Die diktierte Zeit

Politiker und Staaten haben sie schon wieder manipuliert – Die Sommerzeit bedeutet für Deutsche: in St. Petersburg arbeiten, aber in Deutschland leben – Die biologische Uhr tickt nach dem Sonnenstand, also nach der Normalzeit

Karikatur: Mario Lars

„Die Winterzeit ist die natürliche Zeit. Alles andere ist Krampf.“ So sieht es der Lübecker Uhrmacher Thomas Pfadt.*) Das ist auch meine Ansicht. Heute Morgen mussten wir alle ein Stunde früher aufstehen – wenn wir uns denn abermals an die wiederum diktierte Zeitumstellung halten wollten, was zu tun aber tunlich ist; sonst nämlich gerät man mit allen anderen Menschen und allen Zeitangaben der nächsten Monate aus dem Tritt. Gestern Nacht um zwei Uhr hat der deutsche Staat (zusammen mit anderen Staaten) die sogenannte Winterzeit beendet und die „Sommerzeit“ verordnet. Dann ist es abends vorgeblich eine Stunde länger hell. In Wirklichkeit natürlich nicht, sondern nur deshalb, weil Politiker die Zeit manipulieren, damit wir uns diese eine Stunde mehr Helligkeit einbilden. Die Sonne nämlich kümmert das kein bisschen; die geht in der Erdumdrehung und Erdumlaufbahn auf und unter, wann sie will. Darauf besteht auch der Chronobiologe Till Roenneberg: „Wir können die Zeit nicht umstellen. Die ist von der Erdumdrehung, vom Sonnenstand definiert. Wenn die Sonne am höchsten steht, ist es normalerweise 12 Uhr.“ Roenneberg ist Professor an der Universität München.**) Was beim Zeitmanipulieren „Winterzeit“ genannt wird, ist die Normalzeit. Das ist auch die Zeit unserer „biologischen“ Uhr.

Was die Sommerzeit für in Deutschland Lebende bedeutet

Diese biologische Uhr läuft in Normalzeit, sagt Roenneberg. „Sie stimmt alle biologischen Vorgänge in uns mit dem 24-Stunden-Rhythmus der Erde ab und regelt die entsprechende Prozesse im Körper. Dabei richtet sie sich nur nach dem Sonnenstand.“ Weil sich Arbeits- und Schulzeiten nach der Umstellung nicht ebenfalls ändern, so Roenneberg, „häufen wir von Montag bis Freitag ein großes Schlafdefizit an, das wir am Wochenende auszugleichen versuchen“. Die Sommerzeitregelung verlege unseren Arbeitsplatz oder den Hörsaal noch eine Zeitzone weiter nach Osten. „Das bedeutet, dass wir in St. Petersburg – also weit weg – arbeiten, jedoch hier in Deutschland leben.“ Wenn eine diesbezügliche Umfrage***) stimmt, ziehen 49 Prozent der Deutschen die Normalzeit, also die „Winterzeit“ vor, 36 Prozent die „Sommerzeit“. Die restlichen 15 Prozent sind wohl unentschieden. Schlagen wir sie den 49 Prozent zu, hat die Normalzeit eine präsentable Mehrheit von 64 Prozent. Und es gibt Hoffnung: Am 26. März hat das EU-Parlament mehrheitlich dafür gestimmt,  im Jahr 2021 den Wech­sel von Win­ter- und Som­mer­zeit abzuschaffen. Gut so, manchmal setzt sich dort auch Vernunft durch.

__________________________________________

*)    Lübecker Nachrichten (LN) vom 31. März 2019, Seite 6.

**)  LN vom 30. März 2019, Seite 3.

***)  LN vom 31. März 2019, Seite 5. Nach einer anderen Umfrage klagt gut ein Vier­tel der Be­frag­ten nach der Zeit­um­stel­lung über „ge­sund­heit­li­che oder psy­chi­schen Pro­ble­me“ (FAZ vom 27. März 2019, Seite 8).

Print

4 Gedanken zu “Die diktierte Zeit”

  1. Diese Behauptung einer „krankmachenden“ Sommerzeit ist einfach nur esoterischen Mist.
    Da ich selbst in einem Land aufgewachsen bin, in dem während meiner Kindheit immer „Normalzeit“ herrschte (Portugal) und die „Winterzeit“ erst während der Benzinkrise in den 70gern eingeführt wurde, weiß ich noch, was „ganzjährige Normalzeit“ für Schüler und arbeitenden Bevölkerung bedeutet. Und das in einem Breitengrad, in dem die Tageslichtlänge zwischen Winter und Sommer lange nicht so stark differiert wie in Deutschland. – Es sind dann allein kleine elitäre Kreise, die bei ganzjähriger Normalzeit ihre Arbeitszeiten dem Sonnenlicht anpassen können. Eine allgemeine Zeitumstellung ist eine soziale Einrichtung, die der großen Mehrheit derjenigen zugute kommt, die zu festgesetzten Zeiten arbeiten gehen müssen. – Die Eliten aber können sich ihre Arbeitszeiten aber auch trotz wechselnder Sommer- und Winterzeit zurechtlegen.
    Eine Zeitumstellung von einer Stunde zweimal im Jahr ist wunderbar zu verkraften, wenn man daraus den Vorteil zieht,
    Ich bitte zu bedenken, dass die meisten Leute gar kein Problem damit haben, am Wochenende mehrere Stunden später ins Bett zu gehen und Sonntags erst gegen Mittag aufzustehen. Sie verschaffen sich damit wesentlich schlechter zu verkraftetende „Zeitumstellungen“, und das jede regelmäßig Woche von Sonntag auf Montag.
    Die häufigere Übermüdung im Sommer liegt daran, dass die Leute im Sommer einfach länger wach sind und weniger schlafen. Sie würden aber nicht früher ins Bett gehen, nur weil es eine Stunde früher dunkel wird. In Südeuropa sind die Leute im Sommer trotz kürzerer Tage und früherer Sonnenuntergänge im Sommer noch länger wach als im nördlichen Deutschland. Ein eventueller Schlafmangel liegt an der sommerlich höheren Temperatur, nicht am Sonnenstand zu Arbeitsbeginn.
    Und ich weiß, als Angestellte in einem internationalen Unternehmen, wie meine Kollegen bei Mutterkonzern in Indiana (USA) mit ihrer fehlenden Sommerzeit umgehen: Sie sind dankbar dafür, dass sie im Sommer eine Stunde früher zu arbeiten beginnen können und eine Stunde früher nach Hause dürfen, weil der frühe Sonnenaufgang einfach danach verlangt. – Wenn wir die Zeitumstellung abschaffen wird es bald zu dem Ruf nach jahreszeitlicher Anpassung der Arbeitszeiten kommen. Da bin ich mir sicher. Wem nutzt es denn, wenn die Sonne schon um drei Uhr morgens statt um vier aufgeht, wenn Arbeitsbeginn grundsätzlich erst um acht ist?
    Am albernsten sind aber die seltsamen Begründungen über die „de facto“ Vorteile der Abschaffung Sommerzeit, denen man sich hingibt: Zwei von drei Befürwortern in meinem Bekanntenkreis behaupten starr und steif, dass es bei sommerlicher Hitze dann vormittags doch nicht mehr so schnell heiß werden würde. Sie haben also noch nichteinmal kapiert, dass die Sonne dann vormittags um zehn schon eine Stunde „höher“ stünde, als während der ungeliebten Sommerzeit.
    Ich bin mir ganz sicher: Nach der Abschaffung der Sommerzeit, gibt’s für die Befürworter dieser Abschaffung noch mehr zu meckern als jetzt.

    • Die verordnete Zeitumstellung war und ist kontraproduktiv! Wir leisten es uns, diesen politisch aufgezwungenen Schwachsinn zu ignorieren. Für mich und meine Lebensgefährtin verläuft Tag und Nacht so, wie es unsere Natur vorgibt, also biologisch korrekt seit Mrd. von Jahren und nicht wie es die indoktrinierte Korrektheit von Politikern einem überwiegend hörigen Volk verordnet.

  2. Die Regierung könnte doch einfach dafür sorgen, daß die Erde flach wie eine Scheibe ist, dann würde die Sonne überall zur selben Zeit aufgehen. Mit Steuergeldern ließe sich das zur Zeit bestimmt irgendwie durchführen. Dann gäbe es endlich Zeitgerechtigkeit für alle. Zeitzonen und Zeitgrenzen sind doch sowas von gestern. Da fehlt ja nur noch die Zeittrennung. Am Ende stimmt was nicht mit dem Zeitklima oder vielleicht sogar mit dem Zeitgeist. Ich muß aufhören zu schreiben, mir läuft die Zeit davon.

  3. Sonnenaufgang heute in Warschau 6:08, in Madrid 7:57, jeweils UTC+2. Differenz 1:51 Minuten. Die MEZ gilt von Polen bis Portugal, vom Nordkap (Sonnenaufgang heute 05:09) bis Alicante (Aufgang heute 07:45). Ja die Sommerzeit ist so überflüssig wie ein Kropf, aber schädlich für Gesundheit und Wohlbefinden ist sie nicht. Da sind die Probleme der Bewohner subarktischer Zonen schlimmeres gewohnt. Wer so argumentiert wie Klaus Peter Krause, muss auch die Abschaffung der gültigen Zeitzonen fordern, und solche einführen, die auch noch entlang der Breitengrade gezogen werden.

Schreibe einen Kommentar