Der Angst entspringt die Sehnsucht nach Sicherheit

Geängstigt haben sich die Menschen schon immer und vor allem Möglichen. Den Deutschen gar wird nachgesagt, geradezu Angsthasen zu sein. Besonders hervor tun sie sich auch mit der Angst vor dem Aufbruch zu wirklichen Reformen. Sie haben einfach zuviel Angst vor dem Risiko solcher Reformen. Das ist jene Angst, die der Feind der Freiheit ist.

Vor zu viel Freiheit scheinen die Deutschen ohnehin Angst zu haben, denn sonst müssten sie sich für wirkliche Reformen gewinnen lassen, die mehr Freiheit bescheren würden. Aber Reformversuche, die wieder mehr Freiheit bringen sollen, machen ihnen stets sofort Angst. Prompt werden sie angegriffen, zerpflückt, über Ausschüsse, Gutachten oder Kommissionen aufs Abstellgleis geschoben, verwässert, blockiert. Deshalb wird (und will) die neue Koalition im Bund nichts zustandebringen, was den Namen Reform wirklich verdient – aus Angst vor der Angst ihrer Bürger.

Der Angst entspringt die Sehnsucht nach Sicherheit. Das nutzen politische Führer und Parteien zum Wählerfang. Denn viele und zu viele Menschen suchen für ihre Sicherheit nicht Selbstverantwortung, Selbsthilfe und Selbstvorsorge, sondern allumfassende Behütung durch den Staat. Mit Eingriffen in Wettbewerb und Marktgeschehen, mit immer mehr Gesetzen, immer mehr staatlicher Regulierung, immer mehr Überwachung und Kontrolle trotz aller schönen Datenschutzbekundungen wird sie ihnen beschert. Mehr Staat bedeutet weniger Freiheit. Das gilt auch für den Schutz vor Gefahren wie Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit. Vor die Wahl gestellt, mehr Sicherheit oder mehr Freiheit zu wollen, entscheiden sich die meisten für mehr Sicherheit. Und suchen sie beim Staat. Davon, dass die Menschen Angst haben und für alles Sicherheit wollen, lebt die Politik.

Daher machen ihnen Politiker Hoffnungen, selbst wenn es absehbar falsche Hoffnungen sind. Paart sich die Sehnsucht nach Sicherheit mit Neid und Mißgunst, bietet die Politik auch dafür etwas an, nämlich immer mehr Gleichheit und Gleichmacherei. Damit zerstört sie die Leistungsanreize, sich aus der Masse hervorzuheben. Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt, verkümmert sie, bleibt sie aus. Das hat Folgen - für die Wirtschaft, für die Gesellschaft. Nachteilige Folgen.

Wieviel Unsicherheit ist der Mensch bereit hinzunehmen, um sich die Freiheiten zu bewahren, die er braucht? Wie die Menschen darauf antworten, beleuchtet auch ihr Staatsverständnis und ihr Verhältnis zum Staat.



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Kommentare


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2 Kommentare


  1. Rainer Lang am 14 Januar, 2010 22:56
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    ich würde das nichts so pauschalisieren. Nicht alle Deutsche sehnen sich nach Sicherheit, sondern nur einige. Wahrscheinlich ist es nur die Minderheit. Im politischen System sieht das anders aus. Es ist träge und will den Schock 2005 nicht überwinden. Die Bundesregierung hat auch eine ausgesprochen atypische Führung, deren Sozialisation noch nicht einmal in der BRD erfolgte. Der Fisch stinkt am Kopf zuerst. Insgesamt verweigert sich eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger den verogenen populistischen Lockrufen aus dem Osten. Kopf hoch. Sehen sie die Dinge optimistischer.

  2. Arpad Borsos am 15 Januar, 2010 08:29
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    An sich interessant zu lesen, mit einem bin ich dennoch nicht einverstanden.
    Welche (erstrebenswerte) Freiheit gewinnt man denn durch weniger Sicherheit bei “Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit”?
    Ich denke man gewinnt die “Freiheit” sich selbst um diese Dinge kümmern zu müssen. Freiheit hat psychologisch auch viel mit Zwang zu tun. Entscheidungszwang. Dieser führt auch immer zu einem schlechten Gefühl weil man immer an sich selbst zweifelt ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

    Vor allem bei solchen zentralen Fragen ist es nicht gut, wenn der Mensch immer in Ungewissheit lebt, ob er denn nicht etwas falsches gemacht hat.

  3. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------

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  • Zur Person

      Geboren 1936 in Rostock. Vater Rechtsanwalt und Notar, Mutter gelernte Sportlehrerin und Haus- frau. Aufgewachsen in Bützow
      und Neustrelitz. 1945 Flucht nach Schwerin. 1946 von Schwerin
      nach Lübeck zur väterlichen Ver- wandtschaft. Dort Weiterbesuch der Volksschule, dann Katharin- eum-Gymnasium bis 1957 zum Abitur. Bis 1959 kaufmännische Lehre als Industriekaufmann und anschließend Studium der Wirt- schaftswissenschaften in Kiel und Marburg. Abschluß als Diplom- Volkswirt mit Promotion zum Dr. rer. pol.

      Gleich danach zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort Wirt- schaftsredakteur von 1966 bis Ende 2001, davon seit 1991
      knapp elf Jahre verantwortlich
      für die FAZ- Wirtschaftsbericht- erstattung. Daneben von 1994
      bis Ende 2003 auch Geschäfts- führer der Fazit- Stiftung, die die Mehrheit an der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH und
      der Frankfurter Societäts-Druck- erei hält. Seit 2004 als selb- ständiger Journalist, Publizist und Autor tätig.
      Verheiratet seit 1966. Ehefrau Lehrerin. Kinder: Zwei Söhne,
      eine Tochter.