Wieder eine Poststation …

… wo das Schicksal die Pferde wechselt / Die guten Wünsche zum neuen Jahr

Der englische Dichter Lord Byron (1788 bis 1824) hat das neue Jahr einmal mit den Worten begrüßt: „Auf! Abermals ein neues Jahr … Wieder eine Poststation, wo das Schicksal die Pferde wechselt.“ Und der Schriftsteller Michael Augustin tat es mit den Worten: „Schon wieder Neujahr. Dabei hätte das alte noch für Monate gereicht.“

Den Regierungen ein besseres Deutsch und den Deutschen bessere Regierungen

Zum neuen Jahr überschütten wir uns mit guten Wünschen – mit guten Wünschen zum Erfolg, zur Gesundheit, zu schönen Dingen im ganzen Jahresverlauf – alles Ausdruck von Zuversicht und frohem Mut für das, was das neue Jahr doch zumindest bringen soll, auch wenn es das in seinem Verlauf häufig leider nicht tut. Ein mir unbekannter Autor hat sich zum neuen Jahr einmal dies gewünscht:

„Das neue Jahr setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Das neue Jahr lasse die Leute kein falsches Geld machen,
aber auch das Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Ehemänner dagegen an ihr erstes.
Gib den Regierungen ein besseres Deutsch
und den Deutschen bessere Regierungen.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen,
aber noch lange nicht.“

Die beiden Tragödien

Der Zyniker und Aphorist Oscar Wilde hat zum Wünschen gesagt: „Es gibt nur zwei Tragödien im Leben. Die eine besteht darin, dass man nicht bekommt, was man sich wünscht, und die andere darin, dass man es bekommt.“ Nun, wir müssen Oscar Wilde nicht ernstnehmen, denn auch er hat niemanden ernst genommen – außer sich selbst. Oder sollten wir vielleicht doch? Denken wir zum Beispiel an die uns nun bevorstehende Politik der großen Koalition in unserem Land. Wer Verstand hat, wer durch Lesen, Hören und Erleben mitbekommt, was alles fehlläuft, welche Irrwege wir uns leisten, was alles zu beanstanden ist, der weiß seit langem, dass wir grundlegende Reformen brauchen: in der Altersvorsorge, in der Gesundheitspolitik, in der Krankenversicherung, in der Familienpolitik, in der Mittelstandspolitik, in der Besteuerung, im Bildungswesen, auf dem Arbeitsmarkt, in der Energiepolitik, bei den Subventionen, bei den Gemeindefinanzen, im deutschen Föderalismus, im Wahlrecht, in der Selbstbezogenheit und Autokratie der politischen Klasse, in der scheindemokratischen Verfassungswirklichkeit, also im Staatswesen als Ganzem.

Die wünschbaren Reformen, die keine werden

Folglich wünschen wir, die wir das alles wissen, diese grundlegenden Reformen doch wohl herbei. Bekommen wir nicht, was wir wünschen, wäre das sicher (gemessen an Oscar Wildes Ausspruch) eine Tragödie, und die Wahrscheinlichkeit dafür ist erfahrungsgemäß groß. Sollten wir das zu Wünschende und Gewünschte aber wirklich bekommen, indem es zunächst angekündigt, dann beherzt beschlossen und anschließend schrittweise verwirklicht wird, müssen wir natürlich auch die Folgen der Wunscherfüllung tragen. Dazu gehört vor allem die dann herrschende Eigenverantwortung in der Vorsorge und Fürsorge, also in Lebensbereichen, die zuvor der Staat durch seine Sozialpolitik zentralisiert, monopolisiert und für sich okkupiert hat. Dann würden bei Sorglosigkeit und Fehlverhalten nicht mehr individuelle Vorteile möglich sein, sondern schmerzhafte Nachteile drohen. Wer sich in die zuvor herrschenden Systeme willig oder widerwillig hat einfügen müssen, wer sich daher zweckmäßigerweise in sie eingerichtet, wer seine persönlichen Planungen an sie ausgerichtet hat, schließlich auch in ihren Kategorien zu denken sich angewöhnt und diese verinnerlicht hat, so falsch, so krank, so verlogen und verbogen sie auch waren (und noch immer sind), dem mag die Wunscherfüllung dann als eben jene zweite Tragödie vorkommen, von der Oscar Wilde gesprochen hat und die sich als so abwegig gar nicht herausstellt. Dies umso mehr dann, wenn die Reformen nicht so ausfallen, wie sie notwendig sind, sondern so wie gewohnt: Sie werden so genannt, sind aber keine.

Die guten Vorsätze und warum sie so beliebt sind

Bei diesen Aussichten könnte man geneigt sein, schicksalsergeben zu sagen: Wer beiden Tragödien Oscar Wildes entgehen will, für den böte es sich an, lieber ohne Wünsche, also wunschlos glücklich zu werden. Also kehren wir den Wünschen lieber den Rücken und besinnen uns darauf, dass wir ein neues Jahr nicht nur mit guten Wünschen, sondern auch mit guten Vorsätzen beginnen. Gute Vorsätze sind deswegen so beliebt, weil sie einen sehr hohen Widerverwendungswert haben. Auch ist die Neigung groß, zahlreiche und schöne große Vorsätze zu fassen. Wer dann mit ihnen wirklich Schritt halten will, braucht dafür Sieben-Meilen-Stiefel. Aber wer hat die schon! Und konsequent sein, ist außerordentlich lästig. Franz Müntefering*) hat einmal gesagt: „Richtig konsequent sind nur Heilige und Verbrecher. Wir anderen müssen Slalom fahren.“ Er meinte damit die Politik. Und danach sieht sie deshalb auch aus.

Warum es mit wirklichen Reformen nicht klappt

Eine ebensolche Slalom-Fahrt pflegen folglich auch vorgebliche Reformgesetze zu sein. Denn wirkliche Reformen sind erstens politisch nicht gewollt, und zweitens gelten leider auch für Reformen die Gesetzmäßigkeiten eines gewissen Herrn Murphy: “Nichts ist so einfach, wie es aussieht. Alles dauert länger als man denkt. Alles kostet mehr als veranschlagt. Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es schief.“ Der Amerikaner Edsel Murphy hat bekanntlich die Gesetzmäßigkeit stetiger Ärgernisse und ständiger Tücken des Alltags entdeckt und formuliert. Zu seiner Hauptregel („Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es schief“) hatte er hingefunden, als seine Braut die ihm sehr unangenehme Mitteilung machte, es sei Nachwuchs für ihn unterwegs.

Warum Socken nicht gesellig sind

Aus dieser Hauptregel formulierten dann er und viele Nachahmer immer mehr Gesetzmäßigkeiten für immer weitere Lebensbereiche, für die sich die Bezeichnung „Murphys Gesetze“ eingebürgert hat. Eins für den Haushalt zum Beispiel lautet: „Dass etwas runterfällt, ist proportional zu seiner Zerbrechlichkeit.“ Oder: „Socken sind nicht gesellig, sie treten meist einzeln auf.“ Oder beim Einkaufen: „An der Supermarktkasse kommt die andere Schlange immer schneller voran.“ Oder in der Bank: „Um einen Kredit zu bekommen, musst Du erst nachweisen, dass Du ihn nicht brauchst. Oder eines der Computer-Gesetze: „Software, die problemlos läuft, ist immer veraltet.“ Und: „Software, die idiotensicher ist, wird meist auch von solchen bedient.“ Und ein letztes Beispiel: „Selbst in den ausführlichsten Bedienungsanleitungen ist stets das aktuelle Problem nicht beschrieben.“

Wir erhoffen das Beste, befürchten das Schlimmste

Ich wünsche uns allen, dass sich Murphy’s Gesetze an uns möglichst selten vollziehen. Damit komme ich zu einem Motto für das neue Jahr: Wir erhoffen das Beste, wir befürchten das Schlimmste und nehmen alles, wie es kommt. Krönen lässt sich das noch mit einem Sarkasmus aus Argentinien: „Es geht uns schlechter als gestern, aber besser als morgen.“

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*) In einem Interview der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 4. Januar 2004.

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