Was die Wahl jetzt in Österreich für die Südtiroler bedeutet

Nur eine neuerliche ÖVP-FPÖ-Koalition würde ihnen die gewünschte zusätzliche österreichische Staatsbürgerschaft ermöglichen – Warum das schon im Herbst 2018 Spruchreife von der Agenda zunächst wieder verschwand – Maßgeblich eine Initiative der FPÖ – Rechtlich gibt es dafür keine Hürden – Nach allen Rechtsgutachten liegt die Allein-Zuständigkeit bei Österreich – Am Tiber die altbekannten Reflexe – Aber gerade Italien hat zum Einspruch am wenigsten Grund – Österreich das Vorhaben untersagen kann es nicht – Notwendig wären nur wenige Regelungen

Am 29. September sind die Österreicher aufgerufen, ihr Parlament neu zu wählen. Wie diese Wahl zum Nationalrat ausgeht, wird auch für die Südtiroler von Bedeutung sein, die vor hundert Jahren ihre österreichische Staatsbürgerschaft verloren haben und zwangsweise auf dem Papier zu Italienern gemacht worden sind. Sollte sich aus der Wahl wiederum eine Koalition und Regierung von Österreichischer Volkspartei (ÖVP) und Freiheitlicher Partei Österreichs (FPÖ) ergeben, bestünde die Chance, dass die Südtiroler neben der italienischen ihre einstige österreichische Staatsbürgerschaft zurückerhielten. Das nämlich hatten ihnen beide Parteien im Abkommen zu ihrer vorangegangenen Koalition in Aussicht gestellt, eben jener Koalition, die durch die Strache-Ibiza-Video-Abhör-Affäre vorzeitig ihr Ende fand. Mit dieser Aussicht für die Südtiroler befasst sich im Folgenden Reinhard Olt*) in einem Gastbeitrag.**Nach der Umfrage vom 24. September (Quelle: oe24.at) ist eine abermalige Koalition zwischen beiden Parteien sehr wahrscheinlich: Die ÖVP bringt es auf 34, die FPÖ auf 21 Prozent der Stimmen. Die übrigen Parteien (SPÖ, Grüne, Neos) schaffen es zusammen auf nur 42 Prozent (hier).

Ein Gastbeitrag von Reinhard Olt, Wien

Es ist kaum ein Jahr her, dass sich für einen Teil der sogenannten Altösterreicher eine politische Großtat andeutete. Erstmals schien es, als könnten Südtiroler hundert Jahre nach Annexion des südlichen Tiroler Landesteils durch Italien (1918) die Chance erhalten, ihre österreichische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen, die ihre Vorfahren mit der in St. Germain-en-Laye vollzogenen diktatfriedensvertraglichen Übereignung ihrer Heimat an den Stiefelstaat (1919) verloren hatten. Nie zuvor hatte sich eine österreichische Bundesregierung dazu entschlossen, dem immer mal wieder vernehmlichen Begehr endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Aber unwillige politische Kräfte in Wien und Bozen hatten es mit allerlei Ausflüchten meist wieder zurückgewiesen, es zerredet oder ihm entsagt. Doch stellte die aus der Nationalratswahl im Herbst 2017 hervorgegangene türkis-blaue Koalition die Möglichkeit in Aussicht, Südtirolern die österreichische Staatsbürgerschaft zu erteilen – ebenso anderen Altösterreichern sowie „vom Brexit‘ betroffenen Österreichern“ und auch „Nachkommen von Holocaust-Überlebenden“.

Der Wortlaut der Vereinbarung

Im Koalitionsabkommen respektive Regierungsübereinkommen wurde dies wie folgt rubriziert: „Doppelstaatsbürgerschaft Südtirol und Alt-Österreicher: Im Geiste der europäischen Integration und zur Förderung einer immer engeren Union der Bürgerinnen und Bürger der Mitgliedstaaten wird in Aussicht genommen, den Angehörigen der Volksgruppen deutscher und ladinischer Muttersprache in Südtirol, für die Österreich auf der Grundlage des Pariser Vertrages und der nachfolgenden späteren Praxis die Schutzfunktion ausübt, die Möglichkeit einzuräumen, zusätzlich zur italienischen Staatsbürgerschaft die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben.“

Maßgeblich eine Initiative der FPÖ

Dass es überhaupt zu dieser Festlegung kam, ist maßgeblich der Initiative der FPÖ zuzuschreiben. Vor allem Werner Neubauer, einer ihrer Nationalratsabgeordneten, hatte das Thema seit Jahren  in Parlament und Öffentlichkeit  lanciert und  seinen Einfluss geltend gemacht, damit es die damalige Parteiführung in den Verhandlungen mit der ÖVP als Koalitionsbedingung  reklamierte. Die „türkise“ Kanzlerpartei  stand dieser Frage reserviert bis ablehnend gegenüber. Gewisse „Granden“ aus dem „schwarzen“ Teil der Volkspartei suchten unter Berufung auf das Risiko einer klimatischen Störung des bilateralen Verhältnisses mit Italien das Vorhaben offen oder versteckt zu hintertreiben. Ablehner und Skeptiker sahen Gefahren  für das ethnische Neben- und Miteinander und sagten eilfertig eine „Spaltung der Gesellschaft“ voraus – begünstigt vom ambivalenten Verhalten der (damals neuen und oft den Eindruck einer gewissen „Italianità hervorrufenden)  Führung der (seit 1945 regierenden) Südtiroler ÖVP-„Schwester“ SVP.

Rechtlich keine Hürden für die doppelte Staatsbürgerschaft der Südtiroler

Amtsträger wie beispielsweise die Landeshauptleute Tirols (Günter Platter) und der italienischen Provincia Autonoma di Bolzano Alto Adige (Arno Kompatscher) glichen in ihren Äußerungen gegenüber Medien oder in  formellen  Verlautbarungen  bisweilen einem Chamäleon.  Dabei hieß es einst beim ersten von der vormaligen SVP-Führung ernsthaft  unternommenen Versuch (2012), in Wien den Nationalrat und die damalige SPÖ-ÖVP-Bundesregierung für das Anliegen zu gewinnen, es gebe, wie „alle Verfassungs- und Völkerrechtsexperten unisono“ gegenüber dem zuständigen Parlamentsausschuss  dargelegt hätten, „rechtlich keine Hürden für die Doppelstaatsbürgerschaft für Südtiroler.“ Woraufhin der damals beteiligte SVP-Kammerabgeordnete Karl Zeller feststellte, es sei „jetzt nurmehr eine politische Entscheidung, ob der Doppelpass  den Südtirolern ermöglicht wird oder nicht“.

Starker Widerstand gegen das Vorhaben aus Italien und Österreich selbst

In Österreich waren nach Bildung der ÖVP-FPÖ-Regierung im Dezember 2017 die Oppositionsparteien und der größte Teil der für die veröffentlichte Meinung sorgenden Medien gegen „die Doppelstaatsbürgerschaft“, in Südtirol lehnten sie „interethnische“ Grüne sowie die italienischen Landtagsparteien rundheraus ab. Und in Rom sprachen sich vom Staatspräsidenten über gewichtige Vertreter der – einander nach den Kammer- und Senatswahlen im Frühjahr 2018 ablösenden – Regierungen und Parteien, einschließlich der  erstarkten Lega, auf die in Wien hauptsächlich die FPÖ setzt(e), in zum Teil drastischen Stellungnahmen gegen das Vorhaben aus.

Das Ersuchen aus Südtirol an Wien

Ungeachtet dessen erging aus dem Südtiroler Landtag – hauptsächlich initiiert und mehrheitlich beschlossen von den drei deutsch-tiroler Oppositionsparteien – an Wien das Ersuchen, Nationalrat und Regierung möchten die gesetzlichen Grundlagen dafür schaffen, anspruchsberechtigten und beantragungswilligen Südtirolern die österreichische Staatsbürgerschaft zu erteilen.  Darüber hinaus verschafften 27 sogenannte „Altmandatare“ der SVP dem formellen Südtiroler Landtagsersuchen  durch ein von ihnen unterzeichnetes Schreiben zusätzlich Gewicht, gerichtet mit gleichem Wortlaut an Kanzler (und ÖVP-Obmann) Sebastian Kurz sowie Vizekanzler (und FPÖ-Obmann) Heinz Christian Strache. Zu diesen Unterzeichnern gehörten unter anderem der langjährige frühere  Landeshauptmann  Luis Durnwalder, der vormalige  Kulturlandesrat  Bruno Hosp, die früheren Parteiobleute Siegfried Brugger und Elmar Pichler Rolle sowie  der exponierte  frühere Landtagsabgeordnete  und  Regionalratspräsident  wie  -vizepräsident der Regione Autonoma Trentino-Alto Adige/Südtirol  Franz Pahl. Damit konnte  der missgünstige Eindruck geglättet werden, den die SVP-Fraktion im Bozner Landhaus hinterlassen hatte, weil sie nicht geschlossen das Landtagsbegehr  mitgetragen hatte, das mehrheitlich zustande gekommen und als formeller Wunsch Südtirols nach Wien übermittelt worden war. Zudem erklärten reihum die Oberen gesellschaftlicher Gruppierungen – des Autonomen Gewerkschaftsbund, des Bauernbunds, des Heimatbunds, des Schützenbunds und anderer mehr – ihr Einverständnis und bekundeten den Wunsch, die Doppelstaatsbürgerschaft zu ermöglichen.

Am Tiber die altbekannten Reflexe

Dass sich Rom nicht nur querlegte wie schon so oft, wenn es um Südtiroler Angelegenheiten ging, sondern geradezu ein Getöse entfachte, welches über den Alpenhauptkamm bis an die Donau Wellen schlug, war, zumal nach anfänglicher Zurückhaltung, nicht in dieser Dimension zu erwarten gewesen. Doch rasch hatten am Tiber die altbekannten Reflexe die Oberhand gewonnen, woraus im Grunde der seit Kriegsende  von links bis rechts in Italien immer wieder vernehmbare doktrinäre, aber historisch-politisch verfehlte Anspruch wieder durchschlug, wonach alles, was Südtirol angehe, eine „rein italienische Angelegenheit“ sei. Dies trotz Gruber-DeGasperi-Abkommens von 1946, trotz Zweiten Autonomie-Statuts von 1969/72, trotz verbriefter Kommissionen und – UN-begünstigter sowie vertragsrechtlich  anerkannter – Schutz(macht)funktion Österreichs für Südtirol(er).

Salvini legte sich trotz anfänglicher Konzilianz quer

Die römische Ablehnung des Wiener Vorhabens fand ihren Gipfelpunkt in einem Interview Innenminister Matteo Salvinis, des  „starken Mannes“ der Regierung. Kurzerhand befand der Lega-Chef  seinerzeit: „Sie können nicht ohne unsere Zustimmung Pässe ausgeben“, und machte mit dem Zusatz „Eine doppelte Staatsbürgerschaft wird es nicht geben“ seine Konzilianz zunichte, die er Wochen zuvor nach einem Treffen mit dem damaligen Vizekanzler und FPÖ-Obmann Strache an den Tag gelegt hatte, als er in der anschließenden Pressekonferenz sagte „Wir werden schon eine gemeinsame Lösung finden“.

Nach allen Rechtsgutachten liegt die Allein-Zuständigkeit bei Österreich

Zu diesem Palawatsch***) trug  auch eine gewisse Selbstfesselung bei, welche durch Äußerungen von Kanzler Kurz und Stellungnahmen der (auf FPÖ-Vorschlag ins Amt gelangten  parteilosen)  Außenministerin Karin Kneissl hervorgerufen worden war, wonach das Projekt Staatsbürgerschaft für Südtiroler „im Einvernehmen mit Italien“ und „im europäischen Geiste“ – was immer diese inflationär gebrauchte stereotype Wendung damit zu tun haben mochte  –  realisiert werden solle. Beiden hätte klar sein müssen, dass sich Österreich damit seiner darüber von niemandem beeinspruchbaren, absolut souveränen Entscheidung begibt. Alle Rechtsgutachten weisen aus, dass für diese Angelegenheit allein Österreich Zuständigkeit beanspruchen kann; es ist dazu nicht einmal eine Verfassungsänderung notwendig, sondern es genügt eine durch einfachen mehrheitlichen Nationalratsbeschluss herbeigeführte Novellierung/Ergänzung des geltenden Staatsbürgerschaftsgesetzes.

Gerade Italien hat zum Einspruch am wenigsten Grund

Im Übrigen hat justament Italien am wenigsten Grund zum Einspruch, erteilt  es doch schon seit den 1990er Jahren italienischstämmigen Bürgern  überall in der Welt auf Antrag seine  Staatsbürgerschaft. Davon machten mehr als eine Million Menschen (insbesondere in Süd- und Nordamerika) Gebrauch. Italien hat übrigens das 1975 getroffene Europaratsabkommen zur „Verringerung von Fällen mehrfacher Staatsangehörigkeit“ eigens aufgekündigt und mit dem Gesetz Nr. 91 (1992) nicht nur sein (aus dem Jahre 1912 stammendes) Staatsbürgerschaftsgesetz entsprechend geändert, sondern mit Gesetz Nr. 124 (2006) den  im slowenischen Küstenland sowie in Kroatien (Istrien, Fiume, Dalmatien) ansässigen ethnischen Italienern die Möglichkeit des Erwerbs seiner Staatsbürgerschaft eröffnet. Davon wiederum machten 37 000 Personen Gebrauch.

Italien gesteht allen Auslands-Italienern sogar das aktive und passive Wahlrecht zu

Rom hat allen Auslandsitalienern auch das aktive und passive Wahlrecht sowie feste Parlamentssitze (12 Vertreter in der Abgeordnetenkammer und 6 Vertreter im Senat) zugestanden. Kein anderer Staat, um dessen primäre Staatsbürger es dabei ja geht, ist um sein „Einvernehmen“ ersucht worden; die betroffenen Regierungen wurden lediglich davon in Kenntnis gesetzt. Italien hat in seinem nationalen Interesse – stets handelnd nach der vom einstigen Ministerpräsidenten  Antonio Salandra (1853-1931) geprägten national(istisch)e Maxime vom  „heiligen Eigennutz“  („sacro egoismo“) – die Voraussetzungen und  kraft eigener Souveränität die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen.

Italien kann Österreich das Vorhaben nicht untersagen

Österreich hingegen soll nicht Gleichartiges für den deutsch-österreichischen und ladinisch-österreichischen Bevölkerungsteil Südtirols tun dürfen, dessen Vorfahren Staatsbürger Österreichs waren wie die Istrianer, Fiumener und Dalmatiner (respektive die Nachfahren der nach Brasilien, Argentinien bzw. in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Italiener) Staatsbürger Italiens? Mitnichten. Niemand,  Rom schon gar nicht, kann Wien untersagen, im eigenen nationalen Interesse zu handeln und kraft eigener Souveränität  die rechtliche Grundlage zur Erteilung der österreichischen Staatsbürgerschaft zu schaffen, für welche eine eigens eingesetzte Expertengruppe bereits einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet hat.  Der infrage kommende  Personenkreis südlich des Brenners bliebe, sofern von den 528.379 Südtirolern tatsächlich den österreichischen Pass beantragten und annähmen, weit unter der Zahl der gut 1,2 Millionen Auslandsitaliener, denen Rom aufgrund seines Staatsbürgerschaftsrecht den italienischen Pass zuerkannt hat. Nach der Definition im Gesetzentwurf sind anspruchsberechtigt 329.180 Personen deutschösterreichischer Ethnizität (62,3 Prozent der Wohnbevölkerung Südtirols ) und 21.663 Personen ladinisch-österreichischer Ethnizität  (4,1 Prozent).****)

Wenn Österreich wie Italien verführe, hätten sogar ausgewanderte Trentiner ein Anrecht auf österreichische Staatsbürgerschaft

Im Übrigen hätten, wenn Österreich – was der türkis-blaue Anlauf gar nicht vorsah – den Kreis der Anspruchsberechtigten nach Art Italiens festlegen wollte, auch die Nachfahren aller vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Trentino Ausgewanderten ein Anrecht auf die österreichische Staatsbürgerschaft; denn ausgewanderte Trentiner, formell zuvor Staatsbürger Österreich(-Ungarn)s, konnten sich  gemäß Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye seinerzeit entweder für die österreichische oder für die italienische Staatsbürgerschaft entscheiden. Dieses Faktum wurde  in Süd- und Nordamerika, wohin sie meist  emigrierten, entweder nicht bekannt, oder sie machten nicht davon Gebrauch. Mit dem Gesetz 91/1992 schuf Rom indes ihren Nachkommen die Möglichkeit der „Wiedererlangung der italienischen Staatsbürgerschaft“. Faktum ist, dass nach übereinstimmenden italienischen Zeitungsberichten „mehr als eine Million Auslandsitaliener“ an der vorgezogenen Parlamentswahl am 4. März 2018 teilnahmen.

Eigentlich wären noch weitere Personen anspruchsberechtigt

Sofern Wien dafür eine historisch-politische Verpflichtung sähe, müsste es – nach italienischem Vorbild; siehe Ethno-Italiener in Slowenien und Kroatien – eigentlich weitere Personengruppen zum Kreis der Anspruchsberechtigten zulassen. So wurden südlich der Salurner Klause  Stimmen laut, die das Recht, wie es den Südtirolern zuteilwerden soll(te), auch für jene Trentiner einforderten, die „in der k.u.k.-Monarchie wurzeln“. Trentiner Autonomisten mahnten, Österreich möge beim Doppelpass „auf die im Trentino lebenden Nachkommen ehemaliger Bürger der k.u.k.-Monarchie nicht vergessen. Auch unsere Vorfahren waren Bürger von Österreich-Ungarn. Auch unsere Großväter sind im Ersten Weltkrieg zu Tausenden in den Reihen des Heeres Kaiser Franz Josefs gestorben“.

Anspruchsberechtigt wären auch exkorporierte ladinische Gemeinden

Darüber hinaus wäre es nur folgerichtig, auch die Ladiner der Gemeinden Cortina d’Ampezzo (ladinisch Anpezo, deutsch Haiden), Colle Santa Lucia (ladinisch Col, deutsch Verseil) und Livinallongo del Col di Lana (ladinisch Fodom, deutsch Buchenstein) in den Kreis der Anspruchsberechtigten aufzunehmen. Deren unbestreitbare Tiroler bzw. altösterreichische Geschichte weicht in nichts von den übrigen ladinischen Gemeinden Südtirols ab – außer dass sie unter dem Faschismus gegen ihren Willen  der Provinz Belluno inkorporiert  wurden. Besagte Gemeinden haben just im „demokratischen Italien“  immer wieder vergeblich versucht, die 1923 erzwungene Exkorporierung aus (Süd-)Tirol zu revidieren. Selbst einem Referendum, in dem sich 2007 mehr als 70 Prozent der Abstimmungsberechtigten für die Rückgliederung an die Region Trentino-Südtirol aussprachen, ist von Rom nicht entsprochen worden.

Ein Anrecht auf den Doppelpass hätten außerdem die Kanaltaler und Sprachinsel-Deutschen

Nicht zuletzt wären gewiss auch die Bewohner des Kanaltals (Gebiet Tarvisio, deutsch Tarvis, in der Provinz Udine) historisch-politisch anspruchsberechtigt. Das Kanaltal gehörte bis 1919 zu Kärnten. In Saint-Germain wurde es Italien zugesprochen, obwohl 79,1 Prozent der Bevölkerung Deutsch, 20,8 Prozent Slowenisch und nur 0,1 Prozent (oder zehn Personen) Italienisch als Umgangssprache angegeben hatten. Schließlich und endlich müsste Wien bei großmütiger und großzügiger Prüfung eigentlich auch den Bewohnern der eine Sonderstellung einnehmenden Sprachinsel-Deutschen ein Anrecht auf den Doppelpass einräumen, nämlich in Tischlwang (Timau/Tamau; 520 Einwohner; Gemeinde Paluzza; Provinz Udine), in Zahre (Sauris; 410 Einwohner; Provinz Udine), in Bladen/Plodn (Sappada, 1320 Einwohner; Provinz Udine), des Fersentals (kam im Vertrag von Saint-Germain an Italien) und Luserns (Luserna; 273 Einwohner; Provinz Trient), sowie denjenigen  der Sieben Gemeinden (Sette Comuni; auf der Hochebene von Asiago; ca. 21.000 Bewohner; Provinz Vicenza) und der Dreizehn Gemeinden (Tredici Comuni;  am Südabhang der Lessinischen Alpen; ca. 14.000 Einwohner;  Provinz  Verona).

Notwendig wäre nur wenige Regelungen

Die in Wien für das Erarbeiten eines Gesetzesentwurfs eingesetzten Experten unterbreiteten ihren Auftraggebern bereits nach wenigen Kommissionssitzungen ihre Vorschläge. Diese sahen, soweit bekannt, lediglich die Novellierung von vier die Südtiroler betreffenden Gesetzesmaterien vor. So wäre im geltenden Staatsbürgerschaftsgesetz ein Paragraph 12a einzuführen, welcher eigens einen Passus für „die italienischen Staatsbürger in der Provinz Bozen-Südtirol“ enthielte. Hierin wäre die genaue Definition der Anspruchsberechtigten bis hin zur Frage enthalten, wie bei minderjährigen deutsch-österreichischen und ladinisch-österreichischen Südtirolern zu verfahren sei. Zuständig für die Erteilung der Staatsbürgerschaft wäre die Tiroler Landesregierung, für die ständige Wählerevidenz die Landeshauptstadt Innsbruck. In den geltenden Wählerevidenzgesetzen für die Wahlen zum Nationalrat sowie für die Wahl zum EU-Parlament  wären jene Wahlsprengel zu fixieren, in denen für Südtiroler die Stimmabgabe möglich würde. Und im geltenden Gebührengesetz wären die Kosten für das Erlangen der Staatsbürgerschaft zu bestimmen; vorgesehen waren dem Gesetzesentwurf  600 Euro, je zur Hälfte für die Bundes- und für die Tiroler Landeskasse.

Warum das schon im Herbst 2018 Spruchreife von der Agenda zunächst wieder verschwand

Das alles war bereits im Herbst 2018 spruchreif; doch während des seit 1. Juli laufenden Halbjahres-EU-Ratsvorsitzes Österreichs, bei dem das Thema „Brexit“ mehr oder weniger im Mittelpunkt stand, wollte Wien – dem Usus folgend, als „ehrlicher Makler aufzutreten“ – die Angelegenheit nicht mit (EU-Gründungsmitglied) Italien erörtern. Zudem wählten die Südtiroler im Herbst einen neuen Landtag;  aus dem Wahlkampf hielten die Parteien das Thema weitgehend heraus. Auch danach blieb die „Causa Doppelstaatsbürgerschaft“ in Wien unter Verschluss und die Gesetzesexpertise der Kommission  im Schubladen. Schließlich ließen die Wirbel um „Ibiza“, Kurz‘ (fragwürdige, weil ohne wirkliche Not getroffene Entscheidung zur) Aufkündigung der Koalition, seine kürzestlebige Übergangsregierung, deren parlamentarische Abwahl sowie das bis nach der Nationalratswahl  bestehende politische Interregnum einer lediglich verwaltenden Beamtenregierung das Thema von der Agenda verschwinden.

Nur wieder mit einer ÖVP-FPÖ-Regierung können die Südtiroler hoffen

Ob es nach der Wahl (29. September) wieder auf die Tagesordnung gelangt und dann auch wirklich im Staatsbürgerschaftsgesetz sowie im Staatsanzeiger seinen Niederschlag findet, wird entscheidend davon abhängen, wer die künftige Regierung bildet. Dabei ist schon jetzt für alle an der Sache Beteiligten klar, dass  nur  eine neuerliche türkis-blaue Regierungskoalition  dazu willens und in der Lage wäre. Ebenso klar ist das für die Südtiroler, denen vor hundert Jahren die fremdnationale Umgebung aufgezwungen worden ist und denen das Vorhaben zum österreichischen Pass verhelfen und damit auch dazu beitragen soll, sich ihrer Identität als österreichische Minderheit zu vergewissern und diese zu festigen.

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*) Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Olt war seit 1. November 1985 politischer Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und seit 1. September 1994 bis zu seinem Ausscheiden am 31. August 2012 mit Sitz in Wien deren politischer Korrespondent für Österreich, Ungarn, Slowenien, zeitweise auch für die Slowakei. In der FAZ hat er die meiste Zeit seines beruflichen Wirkens zugebracht; daneben nahm er Lehraufträge an deutschen und österreichischen Hochschulen sowie in Budapest wahr. Seit 1990 ist er Träger des Tiroler Adler-Ordens, seit 2013 des Großen Adler-Ordens. 1993 erhielt er den Medienpreis des Bundes der Vertriebenen. 2003 zeichnete ihn der österreichische Bundeskanzler mit dem Leopold-Kunschak-Preis aus, und der Bundespräsident verlieh ihm im gleichen Jahr den Titel Professor. 2004 wurde er als erster von diesem mit dem „Otto-von-Habsburg-Journalistenpreis für Minderheitenschutz und kulturelle Vielfalt geehrt“; ebenfalls 2004 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen der Steiermark verliehen. 2012 ernannte ihn die Eötvös-Loránt-Universität in Budapest zum Ehrendoktor (Dr. h.c.) sowie Professor, und 2013 verlieh ihm der österreichische Bundespräsident das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Geboren wurde Olt 1952 als Sohn eines Bauern im Odenwald. Sein Abitur bestand er 1971 in Michelstadt. Nach Ableistung des Wehrdienstes studierte er Germanistik, Volkskunde, osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Freiburg und Gießen bis zur Promotion 1980. Es folgte an der Universität Gießen eine Assistententätigkeit. Dann begann 1985 seine Zeit in der FAZ.

**)    Die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt.

***) Palawatsch = Durcheinander  Die

****) Im 1. Quartal 2018 laut Landesstatistik-Institut ASTA.

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