Der Brandbrief an Bernd Lucke

Das Schreiben von fünf führenden AfD-Mitgliedern im Wortlaut – „Es ist nur natürlich, dass bei so unterschiedlichen Vorstellungen sachliche Auseinandersetzungen nicht ausbleiben können“ – „Wir aber wollen nicht die teilenden Kräfte, sondern die Einheit stärken“

Die Wogen gehen hoch – in der AfD, aber erst recht in den Medien. Verständlicherweise. „Machtkampf bei der AfD“ heißt die Schlagzeile in der FAZ-Online (FAZNet). Bild-Online meldet „Die zweite Reihe probt per Brief den Aufstand gegen Parteichef Lucke (52), versagt ihm in der Schlüsselfrage um die Ein-Mann-Parteispitze die Gefolgschaft. Droht der Parteispitze der Bruch? Offene Revolte der Parteifreunde gegen den Vorzeige-Mann der AfD“. Der Kölner Stadtanzeiger schreibt: „Der Machtkampf in der AfD eskaliert“. In Spiegel-Online steht reißerisch und so nicht zutreffend: „AfD-Führung bestellt Lucke zu Partei-Tribunal.“ Bei Welt-Online heißt es (teils ebenfalls unzutreffend): „Eine Partei bricht mit ihrem Vorsitzenden. Führende Mitglieder der AfD proben per Brandbrief den Aufstand gegen Parteichef Lucke. Sie wehren sich gegen seine Alleingänge – und zitieren ihn zum Gespräch. Es könnte der Anfang vom Ende sein.“ Und so weiter und so fort. Es stimmt, diesen Brief gibt es. Auch „Brandbrief“ kann man ihn nennen. Aber was steht wirklich drin? Machen Sie sich selbst ein Bild. Denn nur dann können sie beurteilen, was stimmt und was nicht, was aufgebauscht ist und verzerrt. Hier ist der Wortlaut des Briefes. Die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt.

Lieber Bernd Lucke, lieber Herr Greve,
wir, die Unterzeichner, wenden uns heute mit der Bitte um ein offenes und ehrliches Gespräch an Sie. Wir sind in großer Sorge um unsere junge Partei. In der Sache geht es uns darum, dass beim anstehenden Bundesparteitag am 31.1.2015 neben vielen sinnvollen und sorgfältig erarbeiteten Satzungsänderungen auch die bestehende und bewährte Vorstandsstruktur geändert werden soll.

Einladung zu einem Vor-Parteitag ohne Zustimmung des Bundesvorstandes

Zur Vorbereitung des Satzungsparteitages haben Sie beide nun privat hunderte AfD-Entscheidungsträger, nämlich alle Kreis- und Bezirksvorsitzenden sowie Landessprecher, zu einem faktischen Vorparteitag geladen. Grundsätzlich ist die ordentliche Vorbereitung eines so wichtigen Bundesparteitages zu begrüßen und es spricht einmal mehr für Ihre gewissenhafte Arbeitsweise, eine solche Versammlung anzustreben. Allerdings haben Sie, Bernd Lucke, diesen Vorparteitag den beiden anderen Sprechern ohne Rücksprache schlicht zur Kenntnis gegeben – am 23.12.2014 im Rahmen eines Weihnachtsgrußes. Deren Bitte um ein Gespräch zur Besprechung dieses Vor-Parteitages blieb ohne Konsequenzen, indem am 26.12.2014 ebendiese Einladung ohne weitere Rücksprache dann nicht im Namen der drei Sprecher oder – mangels vorheriger Zustimmung – des gesamten Bundesvorstandes, sondern eben ausdrücklich im eigenen Namen und in Herrn Greves Namen, also privat versandt wurde.

„Wir wollen mit Ihnen im Team auch künftig zusammenarbeiten“

Zur Vorbereitung einer doch so wichtigen Versammlung wünschen wir uns aber keine Alleingänge, sondern Team-Arbeit. Ohne eine solche hat der Vor-Parteitag nun den Anschein, als solle dort nicht offen diskutiert, sondern die Funktionsträger der Partei „auf Linie“ gebracht werden. Das ist schade, weil damit die gute Idee der Vorbereitung Schaden nimmt und diejenigen Mitglieder Auftrieb bekommen, die ebensolche Alleingänge als „Führung nach Gutsherrenart“ ablehnen und damit gerade an Ihnen, Herr Lucke, Anstoß nehmen. Wir aber wollen nicht die teilenden Kräfte, sondern die Einheit stärken. Wir wollen mit Ihnen im Team auch künftig zusammenarbeiten. Deswegen wünschen wir uns insbesondere bei derart weitreichenden Entscheidungen wie der Einberufung eines faktischen (Vor-)Parteitages Kommunikation und Diskurs. Das war bislang sehr erfolgreich und hat uns überdies auch schon vor groben Fehlern bewahrt. Drohungen sind zudem keine vertrauensbildende Maßnahme. Der eine oder andere mag sich fragen, was als nächstes statt durch Überzeugung mit Drohung gegen die Mitglieder durchgesetzt wird. Und wie erst mag eine solche Drohung wirken, wenn sie ein alleiniger Vorsitzender ausspricht?

„Wir möchten, dass Sie weiter das Gesicht dieser Partei sind“

Wir schreiben Ihnen heute aus Sorge um die Einheit der Partei, die so wichtig für die politische Landschaft in Deutschland ist. Jenseits von CDU und an der Stelle der FDP braucht es eine bürgerliche Partei. Eine zweite Chance dazu wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Und, lieber Bernd Lucke, betrachten Sie es als Kompliment: Was Sie im richtigen Moment mit wenigen Mitstreitern gegründet haben, ist nun eine veritable, große Partei geworden. Es ist also nicht mehr nur Ihre Partei, wie Sie es oft betonen, sondern die von zig-Tausenden. Es ist unser aller Partei geworden. Das macht die Partei so stark. Wir möchten, dass Sie weiter das Gesicht dieser Partei sind – als einer von drei gleichberechtigten Sprechern im Team.

„Themen, die eine Persönlichkeit allein nicht glaubwürdig repräsentieren kann“

Wir haben durch die letzten Wahlen unsere Parteibasis enorm verbreitert. Es sind Menschen zu uns gestoßen, die nicht allein Alternativen zum Euro suchen, sondern auch zu vielen anderen Fehlentwicklungen in unserem Land. Es sind Menschen, die Zuwanderung nicht allein nach wirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch im Sinne einer kulturellen Verträglichkeit gesteuert sehen möchten. Es sind Menschen, die eine islamische Überfremdung fürchten, und solche, die sich ein europäisches Haus nicht gegen Russland wünschen. Dies alles, lieber Bernd Lucke, sind Themen, die eine Persönlichkeit allein nicht glaubwürdig repräsentieren kann, vor allem dann nicht, wenn sie diese nicht inhaltlich vertritt.

„Sie stehen für eine neue Euro-Politik und … Das wünschen wir uns auch künftig“

Sie stehen für eine neue Euro-Politik und für die dringend notwendigen Strukturreformen in der EU. Das ist gut und bleibt wichtig. Hinter diesen Themen stehen Sie und deswegen vertreten Sie diese auch so überzeugend in der Öffentlichkeit. Das wünschen wir uns auch künftig.

Eine nur durch gute Team-Arbeit nicht abgeschickte Mail

Aber in anderen Fragen brauchen wir an der Parteispitze gleichberechtigte Repräsentanten, die auch die anderen Themen überzeugt und überzeugend vertreten. Sie, Bernd Lucke, haben in Straßburg für Sanktionen gegen Russland gestimmt; für das EU-Ukraine-Assoziierungsabkommen und damit für die Vorbereitung der Aufnahme der Ukraine in die EU und die Nato; für das EU-Georgien-Abkommen mit einer ähnlichen politischen Schlagrichtung; Sie wollen nicht gegen das Gender-Mainstreaming „agitieren“, wie Sie sagen, weil Wikipedia darunter die „Gleichstellung der Geschlechter“ definiert- und das ja eigentlich gut sei, und Sie halten Bürgerrechte für ein Thema, das bei SPD und Grünen ausreichend aufgehoben ist, weil Sie kein Liberaler seien. Sie wollten in einer Mail an alle Mitglieder am 1. November 2014 faktisch allen den Parteiaustritt nahelegen, die kritisch über Zins- und Zinseszins, das Geldsystem oder eine goldgedeckte Währung, über den Einfluss amerikanischer Banken auf die Politik oder die Souveränität Deutschlands nachdächten. Die AfD lehne ab, was als sogenannte Systemkritik daherkomme. Nur durch gut funktionierende Teamarbeit im Vorstand konnte der Versand dieser Mail verhindert werden.

„Niemand sollte im Alleingang die politische Richtung der Partei verändern“

Und weitere Bewährungsproben stehen bevor: das Freihandelsabkommen mit den USA, die eventuelle Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und die Behandlung anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Wir haben zu einigen politischen Grundfragen in der Partei unterschiedliche Strömungen. Und diese Strömungen sollten in der Führungsspitze zum Ausdruck kommen, damit die gewonnene Breite der Partei in ihren Führungspersönlichkeiten glaubwürdig aufscheint und niemand im Alleingang die politische Richtung der Partei verändert.

„Wir stehen nach wie vor zu Ihnen als einem von drei Sprechern“

Es ist nur natürlich, dass bei so unterschiedlichen Vorstellungen sachliche Auseinandersetzungen nicht ausbleiben können. Wir stehen nach wie vor zu Ihnen als einem von drei Sprechern. Wir sind alle gemeinsam angetreten, manches anders und vieles besser zu machen. Eine CDU/FDP 2.0 gehört nicht dazu.

Daher möchten die Unterzeichner Sie zu einem Gesprächstermin am 18.01.2015 um 9 Uhr in Frankfurt/ Main bitten.
Es grüßen herzlich
Konrad Adam   Alexander Gauland   Frauke Petry   Marcus Pretzell   Beatrix von Storch

Der Brief hat einen versöhnlichen Ton, drückt das Nötige aber klar aus

Der ganze Brief ist versöhnlich gehalten und auf weitere Zusammenarbeit im Team angelegt. Das kommt in dem, was Medien daraus berichten, nicht so zum Ausdruck, wie es zu vermitteln wäre. Zugleich drückt der Brief klar, aber auch zurückhaltend genug aus, was notwendig ist und was im Alleingang nicht geht. Herr Greve ist wie Lucke Mitglied im AfD-Bundesvorstand. Lucke hat die Einladung der AfD-Kreis-, Bezirksvorsitzenden und aller AfD-Landessprecher zu einer Art Vor-Parteitag am 18. Januar in Frankfurt am Main eingeladen. Daher die Bitte der Brief-Unterzeichner, das Gespräch an diesem Tag zu führen, wo Lucke ohnehin in Frankfurt sein muss. Adam, Gauland und Petry sind ebenfalls Vorstandsmitglieder, Adam und Petry formell gleichberechtigte Sprecher neben Lucke. Pretzell und Frau von Storch sind zwei der sieben AfD-Abgeordneten im EU-Parlament. Pretzell ist auch der Vorsitzende des mitgliederstarken AfD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen.

Konrad Adam: Der Brief soll zur Entspannung mit Lucke beitragen

In der Online-FAZ ist unter anderem zu lesen: „Lucke sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, er habe den Brief selbst noch gar nicht in der Hand, er sei im Skiurlaub. Er lehne es ab, in der AfD-Führung über „die Medien“ zu kommunizieren. Dass seine Kollegen das Schreiben in die Öffentlichkeit brächten, bedaure er. Adam sagte der F.A.S., das sei „lächerlich“. Der Brief wolle zur „Entspannung“ mit Lucke beitragen, „vorausgesetzt, er kann und will mit uns auch noch zusammenarbeiten“. Adam weiter: ‚Ohne Lucke geht es nicht, aber so, wie er agiert, geht es eben auch nicht.’ Er und seine Kollegen wollten, dass die AfD eine Partei sei, „die für mehr als ein Thema steht“ und das auch durch ihre Köpfe repräsentiere.“ Der ganze Text hier.

Einige andere Medienberichte zu dem ganzen Vorgang finden Sie hier:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/machtkampf-bei-der-afd-henkel-unterstuetzt-luckes-ambitionen-13351045.html

http://www.bild.de/politik/inland/alternative-fuer-deutschland/aufstand-gegen-lucke-39183632.bild.html

http://www.ksta.de/politik/richtungsweisende-entscheidungen-machtkampf-in-der-afd-eskaliert,15187246,29472404.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-petry-gauland-adam-laden-bernd-lucke-vor-a-1011075.html

http://www.welt.de/politik/deutschland/article135975592/AfD-Eine-Partei-bricht-mit-ihrem-Vorsitzenden.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-und-pegida-gaulandisierung-13349035.html

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2 Gedanken zu “Der Brandbrief an Bernd Lucke”

  1. Lieber Bernd Lucke, bitte folgen Sie der Einladung zum Gespräch am 18.01.2015 um 9 Uhr in Frankfurt am Main.
    Der von ihnen beschworene gesunde Menschenverstand lebt von Erfahrungen und Kompetenz.
    Als Mitglied teile ich nicht jede Ihrer Ansichten; finde mich aber zu 100 Prozent im Meinungsportfolio der AfD Führungsspitze wieder, einem AfD-Meinungsportfolio, indem Sie wichtige Akzente setzen, aber eben auch nur diese!

    Mir ist wichtig, dass dies so bleibt. Ich unterstütze daher ausdrücklich den gedanklichen Ansatz das Anliegen von Konrad Adam, Alexander Gauland, Frauke Petry, Marcus Pretzell und Beatrix von Storch.

    Herzlichst
    Sven Pautz

  2. Man muss die AFD als einzige Partei gegen Gender mainstream unterstützen, denn ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder scheint Gender Mainstreaming schon zu sein. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig wird. Vergessen der für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib (Muttersprache nicht Vatersprache!). Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 5. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978- 3-945818-01-5]

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