Die Wertschätzung der Freiheit

Wie es die Deutschen mit der Freiheit halten – Die jährliche Ermittlung durch das John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung

Für Freiheit sind alle. Aber wollen alle die auch wirklich haben? An sich ja, aber wer schon lange in politischer, bürgerlicher, wirtschaftlicher Freiheit lebt, dem ist das Sehnen danach doch ziemlich vergangen. Er hat sie. Er nimmt sie wahr als selbstverständlich. Er sehnt sich nach Freiheit erst wieder dann, wenn er sie verloren hat. Aus dem Lauf der Geschichte ist zu sehen: Menschen, die Freiheit wollten, haben sie sich stets erkämpfen müssen. Aber errungene Freiheit ist stets bedroht, kann immer auch wieder verloren gehen. Daher muss, wer sie bewahren will, stets bereit sein, sie zu verteidigen. Doch zu viele, die Freiheit schon lange genießen, sind sich dessen nicht mehr bewusst. Leider auch in Deutschland. Oder gerade in Deutschland. Hier hat die Freiheit nicht jenen Stellenwert, den sie haben sollte. Denn wenn es um die Entscheidung zwischen mehr Sicherheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu Lasten der Freiheit geht, zieht eine Mehrheit Sicherheit, Gleichheit und Gerechtigkeit der Freiheit vor. Das zeigt auch die jüngste Erhebung über die Haltung zur Freiheit in der deutschen Bevölkerung.

Insgesamt hat sich die Wertschätzung verringert

Nach dieser Erhebung hat die Wertschätzung der Freiheit in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr, insgesamt betrachtet, abermals abgenommen. Es ist dies das Ergebnis zum einen einer repräsentativen Befragung und zum anderen einer quantitativen Inhaltsanalyse überregionaler Druckmedien. Die Details der Befragungsergebnisse sind gebündelt in einem Index, dem „Freiheitsindex Deutschland“. Er bildet den Zustand der politischen und individuellen Freiheit in einer einzigen Zahl ab. Das ermöglicht, „auf den ersten Blick zu erkennen, ob die Freiheit gesellschaftlich unter Druck steht oder, umgekehrt, dominiert“. Dieser Indikator wird jährlich ermittelt, so dass sich vergleichen lässt, ob und wie sich die Wertschätzung der Freiheit in Deutschland verändert. Für diese eine Zahl steht eine Skala von minus 50 (niedrigste Wertschätzung) bis plus 50 (höchste Wertschätzung) zur Verfügung.*) Gegenüber den drei Vorjahren ist der Index 2014 deutlich auf minus 7 Punkte zurückgegangen. 2011 hatte die Wertschätzung minus 3 Punkte ergeben, 2012 verbesserte sie sich auf minus 0,7 und fiel 2013 zurück auf minus 2,7 Indexpunkte.

Aber die Bevölkerung hält mehr von Freiheit als wichtige Medien

Allerdings geht diese verringerte Wertschätzung der Freiheit auf die Ergebnisse der Medien-Inhaltsanalyse zurück. Nur sie treibt den diesjährigen Index nach unten und steht damit im Gegensatz zu den Ergebnissen der Bevölkerungsumfrage. Die Unterschiedlichkeit zwischen Medien und Bevölkerungsmeinung hat sich nochmals beträchtlich vergrößert: Die Bevölkerung sieht den Wert der Freiheit deutlich positiver als die Berichterstattung der ausgewerteten Medien. Oder anders ausgedrückt: Was Medien zum Wert der Freiheit vermitteln, ist weniger als das, was die Bevölkerung von ihm hält. Beides driftet auseinander, stärker noch als im Vorjahr. In der Medienberichterstattung rückt die Freiheit zunehmend in den Hintergrund.

Ein Schwerpunkt: die digitalen Bedrohungen

Ermittelt wird der Freiheitsindex vom John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung e.V. an der SRH Hochschule Heidelberg, geleitet von der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Ackermann (Einzelheiten hier). Die umfassend Darstellung gibt es auch als Buch.**) Ein Schwerpunkt darin ist die digitale Revolution als Herausforderung für die Freiheit, die digitalen Bedrohungen und die Freiheit der Online-Kommunikation (NSA, Big Data). Auf diese Beiträge gehe ich hier aber nicht ein und verweise auf das Buch. Wie das Institut erläutert, setzt sich der Index aus drei Teil-Indizes zusammen.

Der Stellenwert der Freiheit hat seit 2011 leicht zugenommen

Der erste Teil-Index repräsentiert den gesellschaftlichen Stellenwert der Freiheit und beruht auf einer repräsentativen Umfrage bei der Bevölkerung des Instituts für Demoskopie Allensbach. Er gibt Auskunft über die gesellschaftliche Wertschätzung im Wettbewerb mit anderen Werten (Gleichheit, Sicherheit, Gerechtigkeit) und über die Staatsorientierung der Bürger, ihre Einstellung zu Verboten und staatlichen Interventionen sowie der sozialen Kontrolle. In der erwähnten Skala (-50 bis + 50) ergibt sich für 2014 als Stellenwert der Freiheit die Indexzahl von plus 9. Das ist der gleiche Wert wie 2013. In den beiden Jahren davor (2011 und 2012) hatte er plus 7 betragen. Die Wertschätzung der Freiheit hat also leicht zugenommen. Dabei fällt auf, in den alten Bundesländern die Wertschätzung der Gleichheit zugenommen, aber in den neuen Bundesländern zugunsten der Freiheit abgenommen hat. Leicht rückläufig sind die Rufe nach Verboten.

Leichte Zunahme auch des subjektiven Freiheitsempfindens

Der zweite Teilindex ergibt sich ebenfalls aus den Umfragergebnissen und repräsentiert das Maß, wie die Bevölkerung Freiheit subjektiv empfindet. In ihn geht der Anteil derjenigen ein, die sagen, man könne seine politische Meinung in Deutschland frei äußern, sowie der Anteil derer, die sich in ihrem persönlichen Leben sehr frei fühlen. Der Teil-Indexwert für diese subjektiv empfundene Freiheit 2014 hat plus 8 ergeben. Auch diese Zahl ist gegenüber 2013 unverändert geblieben. In den beiden Vorjahren hatte er bei plus 6 gelegen. Demnach hat das subjektive Freiheitsempfinden ebenfalls leicht zugenommen.

Der Stellenwert der Freiheit in der Berichterstattung deutlich gefallen

Der dritte Teil-Index beruht auf einer quantitativen Inhaltsanalyse führender Nachrichten-Druckmedien (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Der Spiegel). Ihn liefert das Institut für Publizistik der Universität Mainz. Diese Analyse untersucht, „wie das Wort Freiheit in der Presse verstanden wird“. Sie ermittelt, welchen Stellenwert die Freiheit in der Berichterstattung dieser Medien hat, und zwar danach, wie dort freiheitliche Prinzipien beurteilt werden und wie häufig dort Forderungen nach Verboten oder Liberalisierungen vorkommen. Dieser dritte Index-Teilwert für den Stellenwert der Freiheit in der Berichterstattung beträgt für 2014 minus 38. Gegenüber 2013 (minus 25) ist er deutlich gefallen, auch gegenüber 2012 (minus 15). 2011 waren minus 22 errechnet worden.

Ins Minus gezogen haben den Index die Medien

Aus allen drei Teilwerten ergibt sich als Durchschnitt (aus plus 9, plus 8 und minus 38) der Freiheitsindex insgesamt von minus 7. Es sind also die (vier untersuchten) Medien, die den Index stärker ins Minus gezogen haben. Das Mainzer Institut für Publizistik kommentiert seine Ergebnisse aus der Medienanalyse kurzgefasst unter anderem so: Gesellschaftsaufgaben erscheinen in diesen Medien überwiegend als Aufgaben des Staates, nicht als Aufgaben nichtstaatlicher Akteure. Das Wort Freiheit (einschließlich direkter Synonyme) verwenden diese Medien hauptsächlich ohne nähere Begriffsbestimmung (34 Prozent) und im Sinne von Freiheit zu beliebigem Tun (33 Prozent). Der Freiheitsbegriff erscheint in 20 Prozent der untersuchten Beiträge als Freiheit zu Eigenverantwortung und in 13 Prozent als Freiheit von Not und Übel.

Die Sichtweise Gleichheit und Sicherheit dominieren die Sichtweise Freiheit

Die Sichtweise Verbot dominiert die Sichtweise Selbstbestimmung. Wenn die untersuchten Medien über Gesetzesänderungen und Gesetzesvorhaben berichten, so ging es überwiegend – wie in den vergangenen Jahren – um das Erlassen oder Verschärfen von Gesetzesänderungen. 2014 handelten nur 3 Prozent der Beiträge vom Aufheben oder Lockern von Vorschriften. Das wird allerdings damit zu tun haben, dass weit weniger Vorschriften aufgehoben oder gelockert als neue erlassen oder alte verschärft werden. Bei der Sichtweise zu Freiheit versus Gleichheit zeigt sich seit 2012 ein kontinuierlicher Rückgang zu Lasten der Freiheit und ein Anstieg oder Verfestigen zugunsten der Gleichheit auf hohem Niveau. Steht Freiheit gegen Sicherheit, so dominiert traditionell die Sichtweise der Sicherheit gegenüber der der Freiheit. Diese Diskrepanz zwischen Freiheit und Sicherheit nimmt in den untersuchten Beiträgen seit 2013 zu.

„Die Freiheit immer neu verteidigen“

Ulrike Ackermann vom Mill-Institut folgert: „In jedem Fall zeigen die Ergebnisse des ‚Freiheitsindexes Deutschland 2014‘, dass es keinen Anlass gibt, die Hände ruhig in den Schoß zu legen. Unsere Freiheit müssen wir immer wieder neu verteidigen – dies insbesondere angesichts der Herausforderungen der ‚Digitalen Revolution‘. Das schließt die Wachsamkeit gegenüber der Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien, einen angepassten Datenschutz und Schutz der Privatsphäre ebenso ein wie die Freiheit der Meinung und den Mut zur Kontroverse: eine offene, gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, was uns die Freiheit wert ist.“

Wieviel an Unsicherheit nimmt der Mensch für die Freiheit in Kauf?

In einem Beitrag vor sechs Jahren schrieb ich: „Wieviel Unsicherheit ist der Mensch bereit hinzunehmen, um sich die Freiheiten, die er braucht, zu bewahren? Wie die Menschen hierauf antworten, beleuchtet auch ihr Staatsverständnis und ihr Verhältnis zum Staat. Denn von ihm erwarten sie Schutz – Schutz vor Gefahr, Schutz vor Unbilden und Unsicherheit. Aber mehr Schutz bedeutet mehr Staat, und mehr Staat bedeutet weniger Freiheit. Das gilt auch für den Schutz vor Gefahren wie Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit. Vor die Wahl gestellt, mehr Sicherheit oder mehr Freiheit zu wollen, entscheiden sich die meisten für mehr Sicherheit und suchen sie beim Staat. Sie ahnen nicht (oder mögen nicht wahrhaben), wohin sie das letztlich führt: in die Abhängigkeit von und in die Unterdrückung durch ihren Staat. Aber Eigenverantwortung fällt schwer, und Freiheit erzeugt Unsicherheit.“ Denn leider trifft zu, was der Soziologe Wolfgang Sofsky***) so ausgedrückt hat: „Wo die Freiheit regiert, müssen die Menschen ihr Leben selbst führen. Aber nicht wenige fürchten schon die Freiheit der eigenen Meinung. Sie wagen es nicht einmal, beim eigenen Wort genommen zu werden.“

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*)  Im Bericht über die Untersuchung ist es genauer so formuliert: „Der Freiheitsindex kann zwischen -50 und +50 schwanken, wobei ein Wert über Null ein Übergewicht der Freiheit im Vergleich zu konkurrierenden Werten und gesellschaftlichen Zielen symbolisiert, ein Wert unter Null steht für eine vergleichsweise schwächere Position des Werts der Freiheit.“

**)  Ulrike Ackermann (Hrsg.): Freiheitsindex Deutschland 2014 des John-Stuart-Mill-Instituts für Freiheitsforschung. Schwerpunkt Digitale Revolution. Humanities Online, Frankfurt am Main 2014. Broschürt. 161 Seiten.

***) Wolfgang Sofsky: Das Prinzip Sicherheit. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 172 Seiten. 16,90 Euro.

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2 Gedanken zu “Die Wertschätzung der Freiheit”

  1. Der Sinn des Lebens

    Zivilisation beginnt erst mit dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb und dem freien Spiel der Kräfte von Angebot und Nachfrage. Es darf nur nicht der „Große Investor“ gespielt werden,…

    Himmel und Erde = Nachfrage (Geld) und Angebot (Waren)
    Früchte tragende Bäume = Gewinn bringende Unternehmungen
    Baum des Lebens = Geldkreislauf
    Baum der Erkenntnis = Geldverleih
    Frucht vom Baum der Erkenntnis = Urzins
    Gott (Jahwe) = künstlicher Archetyp: „Investor“
    Mann / Adam = Sachkapital / der mit eigenem Sachkapital arbeitende Kulturmensch
    Frau / Eva = Finanzkapital / der in Sachkapital investierende Kulturmensch
    Tiere auf dem Feld = angestellte Arbeiter ohne eigenes Kapital (Zinsverlierer)
    Schlange = Sparsamkeit (die Schlange erspart sich Arme und Beine)
    Nachkommen der Schlange = Geldersparnisse
    Nachkommen der Frau = neue Sachkapitalien
    Kopf der Schlange = Kapitalmarktzins (Sachkapitalrendite)
    Cherubim = Denkblockaden

    …damit der marktwirtschaftliche Wettbewerb, der für soziale Gerechtigkeit sorgt, nicht durch eine Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz mehr und mehr eingeschränkt und am Ende die Marktwirtschaft zerstört wird. Wie aber die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, konstruktiv – ohne Urzins – umlaufgesichert werden kann, wusste anfangs noch niemand; also musste der Kulturmensch „aus dem Paradies vertrieben“ werden, d. h. dem „Normalbürger“ wurde mit der Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe = Investor) die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Marktwirtschaft (Paradies) und Privatkapitalismus (Erbsünde) vorenthalten, und damit musste auch sein Gerechtigkeitsempfinden gestört werden. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der erste studierte „Normalbürger“ begriffen hatte, dass eine konstruktiv umlaufgesicherte Indexwährung…

    „…der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht es zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht mehr wachsen.“

    John Maynard Keynes, 1935

    In einer Gesellschaft, in der die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung seit jeher fehlerhaft ist,…

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html

    …ist alles fehlerhaft, was das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft, und alle an Hochschulen gelehrten „Wissenschaften“, die sich im weitesten Sinne mit dem menschlichen Zusammenleben befassen (Theologie, Politologie, Soziologie, VWL, etc.), sind keine Wissenschaften, sondern Unsinn. In diesen „Wissens“bereichen gehen die Studenten intelligenter in die Verdummungsanstalten hinein, als sie mit „Lizenz zum Unsinn verbreiten“ wieder herauskommen. J. M. Keynes, der vom Autodidakten Silvio Gesell weniger als die Hälfte verstanden hatte, hätte ohne sein Hochschulstudium mehr verstanden, hätte dann aber seine „Allgemeine Theorie (der Beschäftigung der Politik)“ gar nicht schreiben müssen und wäre nicht von der „hohen Politik“ zum „Jahrhundertökonomen“ ernannt worden.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2014/11/der-sinn-des-lebens.html

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