Endlich wieder Normalzeit

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Die ständige Manipulation an der Uhrzeit – Alle Jahre wieder und das gleich zweimal– Ein staatliches Diktat – Unwirksam, die ursprüngliche Absicht wird verfehlt, daher überflüssig und abzuschaffen – Aber heute geht es nur um Vergnügungssucht und Geschäftsinteressen

Gut ausgeschlafen heute? Ihnen wurde doch eine ganze Stunde geschenkt. Nein, nicht wirklich, denn im Frühjahr wurde Sie Ihnen genommen, jetzt also nur zurückgegeben. Damit haben wir sie wieder, die Winterzeit – seit drei Uhr frühmorgens.  Mit ihr hat  jetzt wieder die Normalzeit begonnen, auch Mitteleuropäische Zeit (MEZ) genannt. Die Stunde, die wir im Frühjahr an unseren Uhren vorstellen mussten, war jetzt wieder zurückzustellen. Damit wird es eine Stunde früher dunkel – jedenfalls nach unserer neuen Uhrzeit, also nur scheinbar. Die Behauptung, nunmehr werde uns eine zusätzliche Stunde Schlaf geschenkt, ist Unsinn, denn wir müssen (nach der neuen Uhrzeit) auch eine Stunde früher ins Bett. Diese Zeitumstellung geht auf einen EU-Beschluss von 1977 zurück, umgesetzt in Deutschland seit 1980. Ursprünglich sollte sie Energie sparen helfen (hier).  Auch das ist Unsinn.

Anders als gedacht wird Energie nicht gespart, im Gegenteil

Denn Energie wird keineswegs gespart, im Gegenteil, der Stromverbrauch pflegt  mit der Sommerzeit sogar zu steigen. Um bis zu vier Prozent. Das jedenfalls hat eine Forschergruppe der University of California in Santa Barbara 2008 herausgefunden. Über drei Jahre hinweg hatte sie die Stromzählerstände von mehr als sieben Millionen Privathaushalten im amerikanischen Bundesstaat  Indiana ausgewertet.  Wohl gebe es geringfügige Einsparungen im Frühjahr, aber sie würden durch einen umso höheren Stromverbrauch im Spätsommer und Herbst zunichte gemacht. Für diese negative Bilanz machen die Forscher vor allem den erhöhten Heizbedarf in den dunklen Morgenstunden und die stärkere Benutzung von Klimaanlagen an den längeren Nachmittagen und warmen Sommerabenden verantwortlich. Untersucht hatte sie nur Privathaushalte, nicht. Industrieanlagen und andere Wirtschaftsbereiche. Doch vermutete die Forschergruppe, die meisten Unternehmen würden sich an normale Arbeitszeiten bei Tageslicht halten und daher weniger von der Sommerzeitumstellung betroffen sein als Privathaushalte.

Das Umstellen der Uhrzeit ist überflüssig

Es liegt nahe anzunehmen, dass es woanders nicht anders ist als damals in Indiana. Also wäre die Umstellung, um Energie zu sparen, nicht mehr nötig. Was unnötig ist, ist überflüssig. Das hat auch eine Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft 2010 ergeben: Zwar werde weniger Strom für Licht gebraucht, dafür aber mehr Strom für die abendliche Freizeitgestaltung und für morgendliches Heizen (siehe hier). Dass dem so ist, hat die Bundesregierung auf eine FDP-Anfrage schon 2005 bestätigt (hier). Andere Studien sind in den zurückliegenden Jahren zum gleichen Ergebnis gekommen. Siehe ebenso hier. Folglich könnten wir bei der Normalzeit, also jetzt der  Winterzeit, bleiben und brauchten unsere Uhren, brauchten unseren Biorythmus sowie den unserer Tiere in Haus und Landwirtschaft nicht zweimal im Jahr durcheinanderbringen zu lassen. Viele andere Probleme, die sich durch die Umstellung zweimal im Jahr ergeben, sprechen ebenfalls dafür, das Umstellen abzuschaffen.

Manipuliert wurde die Uhrzeit einst schon 1784

Bereits seit mehr als vier Jahrzehnten haben wir dieses staatliche Uhrzeitumstellungsdiktat. Beschert hat es uns purer politischer Aktionismus nicht nur in Deutschland allein. Es ist eine hilflose Reaktion auf Ölpreissteigerungen durch das Kartell arabischer Ölförderländer (Opec) in den 1970er Jahren gewesen. Anders gesagt: eine Schnapsidee. Allerdings nicht die erste mit der Uhrzeit. 1784 wurde die Uhrzeit umgestellt, um den Verbrauch von Kerzen zu verringern. 1916, mitten im Krieg, führte das Deutsche Reich die Sommerzeit ein. Zwischen den beiden Weltkriegen (1919 bis 1939) verschwand sie wieder. Im Kriegsjahr 1940 wurde sie abermals ausgegraben. Von 1950 bis 1979 gab es sie in Deutschland nicht mehr. Den größeren historischen Rückblick und weitere Einzelheiten finden Sie hier.

Also weg damit

Die Stimmen gegen das Umstellen der Uhrzeit nehmen zu. Umfragen legen das nahe. Fast drei Viertel der Menschen in Deutschland sind dagegen (hier). In einer anderen Umfrage mit mehr Teilnehmern (über 47 000) lehnten 60 Prozent die Zeitumstellung ab, nur 25 Prozent haben sie befürwortet (hier). Wohl deswegen auch hatte die FDP im Januar 2012 beschlossen, sich für das Abschaffen der Sommerzeit einzusetzen und diese Stimmen vielleicht einzufangen. Also weg damit? Ja, aber das ist schwierig. Immerhin drehen am Uhrzeiger alle EU-Länder, die Schweiz und Türkei ebenfalls, und daher ist ein deutscher Alleingang schwer vorstellbar. Auch finden es viele Menschen unserer Freizeitgesellschaft  schön, sich der Illusion der längeren abendlichen Helligkeit hinzugeben, in Gärten und auf Terrassen Speise, Trank und Schwatzen oder auch längeres Wandern-Können zu genießen, wohlwollend begleitet von jenen, die davon finanziell profitieren: vom Gastgewerbe und vom Staat als Fiskus . Gegen diese Art von Hedonismus wird schwer anzukommen sein.

 

 

12 Gedanken zu “Endlich wieder Normalzeit

  1. Indianerzitat: „Nur der weisse Mann glaubt, dass wenn er an einem Teppich oben ein Stück abschneidet, und unten wieder dranklebt, dass der Teppich dann länger würde.“ 😀

  2. Danke so alles in einem Paket war echt gut heute morgen.
    Dieses Mal hat mich die Zeitumstellung überhaupt nicht tangiert, da das wohl bei den Meisten inzwischen automatisch abläuft. Nichtsdestotrotz brauchen wir das wohl wie einen Kropf. Die FDP will gerade auch mal wieder Cannabis legalisieren. Waere ja auch normal, wie die Zeit. Wollte die Türkei nicht aussteigen aus der Sommerzeit? Andere sind auch ausgestiegen. Bin aber nicht auf dem Laufenden…
    Zum Glück wissen wir ja das Normal nur ein Schalter an der Waschmaschine ist, aber vielleicht könnten wirklich einige ihren Biorhythmus…
    Doch das ist ne andere Geschichte.
    Nutzlos und schädlich, Ach wenn es nur die Zeit waere…
    die ja bekanntlich nur vor dem Teufel halt macht…
    Beste Grüße
    aus der gefühlten Zeitlosigkeit

  3. Sie sehen das völlig falsch. Dem Menschen sind nicht nur zweimal jährliche Zeitumstellungen zumutbar, sondern mindestens monatliche, wenn nicht wöchentliche zuträglich. Ich persönlich plädiere für den täglich angepaßten Zeithorizont.

    Dann erzählen uns halt Qualitätsmedien, daß mittags Mitternacht ist und sowieso alles vorwärts und rückwärts sehr relativ ist und nichts über Marktkonformität geht.

    Wobei… Warum der überteuerte Tengelmann-Schuppen zum Bleistift seine Konsumhallen nicht erst um 9 Uhr aufmacht, wenn sich um 8 noch nicht genügend Verbrauchs-Vieh zusammengerottet hat… Das weiß ich nicht.

    Tja, daran muß wohl noch gearbeitet werden…

  4. JEDE ÄNDERUNG IM TAGESABLAUF TUT UNS NICHT GUT, VOR ALLEM ÄLTEREN NICHT. MAN BRINGT UNS AUS DEM RUETMUS, UND DAS STÄNDIG. AUCH MIT DEN ARBEITSSTELLEN, MAN SOLL FLEXIBEL SEIN, STAENDIGE HETZE, DAS KOSTET UNS GESUNDHEIT. DAS IST VON DER ELITE SO GEWOLLT. AUCH BENUTZT MAN PROPAGANDA, STAENDIGE ANGST SCHÜREN. ALLES IN ALLEM MACHT MAN UNS FERTIG, STICHWORT ZUWANDERUNG, ERZEUGT PANIK IN DER EU. DAS ARGUMENT ENERGIE SPAREN IST NONSENS.

  5. Gibt es auch eine Untersuchung, welche Kosten anfallen für Pfusch nach der Umstellung, über medizinische Kosten u.a. durch vermehrte Unfälle in Haus und Verkehr?

  6. @ Wolf Köbele

    Studien zur Zeitumstellung gibt es offenbar:

    http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/amerikanische-studie-zur-zeitumstellung-umstellung-auf-sommerzeit-erhoeht-energieverbrauch/2938852.html

    http://www.noz.de/deutschland-welt/gut-zu-wissen/artikel/679660/studie-zeitumstellung-erhoht-risiko-fur-schlaganfall

    Ob und inwiefern die sich mit mit den Kosten dieses Interventionismus im Detail befassen, wurde in den Artikeln nur unzureichend deutlich.

    Mir erzählte jemand aus der Milchwirtschaft aber z.B., daß Kühe infolge der Zeitumstellung weniger Milch gäben. Dort ließen sich die Kosten/Einnahmeeinbußen somit in Litern und jeweiligen Preisen recht genau ermitteln. Daß die Kühe weniger fraßen, hatte er nämlich nicht beobachten können.

    So oder so: völliger von Politikern verursachter Nonsens und Gängelung der Untertanen.

    Hatte Benjamin Franklin ein solches Diktat tatsächlich schon 1784 umgesetzt oder blieb es eine Überlegung, wie es hier dargestellt wird:

    http://www.zeitumstellungen.com/geschichte-der-zeitumstellung.html

  7. Ach, was haben die Menschen all die Jahrzehnte, ja Jahrhunderte und länger ohne eine so segensreiche „Sommerzeit“ doch vermissen müssen?

    Kurz und bündig: nichts!

    Auf solcherlei Art von „Neuerungen“, ausgedacht von zu keinerlei Konstruktivem aber allerlei Hirnrissigem fähigen Berufspolitikern, kann man getrost verzichten.

    Kann mir irgend jemand sagen, zu was dieser Nonsens, außer als zur Gängelung von Mensch und Tier, nützlich sein soll?

    Außer leeren Phrasen wird man nichts Positives vorbringen können.

    In Abwandlung eines anderen Spruches: Man stelle sich vor, es ist „Zeitumstellung“, und keiner kümmert sich darum …

    Aber, wie sagte schon die seinerzeitige KMK-Vorsitzende Johanna Wanka bezüglich der „Schlechtschreib“reform in einem SPIEGEL-Interview vom Januar 2006 so treffend:

    Die Kultusminister wissen längst, daß die Reform gescheitert ist – aber aus Gründen der Staatsräson wird sie nicht zurückgenommen.

    Ob hier wohl auch die Staatsräson hinter den Kulissen steckt?

  8. „Kann mir irgend jemand sagen, zu was dieser Nonsens, außer als zur Gängelung von Mensch und Tier, nützlich sein soll?“

    Sehr geehrter Herr Kolbe, ich wage den Versuch einer Antwort:

    Neben der Gängelung von in der Tat nicht nur Mensch, sondern auch Tier, mag der Zweck darin liegen, dem Untertanen zu zeigen, nach wessen Pfeife er zu tanzen hat.

    Die Herrschenden zeigen ihm, dem Untertanen, so nicht nur, daß er einer ist -er läßt es ja mit sich machen-, sondern suggerieren auch, daß Naturgesetze oder Marktkräfte belanglos seien und niemand hier unten über sich selbst bestimmen könne, sondern sie über uns bestimmen und über alles sich hinwegsetzend beherrschende Macht über jede Facette des Lebens derjenigen, denen sie die Mittel zum lustvollen Bestreiten ihrer Existenz abpressen, für sich beanspruchen. Und das auch umsetzen können.

    Wie sagte doch Gauck, dessen von ihm behauptete Opposition gegenüber dem DDR-Sozialismus allenfalls unzulänglich belegt zu sein scheint, doch so nett? Nicht die „Eliten“ (zu denen er sich offensichtlich zählt), sondern die „Bevölkerung“ (sprach er nicht gar von „Bevölkerungen“? Ich habe das nicht mehr exakt im Ohr und mich gelüstet nicht danach, seine „Predigten“ mehrfach anzuhören.) sei das Problem?

    Das wird hier ertragen, goutiert, beklatscht, gewählt.

    PS:
    Damit verabschiede ich mich als Kommentator. Es ist m.E. sinnlos geworden, sich auf diese Weise zu betätigen. Ich werde sicherlich ein Leser auch dieses Blogs bleiben. Seien Sie, sehr geehrter Herr Kolbe herzlich gegrüßt (auch qed, der Vermißte und Verschollene). Und Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Krause herzlichen Dank für Ihre Arbeit.

  9. Schade, sehr geehrter „Oblomow“, wirklich sehr schade, dass Sie sich als Kommentator verabschieden. Damit fehlt ein belebendes, tiefergründiges Element und zusätzliche Information. Aber ich kann Sie verstehen. Auch ich selbst denke schon länger darüber nach, ob ich mit diesem Blog nicht aufhören soll, auch weil er eine große zeitliche Belastung ist. Bisher habe ich es aber deswegen nicht getan, weil er jenen, die ihn lesen, das Gefühl gibt, mit dem, was sie politisch bewegt und aufregt, nicht allein zu sein, und mich das durch ihre Stellungnahmen wissen lassen. Diese zu enttäuschen, habe ich bisher nicht über mich gebracht. Ihnen,verehrter „Oblomow“, herzlichen Dank für alles, was Sie geschrieben haben. Ihr Klaus Peter Krause

  10. @ Oblomow am 7 November 2016 um 00.15 Uhr

    Ich kann dieses Gefühl der Ohnmacht, das Sie hier zum Ausdruck gebracht haben, sehr geehrter Oblomow, gut nachempfinden. In ähnlicher Lage befand ich mich (ich habe es das eine oder andere Mal in meinen Kommentaren am Rande anklingen lassen) auch schon einmal, nämlich nachdem ich (neben anderen, sehr viel bedeutenderen Mitstreitern) jahrelang, letztendlich aber vergeblich, gegen diese staatlich verordnete Legasthenie namens Rechtschreibreform, die jedoch, nachdem das Scheitern auch für die Politik nicht mehr abzustreiten war, aus Gründen der Staatsräson nicht zurückgenommen wurde, wie eine Frau Wanka öffentlich zugab, angekämpft hatte.

    Das, was hier – natürlich auf viel höherer Ebene zu sehen – abläuft, ließ bei mir schon manches Mal die Erinnerung an damals hochkommen und hat mich nachdenklich werden lassen, ob es nicht wieder so ein Don-Quichotte-Erlebnis (letztendlich ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen) wird, in das man viel Zeit und Energie

    (und an dieser Stelle ziehe ich ausdrücklich den Hut vor Herrn Krause!)

    investiert, aber nur marginale bis gar keine Aussichten auf Erfolg hat.

    Wenn ich auch Verständnis für Ihre Entscheidung aufbringe, so bedaure ich doch außerordentlich, in Zukunft auf Ihre Kommentare verzichten zu müssen.

    Ihre Beiträge, sehr geehrter Oblomow, die von breitem Allgemeinwissen geprägt, gleichzeitig aber von hoher Sachkenntnis und einer freiheitlichen Grundüberzeugung durchsetzt waren, wie man sie nicht allzu häufig findet, haben mir, last, but not least, nicht nur einmal eine tiefere Kenntnis der Dinge gegeben.

    Erst qed, der es seinerzeit, wenn ich mich recht erinnere, schon hat anklingen lassen, daß er keinen Sinn mehr darin sieht, den Lauf der Dinge (er wähnte ihn als Untergang oder so ähnlich) zu kommentieren, um unsere Mitmenschen aufzurütteln, und nun Sie – diese qualitative Lücke wird so schnell hier nicht geschlossen werden können.

    Meinen Dank und herzliche Grüße an Sie zurück, sehr geehrter Oblomow!

  11. Meine Herren,
    in Zeiten, in denen die Zensur wieder fröhlich Urständ feiert, ist es schon fast eine Pflicht, solche wichtigen Quellen der Meinungs- und Denkfreiheit nicht versiegen zu lassen. Bitte machen Sie weiter. Nur so kann sich etwas zum Guten wenden. Das mag pathetisch klingen, aber wir dürfen das Feld nicht den Desinformationsforen überlassen.
    Weitermachen! Bitte!

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