BILD prescht vor: „Schluss mit Starrsinn in der Corona-Politik“

Dem Chefredakteur des Blattes, Julian Reichelt, ist augenscheinlich der Kragen geplatzt

Foto: Sebastian Schulze

Die BILD-Zeitung macht unter den Mainstream-Medien den Anfang. Ihrem Chefredakteur Julian Reichelt ist augenscheinlich der Kragen geplatzt. In einem Kommentar mit der Überschrift „Schluss mit Starrsinn in der Corona-Politik!“ stellt er die massiven Beschränkungen der Wirtschaft zum Schutz vor dem Corona-Virus plakativ infrage (Ausgabe vom 27. April). Setzen die Politiker sie fort, brechen unweigerlich Massen von Unternehmen zusammen – mit absehbar außerordentlich schweren Folgen für die Beschäftigten und die Wirtschaft in allen ihren wesentlichen Teilen. Daher sind die Rettungspakete mit hunderten von Milliarden Euro schon geschnürt, erste Hilfsgelder schon ausgezahlt oder auf dem Weg.

Soll das so weiterlaufen oder nicht? Es geht also um die Entscheidung, entweder diesen Zusammenbruch weiterhin in Kauf zu nehmen oder eher mehr Infektionen, mögliche Krankheitsausbrüche und Sterbefälle mit einem „What ever it takes“ zu bekämpfen, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen. Ist also, was staatlich noch angeordnet wird, verhältnismäßig?

Diese, so Reichelt, „bittere, aber leider notwendige Debatte“ werde uns durch das „unkontrollierbare Ereignis Corona“ aufgezwungen, aber die Politik verweigere sich ihr. Er fürchtet, dass sich die Interessen vieler Menschen und die der Politiker rasant voneinander entfernen: Für jeden Politiker, der sich für Lockerung der Einschränkungen einsetze, könne jeder Corona-Tote zum Hochrisiko werden, aber für Millionen Menschen sei es verheerend, wenn ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage vernichtet werde, obwohl es weiterhin kaum Corona-Tote gebe. Seinen Kommentar beginnt Reichelt mit dem folgenden Text.

„In der Corona-Krise sind nur zwei Dinge sicher: Erstens, ob die Maßnahmen richtig oder falsch, maßvoll oder überzogen sind, werden wir erst aus den Geschichtsbüchern erfahren. Ob wir auf Corona als Gesundheitskatastrophe oder Zusammenbruch unserer Wirtschaft zurückblicken werden, ist vollkommen offen. Es ist möglich, aber keinesfalls gewiss, dass richtig ist, was gewaltige Mehrheiten für richtig halten. Es gibt keine Herdenimmunität dagegen, historisch katastrophal falsch zu liegen. Zweitens, nahezu alle Experten, denen wir uns in dieser Krise anvertrauen (müssen), lagen mit nahezu jeder Einschätzung so falsch, dass unser Glauben an sie sich nur noch mit Verzweiflung erklären lässt.“

„Sie haben das Tragen von Masken nahezu verhöhnt. Nun ist es Pflicht. Sie haben davor gewarnt, Schulen und Kitas zu schließen. Nun sind Millionen Kinder seit Wochen zu Hause. Sie haben als nutzlos abgetan, die Grenzen abzuriegeln. Nun kommt niemand mehr ins Land. Sie haben trotz aller Maßnahmen immer wieder vor dem unmittelbar bevorstehenden Kollaps unseres Gesundheitssystems gewarnt. Nun herrschen auf Krankenhausfluren gespenstische Ruhe und Angst vor Arbeitslosigkeit. Das Robert-Koch-Institut riet davon ab, Corona-Tote zu obduzieren. Nun geschieht es trotzdem und Rechtsmediziner sagen, dass bei Weitem nicht alle Toten tatsächlich an Corona gestorben seien. Sportanlagen mussten geschlossen werden. Nun ist Tennis in manchen Bundesländern verboten, in anderen erlaubt, obwohl es doch eigentlich lebensgefährlich ist.“

„Was mir am meisten Sorgen bereitet: Unsere Wirtschaft ist schon jetzt so massiv und teilweise irreparabel geschädigt, dass unsere Regierung sich kaum noch erlauben kann, zuzugeben, in ihrer Schärfe überzogen zu haben. Die Experten müssen Recht behalten, weil sie nicht falsch liegen dürfen. Die deutsche Wirtschaft vorschnell ruiniert zu haben, wäre für keine Partei, vielleicht nicht einmal für die Demokratie überlebbar. Deswegen erleben wir zunehmend Sturheit, Starrsinn und Rechthaberei – „erinnert mich an Flüchtlingskrise“, sagt mir ein Mitglied aus Merkels Regierung.“

Reichelts gesamten Kommentar zur Corona-Krise finden Sie hier.

Den Aufruf des Mittelstandsforums für Deutschland e.V. „Shutdown beenden – jetzt und sofort“ finden Sie hier.

 

Nachtrag vom 10. Mai 2020: Meine Deutung, dass dem BILD-Chefredakteur Reichelt augenscheinlich nur „der Kragen geplatzt“ ist, mag zu freundlich und arglos geraten sein. Zumindest muss man wohl auch dies berücksichtigen: Das amerikanische Investor-Unternehmen Kohlberg Kravis Roberts  (KKR & Co. Inc.) hat am 12. Juni 2019 ein Übernahmeangebot für den Medienkonzern Axel Springer SE zu 6,8 Milliarden Euro abgegeben, zu Jahresbeginn 2020 seine Aktienanteile am Springer-Konzern auf 47,6 Prozent erhöht und zugleich die Bewilligung erhalten, die Aktie von der Börse zu nehmen (Weiteres hier). Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner halten zusammen 45,4 Prozent des Grundkapitals. KKR ist inzwischen also der größte Anteilseigner. KKR verfolgt als aggressives Unternehmen rein wirtschaftliche Interessen. Das mag, zumindest zusätzlich, erklären warum Chefredakteur Reichelt plötzlich verlangt „Schluss mit dem Starrsinn in der Corona-Politik“ zu machen – vielleicht, um sich KKR empfehlen und seine Position zu behalten. Nähere Einblicke in die Hintergründe geben Eva Herman und Andreas Popp hier.

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Ein Kommentar zu „BILD prescht vor: „Schluss mit Starrsinn in der Corona-Politik““

  1. ZITAT: „…dass unser Glauben an sie sich nur noch mit Verzweiflung erklären lässt“

    Das ist meiner Ansicht nach eines der größten Probleme: Es gibt viel zu viele Gläubige. Kürzlich habe ich einem dieser Gläubigen (ein Professor) gesteckt, dass sein Gott – die Coronapandemie – meiner Ansicht nach nicht existiert. Blasphemie!
    In der Stadt leben über 500.000 Menschen, und es gibt bislang lediglich sechs (!) Coronatote. Aber alle rennen wie die Trottel mit Maulkorb rum.

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