Wachstum? Ja, aber nur die unproduktive Bürokratie wächst

Der Mittelstand ist im Koalitionsvertrag vergessenMerz macht den gleichen Fehler wie Kohl beim Aufbau Ost – Er hat das Vertrauen der Mittelstandswähler verloren – Das Betriebssterben nimmt immer mehr Fahrt auf – Wohl um die 1 Million von 3,5 Millionen Gewerbebetrieben werden aufgeben – Exit-Strategien finden so schnell wie möglich – Auch rechtzeitiger Exit ist eine unternehmerische Leistung

 Von Prof. Dr. Eberhard Hamer*

Die Rahmendaten unserer Wirtschaft sind durch die Ampel-Regierung vorsätzlich so verschlechtert worden, dass die frühere Wachstumslokomotive Deutschland in Europa inzwischen am Ende liegt, mit der beginnenden Rezession kämpft und nur noch für unproduktive Bürokratie Wachstum aufweist. Viele Unternehmer hatten zu Anfang dieses Jahres gehofft, dass die neue Regierung die alten Fehler abstellen und neuen Schwung bringen würde. Merz hat aber schon vor Beginn seiner Tätigkeiten die größten wirtschaftlichen Enttäuschungen beschert: statt Solidität der Staatsfinanzen Maxiverschuldung und diese nicht für die Wirtschaft, sondern für die Rüstung, die Infrastruktur und für ÖkoSpinnerei. Der Mittelstand ist auch im Koalitionsvertrag vergessen. Merz macht den gleichen Fehler wie Kohl beim Aufbau Ost: Statt der 96 Prozent mittelständischer Personalunternehmen unserer Wirtschaft werden internationale Konzerne gefördert. Aber von den Mittelständlern hängt der Wirtschaftsaufschwung, wie die falsche Wirtschaftspolitik in den neuen Bundesländern gezeigt hat, eigentlich ab.

Die Ampel-Regierung hat „Transformation von Ökonomie auf Ökologie“ durch „Deindustrialisierung“ erzwungen, und zwar durch den Zwangsersatz der billigen russischen durch dreimal so teure US-Energie sowie durch Strangulierung der wertschöpfenden Industrie- und Gewerbebetriebe. Sie hat künstlichen Fachkräftemangel herbeigeführt, indem sie Vollkaskoversorgung bei Nicht-Arbeit (Bürgergeld) einführte und immer schlechter ausgebildete Abiturienten von den anspruchsvollen MINT-Fächern der Universitäten wegmobbte und in die wissenschaftlich umstrittenen und leistungsschwachen Schwafelfächer von Öko- bis Gendersoziologie schon mehrheitlich hineinmobbte (von denen immer noch 40 Prozent durchfielen).

Merz hat das Vertrauen der Mittelstandswähler verloren

Eine Regierung aus den alten roten Mittelstandshassern und zusätzlichen Kapitalknechten gibt im Mittelstand kein zusätzliches Vertrauen. Dies wäre aber notwendig, zumal Merz durch seine Schuldentrickserei und seinen Koalitionsvertrag das in ihn gesetzte Vertrauen der Mittelstandswähler verloren hat. Wir werden also weiter in die Rezession schliddern. Der Sachverständigenrat rechnet mit Stagnation (Nullwachstum). Die Politik spricht von „negativem Wachstum“, die Wissenschaft aber darf ehrlich sein und den zunehmenden Abstieg Rezession nennen. Für Unternehmer jedenfalls, die nicht von Täuschungen, sondern von realen Chancen und Umsätzen leben müssen, bringt es nichts, falschen Hoffnungen auf die Politik nachzufolgen. In der Wirtschaft zählen reale Fakten: Chancen, Umsatz, Rendite und Gewinn. Wo diese nicht mehr sind, bleibt alle Hoffnung vergebens.

Das Betriebssterben nimmt immer mehr Fahrt auf

2023/2024 haben nach Schätzungen des Mittelstandsinstituts Hannover zwischen 400.000 und 500.000 Soloselbständige in Deutschland aufgegeben, also Unternehmer, die aus eigener Kraft leben und Steuern zahlten, jetzt aber in die knapper werdenden Angestelltenstellungen drängen oder vom Sozialstaat leben müssen. Wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform gerade (Mai 2025) veröffentlicht hat, sind die Unternehmensschließungen 2024 gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent gestiegen. In der Industrie (-26 Prozent) waren vor allem die hohen Energiekosten und der Wettbewerbsdruck aus dem billigeren Ausland maßgebend. In der Pharmazie und Chemie – eigentlich Zukunftsbranchen – machen sich, ebenso wie im IT-Bereich (-25 Prozent) Fachkräftemangel und Rohstoffpreissteigerungen, aber auch bürokratische Strangulierung bemerkbar. Aufgeben müssen vor allem Start-ups, die keine Finanzierung mehr bekommen, weil auch die Aussichten übel sind.

Auch größere Betriebe beginnen mit dem Schließen

Creditreform weist darauf hin, dass nach dem Sterben von Soloselbständigen und Start-ups nun auch der Trend zu Betriebsschließungen größerer Betriebe stattfindet. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Mittelstandsinstituts bei den Personalunternehmen. Danach geben mehr und mehr Unternehmer aufgeben nicht nur deswegen auf, weil sie nicht mehr können, sondern weil sie auch nicht mehr wollen. Sie sehen die Zukunftsaussichten in der beginnenden Krise als zu düster an.

Mittelstandsunternehmen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Das Mittelstandsinstitut Hannover bekommt Zulauf von immer mehr Unternehmern, die ein Gespräch darüber suchen, wie sie der kommenden Wirtschaftsrezession begegnen sollen. Sie stecken zwischen dem Wunsch nach Erhalt und Wachstum ihres Unternehmens und der Realität sich verschlechternder Wirtschaftsbedingungen, sinkender Umsätze, Personalknappheit und teurer werdender Personal- und Materialkosten, also Verlust statt Gewinn, Risiko statt Chancen und ebenso wenig Vertrauen in die Merz-Regierung wie in die frühere Ampel.

Wohl um die 1 Million von 3,5 Millionen Gewerbebetrieben werden aufgeben

Nach der normalen Wirtschaftstheorie dauert eine Krise drei bis fünf Jahre, bis die wirtschaftspolitischen Fehler und Grenzbetriebe korrigiert sind und sich wieder ein neuer Aufschwung bilden kann. Es hat deshalb keinen Sinn, wenn man ratsuchenden Unternehmern falsche Hoffnungen macht. Von unseren etwa 3,5 Millionen Gewerbebetrieben werden wir in dieser Rezession wohl um eine Million herum verlieren, vor allem mittelständische Personalunternehmen, denen niemand hilft und die auch die Regierung nicht beachtet.

Jetzt geht es darum, Vermögen zu retten – betriebliches und privates

Wenn also die Zukunft sogar in Zukunftsbranchen in Deutschland düster ist, geht es nicht mehr darum – wie die Unternehmer in der Universität gelernt haben – Gewinn zu erzielen und zu expandieren, sondern es geht darum zu reduzieren und dadurch, dass sie das Betriebsvermögen retten, auch ihr Privatvermögen zu retten. Geht nämlich der Betrieb insolvent, haftet ein Personalunternehmer immer auch mit seinem Privatvermögen, scheitert er also nicht nur betrieblich, sondern auch privat (im Gegensatz zu Managern, die nicht haften).

Exit-Strategien finden – so schnell wie möglich

Es geht also jetzt für mehr als ein Drittel unserer Betriebe in Deutschland darum, Exit-Strategien zu finden, und das so schnell wie möglich. Nur im Anfang kann man noch verkaufen, in der Depression nicht mehr. Das Mittelstandsinstitut empfiehlt deshalb den mittelständischen Unternehmern, sofort Exit-Planungen aufzustellen

  • welche Substanz im Unternehmen überflüssig ist und deshalb noch rechtzeitig verkauft werden sollte,
  • welche Mitarbeiter (Einteilung in A, B, C) zuerst überflüssig wären,
  • welche Betriebsabteilungen bei Umsatzverlusten zuerst geschlossen oder abgegeben werden sollten,
  • welche Vermögenssicherungsmaßnahmen für das Privatvermögen notwendig sind, um den Haftungsübersprung zu vermeiden,
  • den Markt zu sondieren, ob irgendwelche Konkurrenten übernahmebereit wären und zu welchen Bedingungen,
  • wenn kein Nachfolger in Sicht und keine Zukunft für den Betrieb besteht, rechtzeitig eine Betriebsschließung vorzubereiten, statt noch eigenes Kapital einzuschießen.

Auch rechtzeitiger Exit ist eine unternehmerische Leistung

Exit-Strategien sind im Betrieb menschlich schwieriger durchzuführen als Wachstumsstrategien. Insofern ist die unternehmerische Leistung im Exit anspruchsvoller als im Wachstum. Wichtig ist aber, dass die Unternehmer vor sich selbst ehrlich bleiben, sich nichts vormachen und sich auch nicht von falschen politischen Hoffnungsparolen verführen lassen. Im Betrieb geht es für mittelständische Inhaberunternehmer immer um alles, auch um ihre persönliche Existenz. Wenn der Betrieb nicht mehr zu halten ist, muss man sich davon trennen, um sein persönliches Vermögen und seine familiäre Existenz aus dem Risiko zu retten. Je eher und je schonungsloser ein Unternehmer dies angeht, so erfolgreicher wird sein Exit sein.

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* Professor Dr. Eberhard Hamer, Mittelstandsinstitut Niedersachsen e.V., ist Autor von mehr als 30 Büchern und rund 1000 Aufsätzen. Er hat Volkswirtschaft, Rechtswissenschaften und Theologie studiert mit dem Abschluss als Dr. rer. pol. Danach ist er mit Zulassung als Rechtsanwalt in einem Unternehmen tätig gewesen. 1975 hat er das Mittelstandsinstitut Niedersachsen e.V. gegründet. Als er einen Ruf an die Fachhochschule Bielefeld erhielt, lehrte er dort als Professor für Wirtschafts- und Finanzpolitik bis zu seinem Ruhestand 1994. Er gilt als führender deutscher Mittelstandsforscher.

Die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt.

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