Die deutsche Schul- und Bildungspolitik – Das Buch von Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt – Mit dem Egalisierungswahn fing es an, dann folgten „Pisa“ und „Bologna“ – Experimente an Schutzbefohlenen, durchgezogen, auch wenn sie krachend scheitern – Die fünf Fallgruben – Gibt es wirklich keine politische Kraft gegen alle diese Verirrungen? – Doch es gibt sie: Es ist die AfD, die in der Bildungspolitik zum Vorbild zurück will

Die deutsche Schul- und Bildungspolitik geht immer mehr vor die Hunde. Nein, sie ist dort schon. Was einst weltweit angesehen war, haben Politik und Bildungswissenschaft mit ihren ständigen „Reformen“ – gemessen an dem einstigen Standard – geradezu ruiniert. Oder anders ausgedrückt: Sie haben vom einst Vorbildhaften Trümmer und Ruinen hinterlassen. So jedenfalls hat es Josef Kraus formuliert. Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und hat über diese Misere ein Buch geschrieben.*) Dessen Titel lautet „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“. Im Vorwort hat er zusammengefasst, womit das geschehen ist und in welche Fallgruben die Täter dabei gestolpert sind. Kraus zählt fünf auf.

Ich gebe dieses Vorwort auszugsweise im Wortlaut wieder. Die Zwischenüberschriften sind (bis auf eine) von mir eingefügt. Josef Kraus schreibt:

Mit dem Egalisierungswahn fing es an, dann folgten „Pisa“ und „Bologna“

„Seit den 1960er Jahren werden solche Reformen in Szene gesetzt, zumeist sind Deformationen daraus geworden. Damals unterwarf man Bildung bzw. das, was man dafür hielt, einem radikalen Egalisierungswahn. Kaum hatte sich das deutsche Schulwesen mit diesem Wahn arrangiert oder ihn halbwegs abgepuffert, folgte der nächste Wahn. Er trägt seit der Jahrhundertwende von 2000 die Namen ‚Pisa’ und ‚Bologna’.  Dabei sind Pisa und Bologna doch „nur“ Städte in Italien. Die Luftlinie zwischen beiden misst rund 120 Kilometer. Für manche Deutsche, die in Sachen Bildung missionieren, sind Pisa und Bologna allerdings die vermeintlich notwendigen Neugründungsmythen deutscher Bildungspolitik. Damit ist der Abstand zwischen „Pisa“ und „Bologna“ für eine zunehmend hysterisch-hypochondrisch angesäuerte Bildungspolitik und „Bildungsforschung“ die Entfernung von einer bildungspolitischen Fallgrube zur nächsten.“

Experimente an Schutzbefohlenen – durchgezogen, auch wenn sie krachend scheitern

„Die Folge ist eine Politik wider besseres Wissen und wider jede Vernunft. Da können Bildungsexperimente, die immer zugleich Experimente an Schutzbefohlenen sind, noch so krachend scheitern, sie werden dennoch durchgezogen oder – wie etwa im Fall der Gesamtschule mit ihrer durchschlagenden Erfolglosigkeit – in neuem Gewand unter dem Etikett ‚Gemeinschaftsschule’ präsentiert. Damit und mit kuriosen Lehrplanreformen kann man ein Schulwesen innerhalb einer einzigen Legislaturperiode, in diesem Fall innerhalb von fünf Jahren, an die Wand fahren. Baden-Württembergs grün-rote Regierung hat dies von 2011 bis 2016 vorexerziert. Das „Ländle“, das seit Jahren und Jahrzehnten bei allen Leistungsstudien immer zu den vier besten unter Deutschlands sechzehn Ländern gehörte, ist in kürzester Zeit vom Musterschüler zum Problemfall geworden. Zum Beispiel ist Baden-Württemberg beim Ländervergleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bei den neunten Klassen von 2010 bis 2015, dem Zeitpunkt des Tests, von einem Spitzenplatz auf Platz 12 im Lesen und Platz 14 beim Zuhören gefallen.“

„Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen“

„Hier scheint zu gelten, was Peter Sloterdijk feststellte: ‚Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen.’ Zwei seiner großen Vorgänger hätten es kaum anders gesagt: ‚Denn so ist der Mensch! Ein Glaubenssatz könnte ihm tausendfach widerlegt sein – gesetzt, er hätte ihn nötig, so würde er ihn immer wieder für wahr halten’ (Nietzsche). Oder: ‚Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein.’ (Schopenhauer). Mit solchem ‚Bildungs’-Verständnis aber stolpern unsere ewig-morgigen bildungspolitischen Schlaumeier in die stets gleichen Fallgruben.“

Fallgrube 1: die Egalitäts-Falle

Eine Falle ist die Egalitäts-Falle. Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte, Inhalte, ja sogar alle Geschlechter, von denen es ja nicht nur zwei, sondern bis zu sechzig geben soll, gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte geben dürfe.

Fallgrube 2:  Die Hybris-Falle

„Eine zweite Falle ist die Hybris-Falle. Das ist der aus dem Marxismus (‚Der neue Mensch wird gemacht’) und dem Behaviorismus (‚Der neue Mensch ist konditionierbar!’) abgeleitete Wahn, jeder könne total gesteuert und zu allem ‚begabt’ werden.“

Fallgrube 3: Schule muss cool sein, die Kinder dürfen sich nicht langweilen

„Eine dritte Falle ist die Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut – angestrengt und sehr bemüht – so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen müssten.“

Fallgrube 4: die Quoten-Falle

„Eine vierte Falle ist die Quoten-Falle. Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abitur-Zeugnis bekommen und es dürften möglichst wenig oder gar keine Schüler sitzenbleiben. Dabei müsste doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur!“

Fallgrube 5: die Beschleunigungs-Falle

„Und schließlich fünftens die Beschleunigungs-Falle. Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen.“

Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt – ohne Produkthaftung

„Fünf Fallgruben sind das – je nach Bundesland unterschiedlich intensiv ausgeprägt! In diesen fünf Fallgruben drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken. Und so wird seit Jahrzehnten, verschärft seit dem groß inszenierten Pisa-Schock, drauflos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt. Die Kinder aus ‚gutem’ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus ‚bildungsfernen’ Elternhäusern aber bleiben in ihren ‚restringierten Codes’, in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert. Das gilt für die Einheitsschule gleichermaßen wie für ‚neue’ Formen eines (sogenannten) Unterrichts, in dem der Lehrer nur noch den Moderator spielt.“

Von den einen willentlich, von anderen naiverweise an die Wand gefahren

„’Die Wüste wächst’ ist der Titel eines Liedes von Nietzsches Zarathustra. Dieses Bild hat Helmut Schelsky 1976 als Überschrift über ein Buchkapitel gewählt, um die Entkulturierung zentraler Institutionen der modernen Gesellschaft, darunter der Universität, zu charakterisieren. Um in diesem Bild zu bleiben: Die Bildungsnation wird unfruchtbar, sie verödet, weil ihre Grundlage erodiert. Die misslungenen, aber offiziell dennoch für erfolgreich erklärten Reformen sind wie ein Eingriff in die Ökologie von Bildung mit all ihren Folgen bis hin zum Verlust an Artenvielfalt, zum Beispiel Schularten-Vielfalt. Man könnte auch sagen: Diese Bildungsnation wird von den einen willentlich, von anderen naiverweise an die Wand gefahren – brav assistiert von den meisten Parteien, von den meisten Bildungsforschern, von moralisierenden Schwätzern, von diversen Stiftungen sowie von manch karriereorientiertem Lehrer und Schulleiter. Dass von höchster Regierungsseite eine ‚Bildungsrepublik’ ausgerufen wird, so Kanzlerin Merkel im Juni 2008, und auf diversen Bildungsgipfeln eitle Heerschauen inszeniert werden, ändert nichts daran. Sedativa sind das.“

Wo bleibt eine bürgerliche Revolte?

„Welche politische Kraft stellt sich all diesen Verirrungen in den Weg? Antwort: Keine, nicht einmal mehr eine CDU. Dass sich die Bildungsnation Deutschland allmählich abschafft, hat damit zu tun, dass die vormals bürgerliche Volkspartei CDU schulpolitisch die Segel gestrichen hat. Jahrzehnte war sie gestanden: für ein begabungs- und leistungsorientiertes, vielfältig gegliedertes Schulwesen, gegen Einheitsschule, gegen eine verlängerte Grundschule, für eine stabile Hauptschule, für anspruchsvolle Abiturstandards, gegen eine Inflation an Hochschulzugängen, für eindeutige Anforderungen beim Zugang zum Gymnasium sowie für ein duales System der beruflichen Bildung. Heute kann man die Frage nach der schulpolitischen Ausrichtung der CDU nicht mehr so recht beantworten. CDU-Schulpolitik ist wie ein großer Teil der CDU-Politik ‚errötet’. Die CDU ist bildungspolitisch – auch wenn eine CDU-Kanzlerin eine ‚Bildungsrepublik’ ausgerufen hat – zu einem programmatischen Bauchladen geworden.“

Gibt es wirklich keine politische Kraft gegen alle diese Verirrungen?

Soweit Josef Kraus. Messerscharf zeichnet er das unselige Geschehene auf. Aber gibt es wirklich keine politische Kraft, die sich all diesen Verirrungen in den Weg stellt? Doch, es gibt sie, ich muss Josef Kraus korrigieren. Es gibt sie in Form der neuen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Das ist an ihn kein Vorwurf. Da die deutschen Medien das Programm dieser Partei nahezu totschweigen, dürfte er davon keine Kenntnis gehabt haben können. Im AfD-Programm für die Bundestagswahl im September ist im Kapitel Bildung und Schule: Mut zur Differenzierung  (Seite 38  bis 39) unter anderem dies zu lesen:

Gegen die nivellierende Einheitsschule und den Qualitätsverlust

„Die Politik der etablierten Parteien, die eine nivellierende Einheitsschule anstrebt und dabei Qualitätsverlust in Kauf nimmt, bedroht die Zukunftschancen junger Menschen und somit auch die Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft. …Wir fordern die Abkehr von geschwätziger Kompetenzorientierung und die Rückkehr zur Vermittlung des Fachwissens als zentrales Anliegen der Schule. Die sogenannte ‚neue Lernkultur’, die den klassengeführten Unterricht durch selbstgesteuertes, kompetenzorientiertes Lernen ersetzt, hat zu massivem Leistungsabbau bei den Schülern geführt. In fast allen Bundesländern haben sich nach der Aufregung um „PISA“ Bildungspolitiker und Schulaufsicht zu Handlangern der Testindustrie machen lassen. Eine Reform jagt die andere mit kontinuierlicher Absenkung des Niveaus.“

Das mehrgliedrige Schulsystem erhalten, Differenzierung statt Gleichmacherei

„Der schleichenden Abschaffung verschiedener Schulformen und der Entwicklung hin zur nivellierenden Einheitsschule muss Einhalt geboten werden. Effizientes Lehren und Lernen ist nur möglich, wenn die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern einer Schulform begrenzt bleiben. Bildungsgerechtigkeit erfordert Differenzierung nicht Gleichmacherei. Wir befürworten daher ein nach Begabungen differenziertes Schulsystem, das dem unterschiedlichen Leistungsvermögen der Schüler gerecht wird.“

Das Abitur wieder zum Ausweis der Studierfähigkeit machen

„Die Bildungsstandards in allen Schulformen müssen sich an dem jeweils höchsten Niveau in Deutschland ausrichten. Zugangsvoraussetzung für das Gymnasium dürfen allein landesweit verbindliche Leistungskriterien sein. Das Abitur muss wieder zum Ausweis der Studierfähigkeit werden, der Haupt- oder Realschulabschluss zu qualifizierter Berufsausbildung befähigen.“

Meister ausbilden statt Master

Ferner will die AfD die berufliche Bildung stärken: „Die duale Ausbildung in Unternehmen und Berufsschulen ist ein Erfolgsmodell. Jedoch gefährden das Streben nach immer höheren Abiturienten- und Akademikerquoten sowie unzureichende Kenntnisse von Haupt- und Realschulabsolventen den Nachwuchs in den Ausbildungsberufen. Zahlreiche Lehrstellen können aus Mangel an ausreichend qualifizierten Bewerbern nicht besetzt werden, ein Viertel der Lehrlinge bricht die Ausbildung ab. Ähnlich verhält es sich mit den Abbrecherquoten bei Studierenden.“

An deutschen Schulen für muslimische Kinder keine Sonderrechte

Die AfD wendet sich auch gegen eine ideologisch motivierte Inklusion; Förder- und Sonderschulen seien zu erhalten. An deutschen Schulen dürfe es keinen bekenntnisgebundenen Islamunterricht geben, auch keine Sonderrechte für Muslime; muslimische Schüler müssten ebenso am Sport- und Schwimmunterricht sowie an Klassenfahrten teilnehmen wie alle anderen Schüler auch. Denn: „Nur so können wir der Herausbildung von Parallelgesellschaften gegensteuern und den Schülern Teilhabechancen eröffnen, damit Integration gelingt.“ Die Folgen der Massenimmigration dürften nicht auf dem Rücken der Schüler ausgetragen werden.

Die politische Neutralität der Schule wahren

Außerdem setzt sich die AfD dafür ein, dass die Neutralität der Schule gewahrt bleiben muss, die Schüler dürften dort keiner ideologischen Beeinflussung ausgesetzt werden, die Klassenzimmer kein Ort der politischen Indoktrination sein.

Für Hochschulen das Recht zu Aufnahmeprüfungen

Die Autonomie der Hochschulen will die AfD stärken. Die Freiheit von Forschung und Lehre sei zu bewahren. Die Hochschulen sollten das Recht besitzen, Bewerber durch Aufnahmeprüfungen auszuwählen. Die EU-weite Harmonisierung von Studiengängen (Bologna-Prozess) habe zu einer Verschulung des Studiums geführt, auch zu Überregulierung und Bürokratie. Die akademische Freiheit sei beschnitten, ein Studienplatzwechsel erschwert worden. Bologna sei gescheitert. Die AfD sieht außerdem vor, die bewährten Diplom- und Magisterstudiengänge wieder einzuführen.

Wer nicht will, dass es so weitergeht wie bisher ….

Wer also alles das, was Josef Kraus kenntnis- und erfahrungsreich anprangert, nicht mehr will, ist bei der AfD gut aufgehoben. Den Wortlaut zur Bildungs- und Schulpolitik der AfD und das gesamte Programm zur Bundestagswahl 2017 finden Sie hier.

________________________________________________________________________________

*)Josef Kraus.Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt – Und was Eltern jetzt wissen müssen. F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2017. Gebunden. 270 Seiten. 22  Euro. ISBN 9783776628029



| Artikel versenden




Letzte Einträge:


Kommentare


Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Website

XHTML: Diese HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Ihr Kommentar