Die Regierten wollen keine Kriege

Zu den auch deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine der Offene Brief einer Deutschen an die Abgeordneten im Bundestag

Die Regierten wollen keine Kriege. Diese  gehen immer nur von den Regierenden aus. Wenn Regierte Kriegen zustimmen, sind sie zuvor Halbinformationen, Fehlinformationen, Täuschungen  und perfektionierter Propaganda von Regierenden zum Opfer gefallen. Aber nicht alle Regierten lassen sich täuschen. Stets gibt es Regierte, die besser informiert sind, mehr Verstand haben als andere Regierte und eher zu Aufsässigkeit neigen. Das ist keine Neuerscheinung: „Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.” Wer kennt diese Worte nicht, die Schiller  in seinem Demetrius-Fragment von 1805 dem Fürsten Sapieha in den Mund legt.*) Üblicherweise sind die mit mehr Verstand in der Minderheit. Leider ist er unter  den Regierenden genetisch auch nicht besser verteilt.

Doch öffentlich zu Wort  meldet sich nicht diese gesamte Minderheit der Regierten, immerhin aber über die Internet-Medien zum Verdruss und Ärger der Regierenden immer mehr. Zu ihnen gehört schon lange die deutsche Bürgerin Karin Zimmermann. Schon verschiedentlich  habe ich sie auch hier zu Wort kommen lassen, zuletzt am 8. April (hier). Gerade hat sie einen „Offenen Brief“ an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages. geschrieben: „Mit ihrer Entscheidung, Waffen in die Ukraine zu liefern, provozieren sie einen auch uns bedrohenden Krieg. Ohne Not – aus Dummheit, wie ich meine.“ Sie dürfte für  viele deutsche Regierte sprechen.

Im Folgenden der Wortlaut des Briefes. Die eingefügten Zwischenüberschriften stammen von mir.

„Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

wenn ich aufgefordert würde, mein Lebensalter auf einen Fragebogen zu schreiben, würde ich mit einer ‚8‘ beginnen. Die ‚8‘ als erste Ziffer hat Vor- und Nachteile. Ein wesentlicher Nachteil liegt darin, dass der Horizont des Lebens deutlich näher gerückt ist, als das bei Ihnen der Fall ist. Der Vorteil ist aber ebenso unübersehbar: Es ist die Lebenserfahrung, die ich Ihnen allen voraus habe.

Eine ganz wesentliche – gar nicht mal so neue – Erfahrung ist es, dass ich einen Streit nur dann anfange, wenn ich mir sehr sicher bin, dass ich ihn auch gewinne. Ansonsten bin ich gezwungen, klein beizugeben. Sie, Sie alle, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, müssten eigentlich auch eine ganze Menge Erfahrung zusammenbringen, weil Sie zwar nicht so alt sind wie ich, dafür aber umso zahlreicher.

Verträge immer erfüllt

Nun höre ich nicht auf zu staunen, wieso es möglich ist, die Entscheidung zu fällen, Waffen an die Ukraine zu liefern. Dass das den Russen nicht gefällt, liegt doch auf der Hand. Für uns Deutsche sind die Russen nun aber – seit Jahrzehnten – ganz wesentliche Handelspartner. Solche, die die abgeschlossenen Verträge immer erfüllt haben. Man kann sich also auf sie verlassen. Und mächtig sind sie auch noch. Sie haben nicht nur Atomwaffen, die wir nicht haben, sondern sie haben auch noch Gas, Öl und andere Bodenschätze, die wir auch nicht haben, die aber für uns Deutsche lebensnotwendig sind.

Versprechen gebrochen

Die Russen haben die Macht, den Transfer aller diese lebensnotwendigen Stoffe zu stoppen. Von einer Sekunde auf die andere. Ja, werden Sie entgegnen, „das wäre aber ein Vertragsbruch“. Na und? Der Westen hat auch – und zwar seit Jahrzehnten – seine Versprechen gegenüber den Russen gebrochen, die Nato nicht einen Zentimeter weiter in Richtung Osten vorzuschieben. Das Gegenteil hat er aber getan, und zwar zig-mal. Gerade wir Deutsche sollten das wissen und die Realität beschämt zur Kenntnis nehmen: Nur unter dieser Zusage war die deutsche Wiedervereinigung damals zustande gekommen, wofür wir dem russischen Staatslenker so dankbar waren.

Was sind Sie nur für Ehrenleute …

Nun, werden Sie einwenden, es gibt aber gar keinen Vertrag, in dem solches schriftlich vereinbart worden ist. Da staune ich schon wieder. Was sind Sie nur für Ehrenleute, die meinen, alles schriftlich vereinbaren zu müssen. Tun Sie das mit Ihrem Nachbarn auch? Und so wie Sie Ihrem Nachbarn gegenüber Ihre Zusagen einhalten, müssen das die Lenker von Staaten auch tun dürfen, ohne dass die abgeschlossene Vereinbarung in Frage gestellt wird.

Scheinheilig argumentiert

Die Russen haben das wortbrüchige Verhalten des Westens auch beanstandet. Nicht nur einmal: Mehrfach. Man hat nicht auf sie gehört und – scheinheilig – argumentiert, dass selbständige Staaten nun mal tun dürfen, was sie für richtig halten. Ja, das ist sicher richtig, die NATO darf das aber auch. Sie darf zu einem Aufnahmeantrag auch „nein“ sagen. Und das hätte sie tun müssen, wenn der Westen nicht hätte wortbrüchig werden wollen.

Wühlarbeit für die Aufnahme in die Nato

Und was die Ukraine konkret angeht: In der Ukraine findet – seit Jahren – eine Wühlarbeit mit dem Ziel statt, auch die Ukraine in die NATO aufzunehmen. Hier hat – nach Jahren – der Russe jetzt gesagt: „Stoj, wenn ihr hier weitermacht, gibt es Krieg.“

Aus der Geschichte nichts gelernt

Auch dieses Mal hat man geglaubt, sich darüber hinwegsetzen zu können. Man hat nichts aus der Geschichte gelernt: Das Parallelbeispiel müsste eigentlich allen von Ihnen bekannt sein: Als Russland Raketen auf Kuba stationieren wollte, haben die Amis gesagt „Stop – wenn Du, Russe, weitermachst, gibt es Krieg.“ Der Russe war vernünftig: Er hat sein Vorhaben aufgegeben.

Ihre Waffenlieferungen bringen den Tod

Nun kommen Sie, die klugen Leute (jedenfalls glauben Sie, sie seien klug) und machen genau das Gegenteil: Sie geben nicht nach, sondern sie sagen: Nur zu, lassen wir es doch darauf ankommen: Wir sind stärker! Mit Ihren Waffenlieferungen provozieren Sie den Krieg. Mit Ihren Waffenlieferungen bringen Sie ungezählten ukrainischen Soldaten den Tod und Leid über ihre Familien. Sie bekämpfen einen mächtigen Gegner mit dem Blut ukrainischer Soldaten. Schämen Sie sich dabei nicht?

Die Russen sitzen am längeren Hebel

Mit Verlaub: Dümmer kann man eine Politik nicht machen. Der Langmut der Russen wird nicht ewig dauern. Die Russen wissen etwas, was Sie, die „schlauen Politiker“, nicht wissen: Sie wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen: „Gashahn zu“ bedeutet für uns: Lichter aus, Wohnungen kalt, Industrie hört auf zu produzieren, die Arbeitsplätze sind weg, der Verkehr bricht zusammen, das Leben, wie wir es seit Jahrzehnten geführt haben, ist beendet. Von einer Minute auf die andere ist das so.

Frieren für die Freiheit? Drei Jahre? Fünf Jahre?

Ja, werden Sie einwenden, wir bekommen ja Fracking Gas aus den USA, wir bekommen Öl aus dem Nahen Osten,…. Ja, antworte ich Ihnen, in drei, fünf oder 10 Jahren könnte das so sein. Und in der Zwischenzeit: „Wir können auch einmal frieren für die Freiheit“. Drei Jahre? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Der Schlauberger, der das gesagt hat, ist finanziell so gestellt, dass er garantiert nicht frieren wird. Frieren sollen andere! Das ist die Denkweise der heutigen „Verantwortlichen“.

Hohes Haus?

Den Höhepunkt habe ich soeben in der „Tagesschau“ gehört: Wenn man durch blödsinnige Politik keine Energie mehr hat, wird man sie sich stehlen. Oder wissen Sie ein besseres Wort für „enteignen“. Per Gesetz! Und die Mehrzahl der Abgeordneten wird dem – ich halte das inzwischen für denkbar – zustimmen. Konsequenterweise müsste dann ein weiteres Gesetz folgen: Die Umbenennung des „Hohen Hauses“ in „Niederes Haus“.

Wie schon gesagt: Eine dümmere Politik zu machen, ist unmöglich.

Mit freundlichen Grüßen

Karin Zimmermann“

Mögen manche oder viele Abgeordnete Frau Zimmermanns Vorhaltungen arrogant und besserwisserisch als naiv abtun, mögen sie sie für zu schlicht halten, mögen die Vorhaltungen widerlegbar sein und Wichtiges nicht berücksichtigen oder nicht ausdrücklich erwähnen – sie als ernsthafte Sorgen aus dem Volk beachtet und gewürdigt zu werden, haben sie verdient.

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*Im Ganzen lautet diese Textstelle:                                                                            „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,
Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
Um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen;
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“

Quelle: Friedrich von Schiller, Demetrius. Fragment, 1805; uraufgeführt in Weimar am 15. Februar 1857. Erster Aufzug. Der Reichstag zu Krakau, Fürst Sapieha.

**)  Karin Zimmermann, Jahrgang 1941, ist eine sachkundige couragierte Frau, die sich mit zahlreichen politischen Themen befasst und sich öffentlich dazu äußert. Beruflich ist sie nach eigenen Angaben viele Jahre im PR-Geschäft tätig gewesen, ihr Lehrberuf war Stenokontoristin. Sie wurde zusammen mit Mutter, kleiner Schwester und ihren Großeltern am 26. Juni 1945 vom elterlichen Bauernhof in Morrn (Kreis Landsberg an der Warthe, Ostbrandenburg) vertrieben. Sie war damals drei Jahre alt. Sie schreibt: „Meine Familie – eine normale Bauernfamilie – hatte mit den Untaten des nationalsozialistischen Regimes nichts zu tun. Im Gegenteil. Ich verfüge über die Erklärung einer ehemaligen Dorfbewohnerin von Morrn, wonach mein Großvater als Bürgermeister von den Nationalsozialisten abgesetzt wurde, weil er ihnen nicht ‚linientreu’ genug war.“ Frau Zimmermann lebt in Neunkrichen-Seelscheid.

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Ein Kommentar zu „Die Regierten wollen keine Kriege“

  1. Ich will mich Nachfahr Ukrainedeutscher äußern:
    Mein Mitgefühl ist bei den russischen wie den ukrainischen Soldaten, die von ihren größenwahnsinnigen Führern zur Schlachtbank gepeitscht werden. Wobei ich Frau Zimmermann uneingeschränkt zustimme und insbesondere auf bestimmte Gruppen in der ukrainischen Armee hinweisen möchte, die dort als „Kanonenfutter“ vorgesehen sind: In der Westukraine gibt es als Erbe der k.u.k.-Monarchie große Volksgruppen, die von den Ukrainern unterdrückt werden. Es sind dies in der Hauptsache Polen, Ruthenen, Moldawaner, Rumänen und Ungarn. Sie dürfen öffentlich nicht ihre Sprachen sprechen und werden bei der Besetzung von Arbeitsplätzen diskriminiert. Für ihre Söhne gilt wie für alle die Wehrpflicht und sie werden eingezogen. Seit 2015 vorzugsweise in der Ostukraine bei den andauernden Gefechten eingesetzt, war die Zahl der Opfer unter ihnen unverhältnismäßig hoch, es ist davon auszugehen, daß sie nun in gleicher Weise der russischen Feuerwalze entgegengeworfen werden. Meinen Informationen nach formiert sich dagegen Protest in der Westukraine, leider sind Blogger und Meldungen diesbezüglich nicht mehr aufrufbar, einen Hinweis gab es heute im „Gelben Forum“: https://www.dasgelbeforum.net/index.php?id=607495
    Ich fürchte. es ist die Regel. Und Blödschland macht sich gemein mit ihren Schlächtern. Pfui Deibel.

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