Schafft sie ab

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Die Sommerzeit steht zur Disposition – Jetzt können die EU-Bürger über die Zeitumstellung abstimmen – Aber die EU-Kommission will zunächst nur ein Meinungsbild einholen – Was mit dem Abstimmungsergebnis geschieht oder nicht – Das ursprüngliche Ziel (Energie sparen) wird verfehlt – Immer mehr Stimmen gegen die Sommer- und für die Normalzeit – Das Uhrzeit-Umstellungsdiktat war eine Schnapsidee

Na, endlich. Wenigstens eine Umfrage zur Sommerzeit. Jetzt können wir abstimmen, ob wir weiterhin zweimal im Jahr die Uhrzeit umstellen müssen oder nicht. Mit einer Umfrage dazu hat die EU-Kommission im Internet begonnen. Bis zum 16. August können alle EU-Bürger, Unternehmen und Verbände darüber entscheiden, ob sie diese Zeitumstellung immer noch beibehalten oder nunmehr abschaffen wollen. Damit steht die Sommerzeit auf der Kippe. Wer sich an der Abstimmung beteiligt, muss zwar einige Fragen beantworten, was aber nur wenige Minuten dauert. Zur Online-Befragung kommen Sie mit diesem Link: https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/2018-summertime-arrangements

Aber die EU-Kommission will zunächst nur ein Meinungsbild einholen

Die EU-Kommission beginnt ihre Befragung so: „Auf Ersuchen vonseiten der Bürgerinnen und Bürger, des Europäischen Parlaments und bestimmter EU-Mitgliedstaaten hat die Kommission beschlossen, das Funktionieren der derzeitigen Sommerzeitregelung der EU zu prüfen und zu bewerten, ob sie geändert oder beibehalten werden sollte. In diesem Zusammenhang möchte die Kommission die Meinung der europäischen Bürgerinnen und Bürger, Interessenträger und Mitgliedstaaten zur derzeitigen Sommerzeitregelung der EU und zu möglichen Änderungen dieser Regelung einholen.“ Allerdings lässt die Kommission noch offen, ob die Zeitumstellung abgeschafft wird, wenn das Abstimmungsergebnis eine Mehrheit dafür ergibt, oder beibehalten wird, wenn eine Mehrheit von der Umstellung nicht lassen will. Sie will, wie EU-Sprecherin Laura Bethke mitgeteilt hat, zunächst nur ein Meinungsbild einholen. Anschließend könne an die Mitgliedstaaten eine Empfehlung ergehen.

Was mit dem Abstimmungsergebnis geschieht – oder nicht

Dabei sollte die EU-Kommission aber beachten, dass das EU-Parlament Mitte Februar 2018 die Sommerzeit infrage gestellt und die Kommission aufgefordert hat, Vor- und Nach­tei­le der Zeit­um­stel­lung ge­gen­über­zu­stel­len und die Re­ge­lung ge­ge­be­nen­falls ab­zu­schaf­fen. 384 Ab­ge­ord­ne­te hatten für den An­trag gestimmt, 153 da­ge­gen. Jetzt müsse die Kom­mis­si­on end­lich re­agie­ren, sag­te damals der EU-Ab­ge­ord­ne­te Mar­kus Fer­ber (CSU). Da­mit stie­gen die Chan­cen, dass die Som­mer­zeit­re­ge­lung zu­rück­ge­nom­men wer­de. Aber die zu­stän­di­ge EU-Kom­mis­sa­rin Vio­le­ta Bulc stell­te klar, die Som­mer­zeit kön­ne nur dann ab­ge­schafft wer­den, wenn das in al­len EU-Staa­ten ge­sche­he. Bei ei­nem Fli­cken­tep­pich ver­schie­de­ner Zeit­re­ge­lun­gen droh­ten Pro­ble­me im Bin­nen­markt (FAZ vom 17. Februar 2018). Falls die Abstimmung gegen die Sommerzeit ausfällt, sollte sich die EU-Führung nicht darüber hinwegsetzen dürfen.

Das ursprüngliche Ziel (Energie sparen) wird verfehlt

Ich selbst bin schon lange gegen die Zeitumstellung gewesen (siehe hier und hier). Ursprünglich sollte sie Energie sparen helfen, weil dann das Tageslicht besser genutzt würde: Licht und Wärme von der Sonne sind umsonst, Licht von der Glühbirne und Wärme von Heizungen kosten was. Aber Energie wird keineswegs gespart, im Gegenteil, der Stromverbrauch pflegt mit der Sommerzeit sogar zu steigen – um bis zu vier Prozent. Das jedenfalls hat eine Forschergruppe der University of California schon vor zehn Jahren herausgefunden, nachdem sie über drei Jahre hinweg die Stromzählerstände von mehr als sieben Millionen Privathaushalten im amerikanischen Bundesstaat Indiana ausgewertet hatte. Wohl gebe es geringfügige Einsparungen im Frühjahr, aber sie würden durch einen umso höheren Stromverbrauch im Spätsommer und Herbst zunichte gemacht. Für diese negative Bilanz machten die Forscher vor allem den erhöhten Heizbedarf in den dunklen Morgenstunden und die stärkere Benutzung von Klimaanlagen an den längeren Nachmittagen und warmen Sommerabenden verantwortlich. (Junge Freiheit vom 28. März 2008). Es liegt nahe zu vermuten, dass dies nicht allein für Indiana zutrifft. Also wäre die Sommerzeit, um Energie zu sparen, ohnehin nicht mehr nötig.

Immer mehr Stimmen gegen die Sommer- und für die Normalzeit

Die Stimmen gegen das Umstellen der Uhrzeit haben zugenommen. Fast drei Viertel der Menschen in Deutschland sind dagegen (hier). In einer anderen Umfrage mit mehr Teilnehmern (über 47 000) lehnten 60 Prozent die Zeitumstellung ab, nur 25 Prozent sie befürwortet Also wäre die Sommerzeit, um Energie zu sparen, nicht mehr nötig. Was unnötig ist, ist überflüssig. Das hat auch eine Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft 2010 ergeben: Zwar werde weniger Strom für Licht gebraucht, dafür aber mehr Strom für die abendliche Freizeitgestaltung und für morgendliches Heizen (siehe hier). Dass dem so ist, hat die Bundesregierung auf eine FDP-Anfrage schon 2005 bestätigt (hier). Andere Studien sind in den zurückliegenden Jahren zum gleichen Ergebnis gekommen. Siehe ebenso hier. Folglich könnten wir bei der Normalzeit, heute Winterzeit genannt, bleiben und brauchten unsere Uhren, brauchten unseren Biorythmus sowie den unserer Tiere in Haus und Landwirtschaft nicht zweimal im Jahr umzustellen. Viele andere Probleme, die sich durch die Umstellung zweimal im Jahr ergeben, sprechen ebenfalls dafür, das Umstellen abzuschaffen.

Das Uhrzeit-Umstellungsdiktat war eine Schnapsidee

Bereits seit mehr als vier Jahrzehnten haben wir dieses staatliche Uhrzeitumstellungsdiktat. Beschert hat es uns purer politischer Aktionismus nicht nur in Deutschland allein. Es ist eine hilflose Reaktion auf Ölpreissteigerungen durch das Kartell arabischer Ölförderländer (Opec) in den 1970er Jahren gewesen. Anders gesagt: eine Schnapsidee. Allerdings nicht die erste mit der Uhrzeit. 1784 wurde die Uhrzeit umgestellt, um den Verbrauch von Kerzen zu verringern. 1916, mitten im Krieg, führte das Deutsche Reich die Sommerzeit ein. Zwischen den beiden Weltkriegen (1919 bis 1939) verschwand sie dann wieder. Im Kriegsjahr 1940 wurde sie abermals ausgegraben. Von 1950 bis 1979 gab es sie in Deutschland nicht mehr. Den größeren historischen Rückblick und weitere Einzelheiten finden Sie hier und ein weiteres Plädoyer für das Abschaffen der Zeitumstellung, also für die Normalzeit hier.

PS. Allerdings gab es bei der EU-Kommission anfänglich technische Schwierigkeiten: Der Server dort brach zusammen. Wegen der vielen Zugriffe auf die Seite habe das System Schwierigkeiten, hieß es aus der EU-Kommission. Wer den Online-Fragebogen nicht angezeigt bekomme, solle es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen. Siehe hier.

 

 

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