Die Weihnachtsansprache

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Was Bundespräsident Gauck hätte sagen können und sollen, aber nicht gesagt hat, und was stattdessen ein Bürger aus dem sächsischen Erzgebirge gesagt

Weihnachten ist vorbei. Aber das Schöne dieser Tage hallt noch nach. Dagegen die herkömmliche Bundespräsidenten-Rede zum Fest eher nicht – so beliebig war sie, so scheinheilig, so konformistisch, so schönfärberisch, kurzum: so politisch korrekt. Ist 2014 wirklich ein Jahr gewesen, „das uns viel Grund zur Freude bietet“? Weil Deutschland mehr Arbeit als je zuvor habe? Weil es im Ausland beliebt sei wie nie? Weil „wir“ auch Fußball-Weltmeister sind? Nun ja, weniger Arbeitslosigkeit ist durchaus erfreulich, aber sie wird statistisch auch schöngerechnet. Und sind die Deutschen im Ausland wirklich so beliebt wie nie? Selbst wenn, es stünde ihnen und Joachim Gauck dann besser an, dies bescheiden still zur Kenntnis zu nehmen, statt selbstzufrieden damit aufzutrumpfen. Auch dass eine Fußball-Weltmeisterschaft dafür herhalten muss, freudige Jahresereignisse überhaupt aufzutreiben, wirkt doch ziemlich dürftig und eher als ein Armutszeugnis.

Die Rede von Josef Wieder

Aber es gibt eine Weihnachtsrede, die die eines Bundespräsidenten hätte sein können und eines solchen Präsidenten würdig gewesen wäre. Gehalten hat sie ein älterer deutscher Bürger namens Josef Wieder aus dem sächsischen Erzgebirge. Er ist Geschäftsführers der Kliniken Erlabrunn gGmbH in Erlabrunn, einem Ortsteil der erzgebirgischen Gemeinde Breitenbrunn, nahe der tschechischen Grenze. Josef Wieders Rede ist auf Youtube im Internet veröffentlicht und hat in den Netzwerken schon große Verbreitung gefunden. Auch der AfD-Kreisverband Odenwaldkreis hat sich an daran beteiligt. Den nötigen Nachhall hat sie also schon gefunden. Sie finden die Rede hier. Anschließend zum Vergleich hören Sie sich noch einmal an, was in seiner Ansprache Bundespräsident Joachim Gauck am 26. Dezember um 20 Uhr in der ARD-Tagesschau gesagt hat (hier). Den schriftlichen Text finden Sie hier.

Bis 1969 war es anders: Die Vereinbarung zwischen Heuß und Adenauer

Der Bundespräsident spricht Weihnachten zur deutschen Bevölkerung seit 1970. In den Jahren davor, von 1949 an bis 1969, hatte diese weihnachtliche Rede der Bundeskanzler gehalten. So hatten es Bundespräsident (damals Theodor Heuß) und Bundeskanzler (damals Konrad Adenauer) miteinander vereinbart (Adenauers Weihnachtsansprachen von 1949 bis 1962 hier).  Jetzt mit der Botschaft zum neuen Jahr werden wir also Kanzlerin Angela Merkel hören. Auch sie wird sich an Josef Wieders Rede messen lassen müssen. Sie selbst wird diese Rede vermutlich gar nicht kennen.

Konrad Adenauer bei seiner Ansprache am 25. Dezember 1949

19.12.1956

2 Gedanken zu “Die Weihnachtsansprache

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Krause,

    danke für den Link zu den Adenauer-Reden. Welch ein sprachlicher Wandel in der politischen Führung !

    Ich wünsche Ihnen alles Gute für 2015.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ulla Lang

  2. Er könnte nicht krasser sein, der Gegensatz zwischen beiden Weihnachtsansprachen!
    Hier die veröffentlichte Meinung eines Vertreters des herrschenden Systems (Orwell läßt grüßen) – dort die klaren Worte eines Mitbürgers aus dem Volk (auch öffentliche Meinung genannt).

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