Das ist keine Inflation

Immer wieder wird Inflation genannt, was keine ist – Markt- und inflationsbedingten Preisanstieg auseinanderhalten – Märkte, auf denen die Preise inflationsbedingt schon gestiegen sind

Schon etwas her …
Quelle: Popp Sport

Einen solchen Sprung habe die Infla­ti­ons­ra­te in Deutsch­land lange nicht mehr gemacht, ist kürzlich gemeldet worden: von minus 0,3 Prozent im Dezem­ber 2020 auf 1 Prozent im Januar 2021. Gemeint ist der Index der Verbraucherpreise. Es war eine Vorab-Meldung der FAZ.*) Die Zahl stammt vom Statistischen Bundesamt, das diesen aktuellen Wert offiziell aber erst am 10. Februar mitgeteilt hat.**)  Es führt den Anstieg im Wesentlichen auf drei Sondereinflüsse zurück. Erstens war die befristete Senkung der Mehrwertsteuer mit Jahresbeginn beendet. Zweitens ist die CO2-Abgabe auf Benzin, Diesel und Heizöl wirksam geworden, die vorgeblich helfen soll, vor Klimaerwärmung zu schützen. Drittens könnte die Anhe­bung des gesetz­li­chen Mindest­lohns auf die Preise durchgeschlagen haben. Daneben macht das Bundesamt auf die möglichen Einflüsse der Lockdown-Maßnahmen aufmerksam und gibt dazu methodische Hinweise. Doch wenn es diese Gründe sind, die zum Preisauftrieb geführt haben, dann ist das keine Inflation. Warum?

Nicht jeder Preisanstieg ist Inflation

Ich habe es vor Jahren schon einmal erläutert: Immer wieder wird Inflation genannt, was keine ist. Immer wieder werden die Begriffe Inflation und Teuerung durcheinander geworfen. Wenn beispielsweise der Rohölpreis steigt, weil weniger Rohöl angeboten wird, aber die Nachfrage nach Rohöl unverändert bleibt, dann ist das kein inflationärer Vorgang, sondern ein marktbedingter Preisanstieg, eine für die Verbraucher zwar unerfreulich zwangsläufige, aber ganz normale Teuerung. Wenn der Maispreis steigt, weil Trockenheit die Ernte dezimiert hat, ist auch das keine Inflation, sondern ebenfalls schlicht eine marktbedingte Preissteigerung, eine Teuerung. Wenn der Staat den Mehrwertsteuersatz heraufsetzt und daher alle Güter und Dienstleistungen auf breiter Front teurer werden, ist das ebenfalls keine Inflation, sondern politisch verordneter Preisanstieg

Nur der Preisanstieg als Folge aufgeblähter Geldmenge ist Inflation

Wenn dagegen zentrale Notenbanken mit ihrem staatlich verliehenen Geldmonopol und Banken mit ihrem Teilreserveprivileg durch Kreditvergabe die Geldmenge weit über das Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft hinaus aufblähen und dem dann ein Anstieg des Preisniveaus in dieser Volkswirtschaft folgt, weil das Güterangebot der aufgeblähten Geldmenge nicht so schnell (oder vielleicht auch gar nicht) folgen kann, dann ist das Inflation – vom Lateinischen inflare = aufblähen.

Preisanstieg als Folge einer Verknappung von Gütern ist keine Inflation

Karikatur: Kostas Koufogiorgios (toonpool.com)

Oder anders formuliert: An freien Märkten, also bei unbeschränktem Wettbewerb, pflegen Güterpreise nur dann zu steigen, wenn die kaufkräftige Güternachfrage größer ist als das gleichzeitig vorhandene Güterangebot. Die Ursachen dafür sind bekanntermaßen zwei: Entweder ist das Angebot, gemessen an der Nachfrage, zu knapp, oder die Nachfrage ist, gemessen am Angebot, zu groß. Zu knapp heißt, die Gütermenge ist geringer geworden (Beispiel Produktionsausfälle) oder nicht ebenso gewachsen wie die kaufkräftige, also die mit Geld ausgestattete Nachfrage. Wenn also Preise bei unverändertem Angebot und unveränderter Nachfrage steigen, weil die Geldmenge aufgebläht ist, dann ist das Inflation. Wenn Preise steigen, weil das Angebot bei unveränderter (oder gar gestiegener) Nachfrage zurückgegangen oder die Nachfrage bei unverändertem (oder gar gesunkenem Angebot) gestiegen ist, dann ist das keine Inflation, sondern eine Teuerung.

Markt- oder inflationsbedingten Preisanstieg auseinanderhalten

Das eine ist die Teuerungsrate, das andere die Inflationsrate. Steigt also der Index der Verbraucherpreise, heißt das korrekt und schlicht Teuerung, Preisanstieg oder Preisauftrieb. Diese Teuerung kann teilweise oder ganz auch inflationsbedingt sein, muss es aber nicht. Wäre sie ganz eine Folge der Geldmengenaufblähung, wäre die Teuerungsrate zugleich die Inflationsrate. Normalerweise ist sie das aber nicht. Die Begriffe Inflationsrate und Teuerungsrate sind also zweckmäßigerweise auseinanderzuhalten. Denn an solcher Unterscheidung muss sich Wirtschaftspolitik orientieren, wenn es gilt, das Preisniveau in der Volkswirtschaft oder in dem einen oder anderen Wirtschaftszweig im Zaum zu halten. Wer Preissteigerungen durch politisches Handeln verhindern oder eindämmen will, muss wissen, ob  sie marktbedingt oder/und inflationsbedingt sind, muss  also den Unterschied beachten, weil für das Handeln, um erfolgreich zu sein, unterschiedliche Mittel anzuwenden sind.

Märkte, auf denen die Preise inflationsbedingt schon gestiegen sind

EZB: Her mit den Staatsanleihen …
Karikatur: Janson

Schaut man auf die exorbitante Ausweitung der Geldmenge durch die Europäische Zentralbank, fragt sich, warum der Verbraucherpreis-Index in Deutschland und in der EU so niedrig ist, überschwemmt sie doch die EU-Volkswirtschaft mit Geld, indem sie den hochverschuldeten Staaten und Banken deren Anleihen abkauft und damit in den Wirtschaftskreislauf frisches Geld hineinpumpt. Doch sichtlich macht sich das Inflationspotential dieser Geldmengenausweitung bisher erst auf besonderen Sachgütermärkten bemerkbar: auf den Finanzmärkten (Beispiel: Kursrekorde am Aktienmarkt), auf den Immobilienmärkten (Preisanstieg für Agrarland, Bauland, Häuser), auf den Märkten für Edelmetalle wie Gold und Silber (Angst vor Geldentwertung, vor Währungszusammenbruch), auf Rohstoffmärkten und auf den Märkten für Luxusgüter. Die Inflation findet dort statt, denn alles dies zählt nicht zu den Konsumgütern, auf die sich der Verbraucherpreis-Index konzentriert. Bei Otto Normalverbraucher dagegen und damit auf den Konsumgütermärkten ist die Geldschwemme noch nicht angekommen. Das dauert länger.

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*)  FAZ vom 29. Januar 2021, Seite 15.

**)  Pressemitteilung Nr. 57 vom 10. Februar 2021 hier. Neben dem Verbraucherpreis-Index (VPI) gibt es noch den „harmonisierten“ Verbraucherpreis-Index (HVPI) Er belief sich für Deutschland  im Januar 2021 auf 1,6 Prozent gegenüber minus 0,7 Prozent im Dezember 2020. An ihm orientiert sich die EZB. Der HVPI wurde in der Europäischen Union (EU) entwickelt, um Preisänderungen international vergleichen und zu einer Gesamt­inflationsrate für Europa und der Europäischen Währungsunion zusammenfassen zu können. Näheres beim Statistischen Bundesamt hier.

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