und der Krieg mit Spanien
Die Annexion Kubas haben US-Präsidenten wiederholt erwogen. Nach Jefferson und Madison schätzte 1823 auch John Quincy Adams die Annexion Kubas als eine unverzichtbare Aufgabe ein. In den 1850er Jahren lehnte Spanien den Vorschlag der USA ab, Kuba zu verkaufen (Ostende-Manifest). Nachdem aber die USA 1890 die Arrondierung und Erschließung ihres kontinentalen Staatsgebietes abgeschlossen hatten und die Indianerkriege zu Ende gegangen waren, griff die auf Erschließung neuer Märkte, auch mit aggressiven Mitteln, ausgerichtete US-Politik auf den verbliebenen Überseebesitz der alten Kolonialmacht Spanien über.
Drohkulisse mit dem Schlachtschiff USS Maine im Hafen von Havanna
Im März 1898 unterrichteten mehrere Politiker und Berater, unter anderem Henry Cabot Lodge senior, den amerikanischen Präsidenten William McKinley davon, dass zahlreiche US-Geschäftsleute aufgrund der wirtschaftlichen Verluste auf eine schnelle Lösung der kubanischen Frage drängten. Gegen spanische Proteste schickten die USA mit der USS Maine ein Schlachtschiff zu einem „Freundschaftsbesuch“ in den Hafen von Havanna. Gleichzeitig wurde die US-Flotte bei Key West zusammengezogen, und es liefen Vorbereitungen für eine Blockade der Insel, um die spanischen Truppen vom Nachschub abzuschneiden und weitere Verstärkungen zu unterbinden.
Die Explosion auf der USS Maine brachte die Stimmung gegen Spanien zum Kochen
Am 15. Februar 1898 kam es auf der Maine zu einer verheerenden Explosion, bei der 268 amerikanische Seeleute und Soldaten den Tod fanden. Die USA beschuldigten Spanien, einen Angriff verübt zu haben. Die amerikanische Öffentlichkeit war erwartungsgemäß empört. Unter anderem schürten die Publizisten William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer die Stimmung gegen Spanien. Der Schlachtruf der Hearst-Presse lautete: „Remember the Maine, to hell with Spain!“ (Denkt an die Maine – Zur Hölle mit Spanien!). Hearst wies seinen Korrespondenten an, in Havanna Bilder heranzuschaffen, damit er, Hearst, den Krieg heranschaffen könne: „You furnish the pictures. I’ll furnish the war.”
Spanien musste Puerto Rico, Guam und die Philippinen an die USA abtreten
Das Wrack der USS Maine ist Gegenstand vieler Nachforschungen geworden. Eine Untersuchung 1976 kam zu dem Ergebnis, dass nicht, wie seinerzeit von der US-Regierung behauptet, eine Mine unter dem Schiff detonierte, sondern die Explosion im Innern der USS Maine stattfand, also nicht von Spaniern verursacht worden sein konnte. Spanien musste Puerto Rico (inklusive der spanischen Jungferninseln), Guam und die Philippinen an die USA abtreten und erhielt dafür von den USA 20 Millionen Dollar (was inflationsbereinigt 2014 rund 570 Millionen Dollar entsprochen haben würde). Kuba wurde, wie im sogenannten Teller-Amendment festgelegt, formal von Spanien unabhängig, blieb aber zunächst unter US-Besatzung. Durch die Aufnahme des Platt-Amendment in die kubanische Verfassung von 1901 wurde bekamen die USA das Recht, in die inneren Angelegenheit Kubas praktisch nach Belieben hineinzuregieren.
Der Suez-Kanal von 1869 als Anstoß für den Panama Kanal
Die Idee einer Verbindung zwischen den Ozeanen durch einen Kanal wurde schon1523 angeblich unter Kaiser Karl V. gefasst. Goethe prophezeite 1827, dass es der „jugendliche Staat“ der USA sein werde, der einen Kanal bauen würde. Nach dem 1869 eröffneten Suezkanal durch Frankreich schien auch der Kanaldurchstich in Panama machbar. Panama war damals Teil von Kolumbien. In Frankreich wurde nach dem Erfolg des Suezkanals eine Panamakanalgesellschaft gegründet. Die Arbeiten kamen aber bald ins Stocken. Eine Auffanggesellschaft verkaufte 1902 den Gesamtkomplex nebst Konzessionen an die USA.
Die USA zwangen Kolumbien militärisch, ihnen das Panama-Kanalgebiet abzutreten
Die USA verlangten von Kolumbien die Abtretung des Panamakanalgebiets. US- Präsident Th. Roosevelt schickte 1903 ein Kriegsschiff. Amerikanische Soldaten gingen an Land, töteten den lokalen Milizkommandeur und riefen, wie es schon in Hawaii mit Erfolg gehandhabt worden war, den unabhängigen Staat Panama aus. Diesem gaben die neuen Republikaner als Wappenspruch den Satz, welcher gut zur Doktrin des manifest destiny passt: „Pro Mundi Beneficio“ (Zum Wohle der Welt). Zwei Wochen später, am 18. November 1903, wurde ohne Beiziehung auch nur eines Panamesen und nur in englischer Sprache ein Staatsvertrag über die Nutzung einer Kanalzone geschlossen. In einer Breite von jeweils fünf Meilen beiderseits der Kanaltrasse wurde das Gebiet zwar nicht abgetreten, aber der dauerhaften unbeschränkte Kontrolle der USA unterstellt. Artikel 1 sichert Panama zwar die Souveränität zu, aber die USA haben gemäß Artikel 2 ff. die alleinige Kontrolle über den Kanal.
Der Kanal wurde 1914 fertig und 1920 offiziell für den Weltverkehr geöffnet. Aus der Monroe-Doktrin folgte praktisch, dass es anderen Staaten nicht möglich war, sich an diesem oder einem anderen amerikanischen Kanalprojekt zu beteiligen. Auch das immer wieder diskutierte Kanalprojekt durch Nicaragua konnte daher praktisch nicht ohne Zustimmung der USA in Angriff genommen werden.
Die USA mischen sich in europäische Angelegenheiten ein
1. Die Intervention in Europa trotz Monroe- Doktrin – Es war offenbar bereits um 1900 die Leitlinie amerikanischer Politik, dass die USA eine faktische Hegemonie über Europa auszuüben hatte. Der deutsche Diplomat Hermann v. Eckardstein (1864–1933) berichtet aus einem 1911 mit Präsident a. D. Theodore Roosevelt geführten Gespräch über die während dessen Präsidentschaft (1901-09) eingetretene Kriegsgefahr infolge der Marokkokrise von 1905. Roosevelt wird zitiert: „Supposing the German armies had overrun France, we in in America would not have kept quiet. I certainly would have found myself compelled to interfere“ (Wenn deutsche Armeen Frankreich überrannt hätten, hätten wir in Amerika nicht still zugeschaut. Ich hätte mich selbstverständlich verpflichtet gesehen, dazwischen zu treten).
Die USA sehen sich berufen, in Europa für Machtgleichgewicht zu sorgen
Auf Eckardsteins Vorhalt, dass die Monroe-Doktrin die Nichteinmischung in europäische Angelegenheiten in sich schließe, habe der Präsident a.D. geantwortet: „As long as England succeeds in keeping up the balance of power in Europe – well and good….should she however for some reason or other fail in doing so, the United States would be obliged to step in at least temporarily in order to reestablish the balance of power in Europe…. In fact we ourselves are becoming, owing to our strength and geographical situation, more and more the balance of power of the whole world“ (Solange England das Machtgleichgewicht in Europa aufrechterhalten kann – schön und gut – Sollte es aber aus irgendeinem Grund dazu nicht mehr in der Lage sein, so müssten die Vereinigten Staaten jedenfalls vorübergehend einschreiten, um dieses Gleichgewicht in Europa wiederherzustellen. Schließlich sind wir aufgrund unserer Stärke und geographischen Lage dabei, das Machtgleichgewicht der ganzen Welt zu werden). Eckardstein fügt hinzu: „Bereits während der Marokkokrise hatten sich einige bekannte amerikanische Politiker .. in diesem Sinne ausgesprochen“.
Was nun klar war: England wird im Notfall gegen Deutschland unterstützt
Den Worten Roosevelts ist bereits der Zweifel an der wirklichen Macht Englands anzuhören. Hiernach war klar, dass ein Krieg der Großmächte in Europa die USA hereinziehen würde, sobald ein deutscher Sieg wahrscheinlich würde. Das bedeutete aber im realpolitischen Klartext: Es konnte England gar nichts passieren! Egal was es gegen Deutschland anstellen würde, die USA würde an seiner Seite stehen, und einen Krieg gegen die USA konnte niemand gewinnen.
2. Koloniale Gedankenspiele – Aus US-amerikanischer Sicht konnten sich daher um 1900 folgende Überlegungen einstellen: Sollte es Deutschland erneut gelingen, Frankreich niederzuwerfen (was vor 1914 niemand bezweifelte) und bei der Gelegenheit auch Belgien und Niederlande ansichzuziehen, dann wäre Deutschland nicht nur Herr von Europa mit weitreichenden Möglichkeiten im Osmanischen Reich, sondern mit einem Schlag auch als Herr des französischen Kolonialreiches in halb Afrika und des Niederländischen Kolonialreiches in Ostasien (Indonesien), wie es damals Großbritannien war. Nur das Fehlen einer der britischen gleichwertigen deutschen Kriegsflotte stand dem noch entgegen. Sobald aber dieser Mangel behoben sein würde, war denkbar, dass Großbritannien in eine Abhängigkeit des Deutschen Reiches geraten würde.
Deutschland als faktischer Erbe des Britischen Empires?
Das hätte bedeuten können, dass Deutschland als faktischer Erbe des Britischen Empires und zusätzlich als Inhaber der französischen, belgischen und niederländischen Besitzungen eine weltumspannende Supermacht geworden wäre. Die wirtschaftliche Basis des Deutschen Reiches war ungleich stärker als die Großbritanniens. Deutschland war das einzige Industrieland mit einer der amerikanischen vergleichbaren dynamischen Bevölkerungsentwicklung, während diese in Großbritannien deutlich langsamer war und in Frankreich praktisch stagnierte.
Als Erben des britischen Empire sahen sich die USA selbst
Es ist zwar nicht zu sehen, dass irgendein deutscher Politiker vor 1914 entsprechende Überlegungen angestellt hat. Aber amerikanische Imperialisten dachten anders und größer als wir in kontinentaler Enge verharrende Deutschen. Sie nahmen selbstverständlich an, dass auch Deutschland ebenso imperialistisch denke wie sie selber. Die USA sahen sich aber selbst als natürliche Erben des bereits deutlich schwächelnden britischen Empires. Roosevelt sagte im August 1944 zu Morgenthau: „I will go over there and make a couple of talks and take over the British Empire“ (Ich geh da mal hin, sage dies und das und hole mir das britische Empire ab. Das war aus amerikanischer Sicht der natürliche Lauf der Weltgeschichte. An Deutschland jedenfalls durfte das britische Erbe nicht fallen.
3. Zivilisatorische Mission der angelsächsischen Brudervölker – Das Weltordnungssystem um 1900 mit dem Britischen Empire an der Spitze zeigte innere Risse. Amerika sah sich als Erbe berufen, diese zu kitten bzw. die Störenfriede zur Ordnung zu rufen oder auszuschalten. Kolonialmächte begannen auch, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob es denn wirklich recht getan sei, andere Völker zu unterjochen. Die Legitimation für die Eroberung all der vielen Länder, die nebenbei gesagt gar nicht so viel einbrachten, wie erwartet, wurde fragwürdig. Man begann, etwa in Britisch-Indien, den Aufwand für den Erhalt des Imperiums und seinen Nutzen für das Herrschervolk nachzurechnen. Zu einem eindeutig positiven Ergebnis kam man nicht.
Zusätzliche Triebfeder der kolonialen Erweiterung: der zivilisatorische Auftrag
Aber letztlich blieb es bei der Machtfrage, an welcher sich Patrioten oder Nationalisten erfreuten und berauschten. „The English Nation has no intention of abandoning its place on the world`s stage, ceasing to be one of the Big Powers“ (Die englische Nation hat nicht die Absicht, ihren Platz auf der Bühne der Weltpolitik aufzugeben und aufzuhören, eine der großen Mächte zu sein). Der Imperialismus webte sich daher nun zusätzlich ein neues Gewand. Nicht Macht und Geld seien die Triebfedern der kolonialen Erweiterung, sondern der zivilisatorische Auftrag. Der amerikanische Präsident McKinley ging, bevor er die Philippinen annektierte, mit seinem Gott zu Rate und erhielt die Einsicht: Wir müssen die Filipinos erziehen, sie emporzuheben, zivilisieren und christianisieren und mit Gottes Gnade das Beste für sie zu tun als für unsere Mitmenschen, für die Christus ebenso gestorben ist wie für uns. Das sind Worte, die amerikanischen Präsidenten und Politikern noch heute gut über die Zunge gehen.
So wie die Anglo-Amerikaner haben Bismarck und seine Nachfolger nie geredet
So haben Bismarck oder seine Nachfolger nie gesprochen. Von einem göttlichen Auftrag, Deutschland zu einen und zu einem starken mitteleuropäischen Staat zu machen, war nie die Rede. Die USA und ihr Mutterland England handelten im Gehorsam gegenüber einer von Gott auferlegten Pflicht. Deutschland, das mit seiner barbarischen Sprache Gott weder richtig anreden noch auf ihn hören konnte, wie Rudyard Kipling, der Barde des britischen Imperialismus (Wild tongues that have not Thee in awe) meinte, stand der Erfüllung des den Angelsachsen gegebenen göttlichen Auftrages, die Welt zu zivilisieren, im Wege. Wenn Deutschland Absichten auf die Philippinen hatte, konnte es nur von frecher Machtgier getrieben sein. Angelsachsen aber hatten ihre höhere Weltaufgabe erkannt.
Als in Südafrika um 1870 Gold und Diamanten gefunden wurden
Die Aufgabe, Opfer zu bringen, um den Völkern der Welt die Kultur zu bringen, erstreckte sich auch auf Völker, die sich selbst für zivilisiert hielten oder wie die Chinesen gar für zivilisierter als die Weißen. Nachdem in Südafrika um 1870 Gold und Diamanten gefunden worden waren, wurde dieser Kulturauftrag auch in die Burenrepubliken getragen. Großbritannien hatte 1895 versucht, die Burenrepublik Transvaal im Handstreich zu annektieren. Es gelang, das zu vereiteln. Am 3. Januar 1896 sandte Kaiser Wilhelm II. dem Präsidenten von Transvaal Krüger dazu ein Glückwunschtelegramm (Krüger-Depesche).
Antideutsche Empörung in Großbritannien wegen der „Krüger-Depesche“ des deutschen Kaisers
Das löste in Großbritannien eine langanhaltende Welle von antideutscher Empörung aus, weil man glaubte oder glauben machen wollte, dass Deutschland, im aus britischer Sicht eigentlich anfechtbaren Besitz von Südwestafrika, die britische Macht in Südafrika verdrängen wollte. Als Kaiser Wilhelm II. 1908 versuchte, mit einem Interview, welches er einem Korrespondenten der britischen Daily Telegraph gab, die Wogen ganz zu glätten. misslang das völlig. In England galten des Kaisers Worte als arrogant und in Deutschland als peinliche Unterwürfigkeit vor Großbritannien. Die diplomatischen Beziehungen der beiden Staaten verschlechterten sich nachhaltig, was sich bis 1914 auch nicht wirklich änderte.
4. Abdankung des Zaren als Grund für den Kriegseintritt der USA – Die Gründe, weswegen sich die USA am ersten und zweiten Weltkrieg, also an dem Zweiten 30-Jährigen Krieg, beteiligten, liegen im Dunkeln. Der europäische Konflikt ging die USA überhaupt nichts an. Nach der Monroe-Doktrin hätten die USA zuschauen können, wer Sieger werden würde. Ihr Staatsgebiet und ihr Kolonialbesitz standen in diesem Kriege überhaupt nicht zur Diskussion. Da es mangels ernsthafter Zwistigkeiten eigentlich keinen wirklichen Kriegsgrund zwischen USA und Deutschland gab, kann der Kriegseintrittsgrund der USA wohl nur darin gesehen werden, dass ein deutscher Sieg verhindert werden sollte, um durch eine Ausschaltung Deutschlands das gestörte „politische Gleichgewicht“ wiederherzustellen.
Als der Zar 1917 abdankte und Russland aus dem 1. Weltkrieg ausschied, lag ein deutscher Sieg nahe
Alfred Mahan schrieb am 13. August 1914 an Roosevelt: „Sollten die Deutschen Frankreich und Russland zu Lande besiegen, würden (sie in die Lage versetzt) eine Seemacht vergleichbar mit England aufzubauen. In diesem Falle würde die Welt mit einer Seemacht konfrontiert werden, … voller gierigen und expansiven Ehrgeizes.“ Der Hauptgrund für die USA, zugunsten der Entente in den Ersten Weltkrieg einzugreifen, war aber offenbar die Abdankung des russischen Zaren. Am 15. März 1917 dankte Zar Nikolaus II. ab. Russland schied damit aus dem Krieg aus. Ein deutscher Sieg lag nun greifbar nahe.
Eine deutsche Vorherrschaft in Europa wollten die USA nicht hinnehmen
Das hätte bedeutet: deutsche Vorherrschaft in Europa. Die weltumspannenden französischen und englischen Kolonialreiche in deutschen Händen! Ein deutsches Weltreich, zumal eines derartigen Ausmaßes, wollten die USA nicht hinnehmen. Zwei Wochen später, am 2. April, hielt Präsident Wilson im Kongress eine Rede, in der er zur Verteidigung der Freiheit und zur Teilnahme am Kreuzzug der Demokratien gegen aggressive Autokratien aufrief. Am 6. April erklärte Amerika Deutschland den Krieg: Es ist schrecklich, dieses große friedliebende Volk in einen Krieg zu führen. Doch Recht ist kostbarer als Frieden, sagte Woodrow Wilson.
Donald Trumps drohendes Verlangen nach Grönland
Die mit militärischer Drohung vorgetragene Aufforderung der USA an Dänemark einen Teil seines Territoriums abzutreten, ist nach herkömmlichem Recht ein Kriegsgrund. Was wäre wohl die Reaktion der USA, wenn Deutschland von Dänemark verlangte, das 1920 abgetrennte Nordschleswig wieder herauszurücken! US-Präsident Trump verlangte 2025 und 2026 von Dänemark Grönland für die USA. Da Grönland geographisch ein Teil des amerikanischen Kontinents ist, ergeben sich aus der erweiterten Monroe-Doktrin interessante Aspekte für das von den USA geforderte Recht, Grönland, entweder durch Kauf oder durch sonstige, auch militärische, Maßnahmen zu erwerben.
Das Beispiel der einst dänischen Jungfern-Inseln in der Karibik
Es gibt dafür auch ein früheres Beispiel. Dänemark hat kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges die ihm gehörenden Jungferninseln in der Karibik (heute: Virgin Islands) an die USA verkauft. Dabei besteht der Verdacht, dass dieser Verkauf nicht freiwillig war, sondern im strategischen Interesse der USA Druck auf Dänemark ausgeübt wurde. Das von Trump genannte strategische Interesse zur Sicherung des Friedens, der Demokratie, Gerechtigkeit und aller weiteren hohen Werte, für welche die USA sich als Bannerträge ausrufen, erweist sich daher im Zweifel als leere Rhetorik, um einen in Wahrheit wirtschaftlich motivierten Angriff auf Grönland zu rechtfertigen.
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*) Diesen Beitrag von Menno Aden habe ich wegen seiner Länge um einige Textteile und um die insgesamt 49 Fußnoten mit ihren Quellenangaben gekürzt, ebenso auf die im Original enthaltenen Nummerierungen und Überschriften verzichtet und mit eigenen Zwischenüberschriften versehen, um den Lesefluss zu erleichtern. Das ungekürzte Original finden Sie hier oder können es bei mir per E-Mail als pdf-Datei abrufen.
Prof. Dr. iur. Menno Aden (Jahrgang 1942) hat Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn studiert (1963 bis 1967), wurde 1972 in Bonn promoviert, war in den Jahren 1971/72 Senior Research Officer am Institut für Rechtsvergleichung der Universität von Südafrika, war beruflich tätig in der Energie- und Kreditwirtschaft und von 1994 bis 1996 Präsident des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Schwerin, dann bis 2007 Professor an der FH für Ökonomie und Management in Essen. Verheiratet, fünf Kinder. Er hat neben seiner Lehrtätigkeit zahlreiche Schriften im Bereich Bank-, Wirtschafts- und internationales Recht verfasst, auch theologische Schriften und Bücher zu anderen Themen. Aus dem „Klappentext“ eines seiner Bücher: „Etliche berufliche Einsätze in aller Welt führten ihn immer wieder zu der Frage, wie es den Vereinigen Staaten von Amerika gelingen konnte, über viele Kriege hinweg zur imperialen Macht aufzusteigen, anderen Nationen – wie zum Beispiel Deutschland – aber den Ruf eines „Störenfrieds der Weltordnung“ anzuhängen.“ Weiteres über Aden siehe hier. Seine Web-Seite hier.