Wenn das Lesen verarmt

Über den Sinn, Zweck und die Bedeutung des Lesens – Ein Nachklang zum bundesweiten Vorlesetag am 16. November

Als ich neulich zuhause in meinen übervollen Bücherregalen Platz für die Neuzugänge suchte und folglich aussortieren wollte, was dort entbehrlich schien, fiel mir auch eine alte Ausgabe von Thomas Manns „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ in die Hände. Was man so tut, wenn man wieder zur Hand nimmt, was man einst gern gelesen hat, und zumal dann, wenn es sich – wie hier – um einen großen Klassiker handelt, den man höchst ungern vom Regal woandershin verbannt, das tat auch ich: Ich habe darin geblättert, ließ hier und da die Augen über ein paar Textstellen streifen und blieb an einer dieser Stellen hängen.

Dem Jüngling zum stillem Wachstum so willkommen …

Es war jene, wo Felix Krull eine längere Mußezeit vor sich liegen sieht, weil er darauf warten muss, ob er seinen Militärdienst abzuleisten hat, oder ob er davonkommt und ob er dann gleich nach Paris reisen kann, wo er das Hotelfach lernen soll, was sein Pate Felix Schimmelpreester so fürsorglich-praktisch vorgeschlagen und, ohne mit Widerspruch zu rechnen oder ihn zu dulden, wenn er denn gekommen wäre, in die Wege geleitet hat. Wir, die wir das Buch kennen, wissen, Felix Krull kommt davon, er selbst aber weiß es an dieser Stelle noch nicht. Er hängt herum und sinnt darauf, sich die Warte- und Mußezeit, „wie sie“ – so lesen wir – „dem höheren Jüngling zu stillem Wachstum so willkommen, so notwendig ist“, zu vertreiben. Und eben dann folgt jener Satz, über den ich ins Nachsinnen geriet:

Mit scheinbar völliger Tagdieberei wohlverträglich

„Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßiggangs; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit scheinbar völliger Tagdieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um unsere Güter, und man kann wohl sagen, daß sie dem Erwählten im Schlafe anfliegt.“

Raum für Bildung schaffen Freiheit und Muße

Nun ja, schön wär’s schon, wenn das mit der Bildung immer so ginge, nämlich daß sie im Schlaf zu haben sei. Aber dass Bildung (zumindest auch) ein „Geschenk der Freiheit ist und des äußeren Müßiggangs“ – wohlgemerkt: nur des äußeren, nicht auch des inneren – ist eine kluge und, wie mir scheint, nach wie vor zutreffende Bemerkung. Freiheit und Muße schaffen den Raum für eine Bildung, die man sich selbst aneignet, zumindest selbst aneignen kann. Wir alle wissen: Bildung bedeutet Zukunftsfähigkeit. Sie ist das unerlässliche Fundament eines Staatswesens, einer Gesellschaft, die bestehen bleiben, die weiterkommen will.

Lesen als der wesentliche Bestandteil der Bildung

Ein wesentlicher Bestandteil der Bildung ist das Lesen, das Lesenkönnen, die Lesefähigkeit. Richtiger muss man wohl sagen: Es ist der wesentliche Bestandteil. Aber Voraussetzung für die Lesefähigkeit ist die Sprachfähigkeit. Und bereits mit ihr hapert es: Schon 1992 hat eine Untersuchung ergeben, jedes fünfte deutsche Kind zwischen dreieinhalb und vier Jahren leide unter Sprachschwächen. Die gleiche Untersuchung hat zehn Jahre später, also 2002, festgestellt, die Sprachfähigkeit sei nicht besser, sondern eher noch schlechter geworden. Es gebe zu viele „sprachlose Familien“ mit berufstätigen Eltern. Väter und Mütter kämen zu wenig dazu, mit ihren Kindern zu reden.

Lesen lernt man vor allem zuhause

Aber Lesen lernen Kinder gerade und vor allem zuhause. Vor gut zehn Jahren war hierzu in der FAZ zu lesen: „Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, hat uns die Schule zwar die Fertigkeit beigebracht, wie man Buchstaben, Wörter und Sätze entziffert. Lesen gelernt aber haben wir aus Kinderbüchern, die uns zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt wurden. Bei schlechtem Wetter hockten wir in einem stillen Winkel und schmökerten wieder und wieder in unseren Büchern. Etwas älter geworden, waren es Abenteuergeschichten, jugendgerechte Darstellungen aus Natur und Technik, die uns in den Bann zogen… Irgendwann riskierten wir Kinder einen Blick in die lokale Zeitung. Einige Jahre darauf griffen wir auch zu überregionalen Zeitungen, die im Elternhaus auf dem Tisch lagen. Natürliche Neugier war der Antrieb für unseren Lesehunger.“ (Prof. Dr. Wilhelm Schwier, FAZ vom 20. Mai 2003):

Wer nicht richtig sprechen lernt …

Ich zitiere aus einem Bericht über die zuvor erwähnte Untersuchung einen plakativen Satz: „Wer nicht richtig sprechen lernt, lernt auch nicht richtig lesen. Er versagt in der Schule und später auch im Beruf.“ So kann bei Deutschen das Deutsche auch selbst zur Fremdsprache werden. Und wenn man zu lesen vermag, dann freilich muss man auch lesen wollen. In der Pisa-Ergänzungsstudie von 2002 lautet dazu ein Befund: „Der Anteil der Schüler, die nicht freiwillig lesen, ist generell sehr hoch.“

Helmut Schmidt über die Fernsehdemokratie

Das hat Auswirkungen auch auf die Politik und damit auf die Gesellschaft und ihre ganze Ordnung. Helmut Schmidt hat 1996 in einem Interview gesagt: „Deutschland ist im Übergang von einer lesenden in eine glotzende Gesellschaft. Eine Zeitungsdemokratie ist etwas anderes als eine Fernsehdemokratie. Die Fernsehdemokratie prämiiert Oberflächlichkeit, und sie prämiiert das gute Aussehen von Politikern, nicht ihren inneren Wert. Zwar sind die Politiker froh über jede Quasselbude, Talk-Show genannt, in die sie eingeladen werden. Doch dort haben sie keine Gelegenheit, einen Gedanken sorgfältig vorzutragen.“

Das geruhsame und geduldige Lesen

Zur Bildung gehört, um es zu wiederholen, als wesentlicher Bestandteil das Lesenkönnen. Und vor dem Können steht das Lernen und Üben. Und wenn man’s kann, folgt das Lesenmögen und das Lesenwollen. Dabei geht es bei der Bildung zum Lesen vor allem um das vertiefte und vertiefende, um das nachdenkliche und damit notwendigerweise auch geruhsame und geduldige Lesen, das sich von jenem Lesen abhebt, mit dem die Augen über Schlagzeilen, über Werbebotschaften, über Plakattexte, über Zugfahrpläne, über Wegweiser an den Straßen schnell hinweggleiten können, weil sie sie ohne großes Nachdenken sofort erfassen.

Das Schöne am Lesen von Büchern und Zeitungen

Was Lesen vermittelt, erfahren wir, wenn wir Bücher lesen. Wir erfahren es auch, wenn wir regelmäßig Zeitung lesen. Dieses Lesen bietet mehr als das, was man meist nebenbei bei irgendeiner Arbeit oder während der Autofahrt an Nachrichten und Berichten im Rundfunk hört, und mehr als die Bilder und gesprochenen Texte, mit denen uns das Fernsehen informiert. Diese Informationen sind zwar ebenfalls wichtig, aber sie sind aus Zeitgründen in der Regel knapp gehalten und vor allem: sie huschen vorbei, sind schnell verweht. Zurückblättern wie in Büchern oder schon gelesene Sätze noch einmal lesen, wenn man etwas nicht gleich oder nicht richtig verstanden hat, geht hier nicht.

Lesen entfaltet mehr Tiefenwirkung

Lesen dagegen informiert umfassender, regt zum verweilenden Nachdenken an, entfaltet mehr Tiefenwirkung. Das tut es auch deswegen, weil jeder diejenige Zeit, in der er liest, also ob bedächtig oder etwas schneller, ganz individuell selbst bestimmen und überdies laufend variieren kann. Auch Goethe hat das gewusst. Zu den vielen Kernsätzen, die wir aus seinem Faust I kennen und sie unserem Zitatenschatz einverleibt haben, gehört auch das Mephisto-Wort „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“

Als es Telefon, Rundfunk und Fernsehen noch nicht gab

Natürlich hatte Goethe noch nicht Telefon, Rundfunk und Fernsehen in seinem Blickfeld, denn die gab es damals bekanntlich noch nicht, sondern nur das geschriebene, das gedruckte Wort. Schreiben und Lesen waren zu seiner Zeit und auch noch lange, lange nach ihm die einzige Möglichkeit, sich über Entfernungen hin mitzuteilen, zu Kenntnissen von außerhalb des eigenen Lebensumfelds zu gelangen und sich in Mußestunden unterhalten zu lassen. Viele schöne und lesenswerte Briefwechsel sind auf diese Weise entstanden und bewahrt geblieben, Briefwechsel, die wir noch heute schätzen und genießen.

Lesen als geistiges Lebens-Mittel

Der Film- und Fernsehproduzent Gyula Trebitsch (1914 – 2005) hat in einem Beitrag über sein wichtigstes Leseerlebnis das Lesen ein Lebens-Mittel genannt. Hier ein paar Sätze daraus: „Nur durch Lesen, durch eigene Arbeit am Stoff der Worte und der Inhalte, an der Entwicklung von Denken und Phantasie kommen wir zu eigenen Erkenntnissen. Wir bilden eigene Aussagekräfte heraus und können eine besonnene und kritische Haltung gegenüber den Geschehnissen in unserem Leben entwickeln. … Unsere Phantasie ist überall schon ‚kanalisiert’, nur beim Lesen entwickelt man seine eigenen Bilder und Gedanken und damit unter anderem selbständiges Tun. Dies ermöglicht im Weiteren, Unterscheidungen zu treffen, und bildet uns zu Mündigen unserer Gesellschaft heran. Erst durch Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann, und es hilft uns, die wesentlichen Dinge des Lebens zu behandeln.“ (Aus: Uwe Naumann: Verführung zum Lesen, Seite 227/228).

Lesen als Training für die neuronalen Strukturen in Kinderköpfen

Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann (1916 – 2010) vom Allensbacher Institut für Demoskopie hat einmal dargelegt, warum man Lesen lernen muss (Wegweiser. Wie Jugendliche zur Zeitung finden. Bonn 1997.220 Seiten. 48 DM. ISBN 3-929122-30-8): Der Mensch könne von Geburt an zwar Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, aber nicht abstrakt denken, nicht Begriffe und logische Folgen verstehen und Abstraktes nicht speichern. Für diese Leistung müssten die neuronalen Strukturen im Gehirn bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und fünfzehn Jahren erst trainiert werden. Das beste Training hierfür sei das Lesen, also das Aufnehmen, Zusammensetzen und Entschlüsseln der abstrakten Buchstaben. Und besonders gut trainiert werde Lesen durch Zeitungslesen, denn Zeitungslesen motiviere zur Regelmäßigkeit („Jeden Tag die neueste Zeitung“) – wobei wohl anzumerken ist, dass Bücher zur Regelmäßigkeit sicher nicht minder motivieren können, zumal es von guten und spannenden Büchern geradezu eine Fülle gibt. Wir alle kennen das Wort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Das gilt auch für das Lesen, und deswegen muss mit dem Lesen früh begonnen werden – mit dem von Büchern, mit dem von Zeitungen. Und hier spielt das Elternhaus eine große Rolle.

Mit dem Lesen vor dem 15. Lebensjahr beginnen

Aber wird denn noch genug gelesen in den Elternhäusern? In einem Interview 1997 sagte Frau Noelle-Neumann: „Seit der Ausbreitung des Fernsehens gibt es praktisch kein wirksames Motiv mehr, regelmäßig Zeitung zu lesen, und damit können sich die neuronalen Strukturen für Aufnahme und Verarbeitung abstrakter Inhalte nicht ausbilden. Die Hirnforscher sagen: Mit 15 Jahren ist die Chance der Ausbildung dieser neuronalen Strukturen vorbei; diese Ausbildung kann nicht nachgeholt werden.“

Drastische Zunahme der Konkurrenz um die Zeit und deren Folgen

Zuerst ist wohl in Amerika offenbar geworden, dass vor allem das Fernsehen (aber sicher auch die immer zahlreicheren anderen Freizeit-Beschäftigungsmöglichkeiten) sowie inzwischen Computer und Internet vom vertiefenden Lesen in Büchern und Zeitungen abhalten; denn die Konkurrenz um die frei verfügbare Zeit hat drastisch zugenommen. Menschen und zumal Jugendliche, die sich diesen Einflüssen nicht entziehen können oder nicht entziehen wollen, erleiden damit schwerwiegende Einbußen an Denkfähigkeit und geistiger Bereicherung.

Wenn das Lesen verarmt

Aber nicht nur das: Beeinträchtigt wird und auf Dauer verkümmert ihre Fähigkeit, Gelesenes noch zu verstehen und als dessen Folge überhaupt noch zu lesen. Außerdem beeinträchtigt die Abkehr vom vertiefenden Lesen schließlich sogar die Fähigkeit zu schreiben, weil der dafür nötige Wortschatz zu dürftig geworden ist. Und darüber hinaus: Was hier zu verkümmern droht, geht Lasten von Phantasie und Kreativität. Käme es so, hat das Folgen: Wenn das Lesen verarmt, verarmt auch das Schreiben. Wenn beides verarmt, verarmt auch die Sprache. Wenn die Sprache verarmt, verarmen Denk- und Mitteilungsfähigkeit. Man kann diesen Faden weiterspinnen und sich ausmalen, wie sich diese mögliche Entwicklung mit der Zeit auf Gesellschaften, auf Nationen, auf Staatswesen als ganzes auswirken – und auf die Politik, auf das Recht, auf die Freiheit.

Lesen als eine gedankliche Betriebsamkeit und Beglückung

Das will ich hier aber nicht tun, sondern noch an die Sendung von Elke Heidenreich im Fernsehen erinnern. Sie hat im Juni 2003 Reich-Ranitzkis „Literarisches Quartett“ abgelöst und den schlichten Titel „Lesen“ erhalten. Als ich damals die erste Sendung gesehen hatte, habe ich mich gefreut, dass dieser kurze Titel mit diesem einzigen Wort alles das auszulösen imstande ist und wohl auch auslösen soll, was auch ich mir darunter vorstelle: Lesen als eine Form der Kultur, als eine Form, in der Kultur sich ausdrückt, artikuliert und weiterentwickelt, Lesen eine gedankliche Betriebsamkeit in Geruhsamkeit, Lesen als Erholung und Beglückung, Lesen als geistiges Nahrungsmittel, Lesen als ein Element, das viele (oder auch nur zwei) verbindet und das die Phantasie anzuregen versteht.

Was Bücher alles bewirken können

Um sich über das Lesen Gedanken zu machen, muss man keineswegs zu jenen Menschen gehören, von denen man sagt, sie seien belesen. Gedanken darüber, ob das Lesen in Gefahr ist, verdrängt zu werden, ob diese Gefahr vielleicht übertrieben wird, und darüber, was passiert, wenn eine Gesellschaft irgendwann nicht mehr liest und das Lesen verlernt hat, kann sich auch der weniger Belesene machen. Das Schöne ist außerdem, dass Bücher alles Mögliche sein, alles Mögliche bewirken können: Sie können nicht nur entspannen, unterhalten und pures Vergnügen sein, sondern auch Denkanstöße geben, Stolperstein sein, Wegweiser werden, Entscheidungen auslösen oder sie erleichtern.

Das Gute kann man nie zu oft lesen

Abschließend noch einmal Trebitsch: „Eine erfreuliche Begleiterscheinung ist, dass Lesen im Allgemeinen auch eine hohe Flexibilität im Alter bewahrt, es hält lebendig im Denken und erzeugt immer wieder Neugier auf das vielfältig sich fortbewegende Leben. Man soll dabei jedoch die Literaturauswahl bedenken: Das Schlechte kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen.“

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