Eine Bahnfahrt, die ist lustig …

Wenn einem Zug zwei Waggons fehlen – Der eine Zug darf wegen Überfülle nicht weiterfahren, der andere trotzdem – Einfach toll, diese Bahn – Eine Erlebnisreise

Quelle: Janson-Karikatur.de

Zugegeben, es gibt gefährlichere Abenteuer, als mit der Deutschen Bahn zu reisen. Dafür aber immer wieder erstaunliche. Der Reisende, der sich ihr trotzdem anvertraut – denn die Hoffnung stirbt zuletzt, will nach Berlin. Bis Büchen ist er unbeschadet und pünktlich gekommen. Dort nun muss er umsteigen. Da kommt alle zwei Stunden der EuroCity, der über Berlin in Prag endet. Der Reisende nimmt häufig diesen Zug, denn er ist häufig in Berlin. Er hat seit vielen Monaten keinen EuroCity erlebt, der hier pünktlich eintraf, sondern regelmäßig zehn bis fünfzehn Minuten später kam. Stets lautet die Begründung: technische Störung. Rumstehen auf dem Bahnsteig und stoisch länger warten, als es der Fahrplan vorsieht, ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht bei 28 Grad Celsius im Schatten und für die Hitze etwas overdressed.

Wenn einem Zug zwei Waggons fehlen

Verspätung diesmal sechzehn Minuten. Immerhin, der Zug trifft ein. Der Waggon mit dem reservierten Platz ist üblicherweise der erste gleich hinter der Lok. Dort also hat sich der Reisende mit seinen beiden Gepäckstücken aufgebaut. Der Wagen fehlt. An seiner Stelle ist ein anderer der erste Waggon. Also erst einmal in den rein. Alle Plätze besetzt. Andere Reisende stehen samt Gepäck im Gang. Eine aufgeschnappte Information lautet, die gebuchten Plätze im fehlenden Wagen 262 seien im Wagen 257 reserviert. Der Reisende versucht, sich dorthin durchzuschlagen. Die Gänge sind mit Menschen und Gepäck voll. Es stellt sich heraus, dass dem Zug nicht nur ein, sondern zwei Wagen fehlen. Die vielen, die in Büchen zugestiegen sind, müssen sich dazuquetschen, denn der Zug ist in Büchen schon vollbesetzt angekommen. Es ist heiß, drinnen mehr noch als draußen. Die Klimaanlage kühlt nicht, eher umgekehrt. Schwitzend ist Wagen 257 endlich erreicht. Ja, die Reserviert-Schilder gibt’s, aber alle Plätze sind belegt.

Der eine Zug darf wegen Überfülle nicht weiterfahren, der andere trotzdem

Vom Zugpersonal lässt sich niemand blicken. Wozu auch? Wer immer sich von dort aufmacht, seines Amtes zu walten: ein Durchkommen ist für ihn ebenfalls schwer. Und heiß ebenso. Und dann sich die Beschwerden anhören müssen. Und was könnte er schon ausrichten – bei der Überfülle. Da kommt vom Personal eine Durchsage: Der Zug sei überbelegt und dürfe nicht mehr weiterfahren, müsse in der nächsten Station halten und sich der Überfülle entledigen. Alle, die nach Berlin wollen, sollen dort, also in Ludwigslust, aussteigen. Da werde – ebenfalls aus Hamburg kommend – ein ICE halten und die Berlin-Reisenden des EuroCity mitnehmen. Der EuroCity werde in Ludwigslust zwei Stunden lang stehenbleiben. Ankunft in Ludwigslust 15 Uhr 50. Der ICE ist für 16 Uhr 20 angesagt. Abermals stehen und warten. Der ICE kommt verspätet erst 16 Uhr 29. Doch auch er ist voll. Da sollen nun alle gestrandeten Fahrgäste rein. Eigentlich dürfte dieser Zug wegen Überfülle ebenfalls nicht mehr fahren. Er fährt trotzdem. Das verstehe, wer will. Auch hier lässt sich das Zugpersonal lieber nicht blicken.

Einfach toll, diese Bahn

Ankunft in Berlin Hauptbahnhof 17 Uhr 46. Die gebuchte Ankunft 16 Uhr 58. Also fehlen dem Reisenden zwölf Minuten, um die Verspätungsentschädigung beanspruchen zu können. Für seine Unbilden gibt es nix. Einfach toll, diese Bahn. HimmiherrgottKreizkruzefixNoamol, ich will die verlässliche Pünktlichkeit der Züge aus jener fernen Zeit zurückhaben, als sie noch von den fauchenden Dampfrössern durch’s Land gezogen wurden. Es muss nicht auch gleich der alte Kaiser Willem sein.

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3 Gedanken zu “Eine Bahnfahrt, die ist lustig …”

  1. Das erinnert mich an meine erste Griechenlandreise in den 80er Jahren.
    Da verkündete die Reiseleitung:
    Der Bus vor dem Hotel fährt jede halbe Stunde!
    Also, theoretisch!
    Praktisch können in 5 Minuten 4 Busse kommen und dann 2 Stunden keiner!

    Aber mittlerweile holen wir da ja auf!
    Ich bin dafür den starren Begriff „Fahrplan“ abzuschaffen und durch die flexible „Absichtserklärung“ zu ersetzen, also nicht mehr Abfahrt 12.30 Uhr,
    sondern Abfahrt ca.: 12.00 bis 14.00

  2. Im Jahre 1959 fragte ich einen Kanadier, der nach drei Monaten in Frankfurt am Main nach Kanada zurückgekehrt war, nach seinem Eindruck. Antwort:
    „Ein tolles Land. Ich fuhr drei Monate lang fast täglich morgens von
    Frankfurt nach Hoechst mit dem Zug.dessen Abfahrt mit 7.37h auf einem
    „Fahrplan“ angekündigt war. E ist nicht zu glauben, der verdammte Zug
    fuhr 3 Monate lange jeden Tag um 7.37h ab.“

  3. Also ich mag die Bahn, setzte mich auch auf meinen Rucksack (ein Koffer ist bei Abenteuerurlaub kontraproduktiv) oder auf die Treppe im Doppelstöcker.

    Klimaanlagen sind auch spannend. Wer auf die Idee gekommen ist eine ca. 25m lange verglaste Metallröhre nur damit zu temperieren war wohl vorher Kältetechniker bei Cpt. Iglo. Da funzt das, auch ohne Fenster die nicht zu öffnen sind bzw. ganz ohne Fenster. Man muss dann halt mit und auf seinen Rucksack in Türnähe sitzen um wenigstens am Bahnhof mal einen Luftzug abzubekommen.

    Verspätungen sind im Zeitalter der Smartphones eh abgeschafft. Ob ich nun den Text im nicht vorhandenem Bahnhofscafè einer nicht vorhandenen Wandelhalle auf einem sonst zugigen Bahnhof lese oder auf dem Rucksack in Türnähe weil die Reservierung verfallen ist spielt doch keine Rolle, oder?

    Mir hat die Bahn schon Taxis „spendiert“ und erstattet, Bahncards erlassen uvam. Aber ich schreib auch jedes mal einen netten Text zur Fahrkarte. Auch wenn die Fahrkarte Aufgrund der Zangenabdrücke vom Umsteigen aussieht wie ein Heidelbeerbecher FrutaItalia. Bei angeblicher Direktverbindung wohlgemerkt.

    Man muss nur den Gedanken an ein funktionierendes System aufgeben, zu allem einen Plan B haben und auch sonst flexibel sein. Reines Mentalproblem. Umsteigen z.B, nur wo man zur Not auch mit dem Bus weiterkommt, oder die Stadt ganz nett ist wenn man da übernachten muss. Einsame Bahnhöfe meiden und ausreichend Zeitpuffer einplanen.

    Das klingt nicht nur nach dritte Welt, das ist auch so.

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