Die Angst der Mittelschicht

Sie fürchtet sozialen Abstieg, verliert Vertrauen in die Zukunft und sucht, sich von der Unterschicht abzuschirmen

Die Mittelschicht arbeitet fleißig, ist tüchtig, strebsam, beständig, will vorankommen. Sie ist die Hauptgruppe der Bevölkerung, sie trägt die Wirtschaft, ist nicht rebellisch, der Staat kann sich auf sie verlassen. Doch seit einigen Jahren gärt es in ihr. Sie hat Sorgen, und die Sorgen nehmen zu. Die Lebenshaltung ist schwerer zu finanzieren, die gestiegene Steuer- und Abgabenlast drückt immer mehr. Sie spürt, dass sie an Boden verliert. Was einst sicher schien, ist es nicht mehr. Ältere Angestellte verlieren ihren Arbeitsplatz, viele bangen um ihn, junge Leute finden keinen. Das Inkassounternehmen Creditreform registriert in Deutschland seit 2005 einen ständigen Anstieg der Privatinsolvenzen, 6,5 Millionen Menschen seien überschuldet. Die Mittelschicht bröckelt ab. Angst breitet sich aus, Angst vor dem sozialen Abstieg. Das war auch der Titel einer Reportage  im Fernsehsender Arte am 22. Februar 2011 um 20.15 Uhr.*

Eindrücke aus Deutschland und Frankreich

Der Vorspann stimmt darauf ein. Eine Französin sagt: Wir essen nur einmal in der Woche Fleisch, sonntags, und fast nie Fisch, das können wir uns nicht mehr leisten. Ein Deutscher sagt: Die breite Masse, die jeden Tag zur Arbeit geht, für die wird zwar viel erzählt, aber wenig gemacht. Ein Franzose sagt: Man kommt in einen Teufelskreis, man arbeitet immer mehr und verdient immer weniger. Der Reportagefilm pendelt zwischen Eindrücken aus Frankreich und solchen aus Deutschland hin und her.

„Die Mittelschicht schrumpft“

Die Stimme aus dem Off sagt: „Drei von vier Franzosen sorgen sich um ihre Zukunft. In Deutschland fürchtet jeder Dritte den sozialen Abstieg. In den vergangenen zehn Jahren ist in Deutschland die Mittelschicht von 64 auf 58 Prozent geschrumpft. Fast fünf Millionen Menschen stiegen in die unteren Randzonen der Gesellschaft ab. Von diesem Abstieg betroffen sind vor allem Ältere mit kleinen Kindern. Die Mitte der Bevölkerung wird in Deutschland nicht nur kleiner, auch die Lebensbedingungen innerhalb der Mittelschicht unterscheiden sich immer stärker.“ In Frankreich verliere die Mittelschicht ebenfalls das Vertrauen in die Zukunft. Ihre Probleme seien vielfältig. Unbezahlbare Wohnungen, immer mehr Sparmaßnahmen, fehlende berufliche Perspektiven für Kinder, die Angst steigere sich, ebenso die Wut.

„Die Mitte wird ungleicher, die Konflikte nehmen zu“

Ein deutscher Soziologe äußert, die Mitte insgesamt werde ungleicher. Die Konflikte innerhalb der Mitte nähmen zu. Stichworte dafür sind Status, Wohlstand, Bildungserfolg. Später sagt er, in ganz Europa sei das so, alle seien mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Ein französischer Ökonom kommt zu Wort: Es sei sehr, sehr problematisch, dass die Mittelschicht leide. Jedes Mal, wenn das der Fall sei, führe dies zu katastrophalen Situationen. Beide Wissenschaftler tragen im weiteren Verlauf auch noch andere kurze Kommentare bei.

Wie es auf Menschen wirkt, was mit ihnen geschieht

Der Film stellt Beispiele vor: ein Hamburger Traditionsunternehmen für Klima- und Lüftungsanlagen, das Insolvenz angemeldet hat und immer noch mehr Beschäftigte entlassen muss, ein französisches Ehepaar (er ehemals Manager in der Luftfahrt, sie Bankangestellte, ein Kind), das Arbeitslosigkeit bis vor zwei Jahren nur von anderen kannte, eine Hamburger Kunsthändlerin, die ihr Geschäft aufgeben muss, was ihre Familie seit drei Generationen betrieben hat und die zuvor gut davon leben konnte, ferner einen jungen Franzosen, der in einem Ministerium arbeitet und Sorgen hat, die seine Eltern (Arztfamilie) nicht gehabt haben, sowie eine Hamburger Familie (er Bauingenieur in einem großen Unternehmen, sie Betriebswirtin, halbtagstätig, zwei Kinder, eigenes Haus), die bei ihrer Steuerlast gegen Kita-Gebühren ist und mehr Angst hat, nach unten abzusteigen, als Hoffnung, weiter aufzusteigen. Der Film lässt die von den Zeitläuften Getroffenen reden und macht damit anschaulich, wie es auf die Menschen wirkt, was mit ihnen geschieht.

Aber das IW in Köln spricht von einem Fehlalarm 

Der Film schildert ein längst bekanntes Phänomen, andere haben auf die Entwicklung schon früher aufmerksam gemacht. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) schon verschiedentlich ein gefährliches Schrumpfen der Mittelschicht konstatiert. Das aber sei ein Fehlalarm meint das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), das DIW interpretiere seine Daten einseitig. Daher hat das IW die Daten von 1992 bis 2009 noch einmal ausgewertet und kommt dabei zu anderen Ergebnissen. Danach ist der Anteil der Mittelschicht in Deutschland seit 1993 relativ konstant geblieben (60 bis 67 Prozent der Bevölkerung). Maßstab ist das Einkommen. Für Statistiker gelten diejenigen als armutsgefährdet, die (einschließlich Sozialleistungen) weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung haben. Nach der jüngsten EU-Statistik mit Daten von 2008 gehören zu dieser Gruppe der Gefährdeten 15,5 Prozent der deutschen Bevölkerung, also etwa jeder sechste. Im Durchschnitt der EU-Länder sind es 16,3 Prozent.

„Der massenhafte Abstieg aus der Mittelschicht ist ein Mythos“

Zur Mittelschicht gehören für das IW alle jene, die mit ihrem Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung liegen. Nach dieser Definition zählen rund 16 bis 19 Prozent zur oberen Einkommensschicht und rund 20 Prozent zu unteren. Dass es einen massenhaften Abstieg aus der Mittelschicht gebe, nennt das IW einen Mythos, räumt aber ein, dass es subjektive Abstiegsängste verbreitet gibt. Für die Zunahme der Gruppe mit niedrigen Einkommen hat das IW diese Erklärung: Es ändere sich, wie sich die Bevölkerung zusammensetze. So gebe es zum Beispiel mehr Alleinerziehende und Einwanderer. Und in Einwandererfamilien sei die Geburtenrate höher, in Mittelschichtfamilien geringer. Der Titel des IW-Gutachtens lautet „Mythen über die Mittelschicht – Wie schlecht steht es wirklich um die gesellschaftliche Mitte?“ Nähere Einzelheiten finden sich hier: http://www.iwkoeln.de/tabID/152/ArticleID/30804/language/de-DE/Default.aspx

Was die Arte-Reportage nicht vermittelt

Wenn also die DIW-Darstellung einseitig und verzerrt ist und sich daraus einige Medien veranlasst sehen, die Abstiegsängste zu schüren, dann vermittelt die Arte-Reportage aber doch, dass solche Ängste bestehen und dass einzelne Menschen vor einem Abstieg stehen oder ihn schon erleben. Auch vermittelt er individuelle Eindrücke von der Lage. Nur eins vermittelt er nicht: was die tieferen Ursachen für diese Entwicklung sind, wenn sie denn als breite Erscheinung wirklich so zutrifft. Die allerdings wären dann vielfältig und kompliziert zu erklären. Das kann so eine Reportage wohl auch schwerlich leisten. Aber einen Hinweis auf die unterschiedliche Interpretation der Daten durch DIW und IW hätte sie durchaus leisten können. Da sie es versäumt, wirkt sie am Ängsteschüren mit.

Die Mittelschicht grenz sich nach unten ab

Zur Angst vor dem Abstieg gesellt sich die Erscheinung, dass sich die Mittelschicht abgrenzt, ebenfalls aus Angst. Arte schilderte sie am selben Abend in einem anderen Reportage-Film.** Diese Angst äußert sich im Bestreben, sich von der Unterschicht abzugrenzen. Das macht sich besonders im Trend zu Privatschulen bemerkbar. Immer mehr Eltern ziehen ihre Kinder aus den staatlichen Schulen ab, um sie vor dem (auch gewalttätigen) sozialen Milieu der Unterschichtkinder zu bewahren, und nehmen das Schulgeld für Privatschulen in Kauf.

Zentrales Thema ist die Bildung

In der Diskussion um den Status der Mittelschicht, heißt es in dem Film, sei Bildung ein zentrales Thema. Gute Schulbildung soll den Kindern beruflichen Erfolg und den sozialen Status sichern. Die Kämpfe in der Verteidigungsfront gegen Abstiege und Abstiegsängste, sagt ein Hochschulprofessor, würden in Mittelschichten vor allem im Feld der Bildung geführt. Und man könne zugespitzt sagen, Bildung sei das Nadelöhr zur Erhaltung der Mittelschicht. Der soziale Klassenkampf werde heute in den Schulen ausgetragen. In Frankreich ist diese Abgrenzung schon weiter vorangeschritten als in Deutschland. Dort besuchen rund 2 Millionen Kinder Privatschulen gegenüber rund 550 000 in Deutschland.

Dramatischer Verlust an Vertrauen in den Staat

Ferner ziehen sich immer mehr Mittelschichtfamilien in gut abgeschirmte Wohnanlagen zurück; sie suchen dort Ruhe und räumliche Abgeschlossenheit, wollen unter ihresgleichen leben, möchten vor allem größte Sicherheit erreichen – für sich selbst und für ihre Kinder. Auch hier steckt dahinter die Angst, etwas zu verlieren. Ein Familienvater sagt, das Vertrauen in die Politik, in die politische Führung, in die staatlichen Systeme schwinde bei ihm dramatisch. Diese Mittelschicht-Eltern sind gegen einen Staat, von dem sie sich nicht mehr vertreten fühlen und gegen den sie nun opponieren. Eine Hamburger Journalistin sagt: „Die Mittelschicht hat eine immense Verachtung für den Staat und würde ihn am liebsten loswerden.“ Der Film schildert die Entwicklung sachlich und ohne aufgeregten Alarmismus. Doch die politische Führung sollte durchaus alarmiert sein. Sicher weiß sie davon. Aber was tut sie?

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* „Mittelschicht – Angst vor dem sozialen Abstieg“, gesendet am Dienstag, den 22. Februar 2011um 20.15 Uhr auf Arte.

** „Geschlossene Gesellschaft – Rückzug ins Private“, gesendet am 22. Februar 2011 um 21.15 Uhr ebenfalls auf Arte.

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