Ihre Vormachtstellung anstelle der britischen bescherte ihnen der Erste Weltkrieg – Seit 1919 kaum ein Jahr, in dem die USA irgendwo keinen Krieg geführt haben – Der britische und amerikanische Erwählungsglaube – Das globale Ausgreifen der USA – Was Hannibal für Rom, war Hitler-Deutschland für die Alliierten – Abschied vom Alleinschuld-Dogma – Bröckelnde Macht und die Lebensdauer von Imperien – Das Buch von Menno Aden über das Werden des Imperium Americanum und dessen zwei hundertjährigen Kriege

Großmächte kommen und gehen. Das war in der menschlichen Historie bekanntermaßen schon immer so. Von Dauer ist auf lange Sicht ohnehin nichts – das Gute nicht, das Schlechte nicht. Um das Gute ist es schade, um das Schlechte nicht. Hegemonien fallen meist in beide Kategorien. Was von beidem überwiegt, ist unterschiedlich und pflegt sich über die Zeit zu verändern, aber stets hin zum Schlechten. Das führt zur Schwäche, zum Kränkeln, zum Siechtum, zum Ableben. Werden Hegemonien schwach – und das werden sie immer, auch wenn es sich unterschiedlich hinzieht – treten andere an ihre Stelle. Der Hegemon auf dem Erdball sind derzeit noch die Vereinigten Staaten, die USA, jedenfalls durch ihre militärische Stärke. Als wirtschaftliche und politikbestimmende Weltmacht sind sie auf dem Abstieg. Wer nachrückt, ist vor allem China. Russland versucht, wieder aufzuholen. Aber wie sind die USA geworden, was sie wurden und vorerst noch sind, ihren Zenit aber wohl schon überschritten haben? Nicht über den Untergang, aber über das Werden des Imperium Americanum und seine zwei hundertjährigen Kriege informiert ein Buch. So nämlich lautet der Titel des Buches. Geschrieben hat es der Jurist und mehrfache Buchautor Menno Aden.

Aus der einstigen britischen Weltmachtstellung wurde die der USA

Aden deutet die heutige amerikanische Hegemonie als das Ergebnis von  zwei Langkriegen, die jeweils etwa hundert Jahren gedauert haben. Er nimmt die Entwicklung der amerikanischen Vorherrschaft unter zwei Aspekten ins Visier. Der eine konzentriert sich darauf, diesen Weg zur Vorherrschaft als eine Fortsetzung um das hegemoniale Ringen der Großmächte in Europa darzustellen: Was auf dem „alten Kontinent“ Großbritannien (nach der Unterwerfung Indiens und dem Halbprotektorat über China als Folge der Opiumkriege) mit seinem Weltreich bis 1860 gelungen war, übernahm dann der „neue Kontinent“. Aden sieht das Imperium Americanum „als Umformung dieser britischen Weltmachtstellung“. Der zweite Aspekt behandelt den amerikanischen Glauben, erwählt und zu Besonderem  bestimmt zu sein, was Gewalttaten und Rechtsbrüche zu rechtfertigen vermöge.

Die amerikanische Vorherrschaft brachte der Erste Weltkrieg

In der Zusammenfassung liest sich das Geschehen so: Um 1870 wurden die USA in diese Alleinstellung anfänglich als eine Art Juniorpartner aufgenommen. Bis 1910 wandelte sich die britische Vorherrschaft zu einer britisch-amerikanischen Doppelspitze. „Kurz vor 1914“, so schreibt Aden im Vorwort, „hatten die USA in dieser Partnerschaft ein leichtes Übergewicht, sozusagen 51 Prozent der Stimmrechte, errungen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, der nicht nur Deutschland politisch vernichtet, sondern auch das Britische Weltreich massiv geschwächt hatte, wurden die USA praktisch allein bestimmend.“ Die bis dahin herrschende Weltordnung war zerbrochen, die amerikanische Vorherrschaft geboren. Die USA hatten – vom Verkünden der Monroe-Doktrin 1823 (hier) an gerechnet –  in einem ersten (fast) hundertjährigen Krieg  erreicht, was sie ausdehnungsbesessen im arroganten, selbstherrlichen Sendungsbewusstsein als ihre Bestimmung (manifest destiny, hier) empfanden und darstellten. Dieser erste Krieg, so Aden, betraf zwar im Wesentlichen Europa, aber auch schon Asien.

Seit 1919 kaum ein Jahr, in dem die USA irgendwo keinen Krieg geführt haben

Der zweite Teil des von den USA beherrschten politischen Weltgeschehens begann nach Adens Darstellung1919. In den Kolonialstaaten entstanden Unruheherde. Die „Kolonisierten“ lehnten sich gegen ihre Kolonialherren auf, suchten, sich von ihnen zu befreien. Seither, so Aden, habe es bis heute wohl kein Jahr gegeben, in dem die USA nicht irgendwo Kriege  geführt oder militärische Aktionen initiiert hätten. Zu ihnen  zählt er den Zweiten Weltkrieg, den sich anschließenden Korea-Krieg, den Vietnam-Krieg, die Golfkriege und etliche andere. Er deutet diese Vorgänge als „einheitlichen Langkrieg“, als zweiten hundertjährigen Krieg, den die USA seit ihrem Bestehen geführt haben. Dieser betreffe Europa zwar ebenfalls, im Wesentlichen aber Asien. Daraus folge auch, dass die eurozentrische Sicht auf die beiden Weltkriege mit dem Hauptthema Deutschland überdacht werden müsse.

Wie Kriege entstehen

Das Buch beginnt mit einem „Vorspiel in der Alten Welt“ samt den Kapiteln Fränkischer Geschwisterneid, Englands Eintritt in die europäische Binnenpolitik, England als Sieger sowie England, Europa und Amerika (darunter Englisch als europäische Sprache).  Dem schließt sich eine Gliederung in elf Teilen an. Der erste befasst sich mit dem Aufbau von Imperien, darunter Kapitel Wie Imperien entstehen,  Einflussbereich und Imperium (mit der Frage: Was ist ein Reich?),  Eroberungskriege als Staffelkriege, Langkriege als Verbund von Einzel- und Staffelkriegen, Langkriege als Einigungskriege. Rom und die USA, Langkriege und Erwählungsbewusstsein sowie Die Rechtfertigung von Eroberungskriegen.

Der britische und amerikanische Erwählungsglaube

Im zweiten Teil (Manifest destiny – Amerikas Bestimmung) geht es um den britischen Erwählungsglauben einerseits und den amerikanischen andererseits. Der dritte Teil beschreibt den Aufbau des Imperium Americanum (Besitznahme des Raums, Die Monroe-Doktrin, Die Weiterentwicklung der Monroe-Doktrin sowie Amerikanische Suprematie (Rechtswesen, amerikanozentrisches Denken, Englisch als Weltsprache, zweifelhafte Lehrbücher). Im vierten Teil liest man, wie die USA ihren Kontinent erobern (Louisiana, Mexiko, Sezessionskrieg, Hawaii und Südsee, Alaska). Im sechsten Teil folgt Der Griff nach Asien mit dem Eintritt der USA in die Weltpolitik (Spanien, Philippinen, Panama-Kanal). Der siebte Teil fasst die um 1900 bestehende Weltordnung zusammen.

Das globale Ausgreifen der USA

Dann beginnt (Teil 8) das globale Ausgreifen der USA mit den Kapiteln Die Ausgangslage, 39 Mal Deutschland (darunter „Feindbild Deutschland“), Deutschland stört die angelsächsische Welt, Die Weltkriege als Zweiter Dreißigjähriger Krieg, Kriegseintrittsgrund der USA 1917, Weitere Kriegseintrittsgründe der USA gegen Deutschland, Das Osmanische Reich als Beute der Angelsachsen. Das neunte Kapitel beschreibt den Kampf um Ostasien mit Japans Aufstieg zur Großmacht, Chinas Umgestaltung, der Rolle der USA dabei und mit den Folgen des Zerfalls der Kolonialreiche.

Was Hannibal für Rom, war Hitler-Deutschland für die Alliierten

Teil 10 über den Weg in den Zweiten Weltkrieg beginnt mit einem Vergleich, wonach der Zusammenprall zwischen den alliierten Staaten und Deutschland dem Kampf zwischen Rom und Karthago ähnelt: Was Hannibal für Rom war, war gleichsam Hitler für die Alliierten. Aden beleuchtet kritisch, wie glaubhaft die politischen Gründe für die Kriegserklärungen der Alliierten sind. Er verweist auf Ereignisse als andere mögliche Beweggründe: die deutsch-japanische Annäherung, die Bedeutung der Kernspaltung, den deutschen Vorsprung bei Strahlflugzeugen und die Raketentechnik. Um Danzig sei es nicht gegangen.

Kalter Krieg, Stellvertreterkriege, Rom und USA im Vergleich, bröckelnde Pax Americana

In weiteren Darstellungen ist über den Seitenwechsel der „Beutepartner“ Italien und Japan zu lesen, über Japan und Pearl Harbor, über die Fortsetzung der kriegerischen Auseinandersetzungen nach dem Zweiten Weltkrieg als „Kalter Krieg“ zwischen westlicher und kommunistischer Welt vor allem der Sowjetunion und den USA, über die Stellvertreterkriege in Korea, Indochina, Afghanistan und Irak, über Rom und USA im Vergleich, über die Lebensdauer von Imperien und die „bröckelnde Pax Americana.

Abschied vom Alleinschuld-Dogma

Das Buch endet (Teil 11) mit ebenfalls lesenswerten Folgerungen zur deutschen Schuld und zum „Abschied vom Alleinschuld-Dogma“ sowie mit Überlegungen Wie es weitergehen könnte. Zum Schuldkomplex schreibt Aden (Seite 203): „Diese auf Deutschland zentrierte Sicht verhindert auch, den weltweiten Zusammenhang zu sehen zwischen den schier unzähligen kolonialen Eroberungskriegen der Briten und der USA und deren Verhalten in Lateinamerika und Ostasien. Die zahlreichen kleineren und größeren Militäraktionen der Vereinigten Staaten fast unmittelbar nach ihrem Entstehen, das Hochgefühl ihrer Erwählung, die sie über Vorwürfe hinweghebt, die Weltkriege und die unmittelbar danach in Korea und Vietnam geführten Kriege bis hin, vorerst, zum Irakkrieg (2003), werden als Einzelereignisse wahrgenommen.. Sie sind aber Teil eines Imperiumsaufbaus, dessen wesentliche Züge oft mit Entwicklungsprozessen früherer Imperien, namentlich des Römischen Reiches, vergleichbar sind. Sie sollten daher, wie hier geschehen ist, in einen Zusammenhang gestellt werden, und zwar auch mit der offenbar Beispiel gebenden Kolonialpolitik des Mutterlandes der UDA, England, dessen beeindruckende Selbstgerechtigkeit die Kritiker of einfach sprachlos lässt.“

Nun ja, die Geschichtsschreibung war und ist bekanntlich stets die Geschichtsschreibung der Sieger. Nicht immer ewig, aber auf lange Zeit.

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Menno Aden: Das Werden des Imperium Americanum und seine zwei hundertjährigen Kriege. Ares Verlag GmbH, Graz 2016. 231 Seiten. 18 Euro. ISBN 978-3-902732-63-7

Zum Autor: geboren 1942; Studium der Rechte in Tübingen und Bonn; dort Promotion. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität von Südafrika/Pretoria. Berufslaufbahn in der Energie- und Kreditwirtschaft; bis 2007 Professor an der FH Essen; zuletzt Präsident des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Schwerin. Veröffentlicht hat er viele juristische und kulturgeschichtliche Fachaufsätze und Bücher. Etliche berufliche Einsätze in aller Welt führten den Autor immer wieder zu der Frage, wie es den USA gelingen konnte, über viele Kriege hinweg zur imperialen Macht aufzusteigen, anderen Nationen – wie zum Beispiel Deutschland – aber den Ruf eines „Störenfrieds der Weltordnung“ anzuhängen.

Rezensionen des Buches sind hier zu finden, unter den sieben dort auch diese:

Von Buchfreund am 20. August 2016: Mit diesem Buch versucht der Verfasser zu ergründen, warum, seit wann und wie die Vereinigten Staaten von Amerika die Welt beherrschen, wie Hegemonie im globalen Maßstab überhaupt funktioniert und dabei will er noch die transatlantische Konfliktgeschichte der letzten 200 Jahre aufarbeiten. Außerdem entwickelt er eigene theoretische Ansätze von Krieg und Frieden und befaßt sich kritisch mit der Rolle des Völkerrechts als Machtmittel. Das alles ist offensichtlich ziemlich viel Stoff für nur ein Buch, so daß der Band etwas überfüllt und kurzatmig wirkt. Die Lektüre lohnt sich dennoch.

… Ihm geht es um die Erklärung, wie Imperien mit kriegerischen Mitteln über einen langen Zeitraum hinweg ihren Machtbereich kontinuierlich ausweiten – und eben nicht mit dem einen Eroberungskrieg. Dabei springt er immer wieder zwischen Epochen und Kulturen hin und her, um Parallelen zu finden und daraus allgemeine Regeln abzuleiten. Die sich durch das ganze Buch ziehenden Vergleiche zwischen dem US-Imperium und vergangenen Großreichen eröffnen manchmal faszinierende Perspektiven, sind aber mitunter auch allzu waghalsig. Wertvoll dagegen sind die ausführlichen Hinweise auf die zivilreligiös-ideologischen Aspekte der Machtentstehung sowohl des US- als auch des britischen Weltreiches.

Wissenschaftlichen Wert kann das Buch trotz seiner originellen und durchdachten Thesen kaum für sich in Anspruch nehmen. Dafür sind die Denkansätze zur Kriegstheorie zu wenig ausgeführt und zu sehr auf den schnellen Überblick ausgerichtet, was für den Leser aber durchaus von Vorteil sein kann. Daß der Band gleichwohl zu loben ist, liegt an der Fülle der Informationen auf kleinem Raum – auch wenn der Eindruck von Gedrängtheit und manchmal von Oberflächlichkeit entsteht, so muß man doch dem Autor zugute halten, daß er eine große Fülle von Informationen zusammengetragen hat. Allein schon der Überblick über die vielen kleineren „Interventionen“ und anderen Einflußnahmen der US-Amerikaner in vom Auge der Geschichtsschreibung weniger aufmerksam betrachteten Weltgegenden ist wertvoll, macht er doch erst das Ausmaß einer Machtpolitik deutlich, die mit den Eckdaten „Spanisch-Amerikanischer Krieg“, „Weltkriege“ und „Kalter Krieg“ nicht einmal annähernd vollständig beschrieben werden kann. Wer wissen will, mit welcher Skrupellosigkeit und mit welchem lang andauernden Fleiß die USA ihre heutige Hegemonialstellung errungen haben, sollte dieses Buch lesen.“

Eine andere Rezension (von Albrecht Bär am 9. Januar 2017) lautet: „Das Buch rekapituliert die Entstehung der US-amerikanischen Hegemonie seit der Monroe-Doktrin von 1823, die den uneingeschränkten Herrschaftsanspruch der USA über den Doppelkontinent manifestierte. Hundert Jahre später hatte Washington Großbritannien als Weltmacht abgelöst. Und heute regiert das Weiße Haus praktisch unangefochten die Welt. In zwölf Großkapiteln zeigt Aden, daß der Aufstieg der USA als klassische imperialistische Macht sich lange im Windschatten des Britischen Empires vollzog. Mit ihrem entscheidenden Eintritt in den Ersten Weltkrieg war Europas Vormachtstellung dahin, und 1945 war England nur noch Mitsieger von Washingtons Gnaden. Als ausschlaggebend für den unaufhaltsamen Aufstieg sieht der Autor den Glauben an eine „manifest destiny“, eine „offensichtliche Bestimmung“ des Landes, in der Welt das US-Verständnis von „Recht und Demokratie“ durchzusetzen. Es ist dieses durch nichts zu erschütternde „gute Gewissen“, daß es US-Amerikanern bis heute ermöglicht, die schrecklichsten Verbrechen – vom Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern über die Sklaverei und den Abwurf von Atombomben bis zur Folter von Guantanamo – zu begehen, weil sie ihr Handeln als „gottgewollt“ und damit als verzeihlich ansehen. So darf es nicht weitergehen, meint der Autor und plädiert für ein neues Völkerrecht, das die Menschheit als Völkerrechtssubjekt mit Pflichten und Rechten postuliert. Schiedsgerichte sollten über die Einhaltung dieser Rechte wachen. Wie utopisch das ist, zeigt etwa die Mißachtung der Haager Gerichtsbarkeit durch die USA. Immer noch sind militärisches, politisches und wirtschaftliches Potential die entscheidenden Kriterien zur Durchsetzung von Rechtsgrundsätzen. In Ableitung einer Frage von Josef Stalin 1945 könnte man fragen: Wie viele Divisionen hat die Menschheit? Keine! Somit bleibt ein neues Völkerrecht reine Utopie.“



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