Immer auf die Boten

Wenn die Rating-Agenturen mit ihrer Benotung der Bonitätsprüfung unerwünscht sind

Man muss Prüfer nicht mögen, auch Bonitätsprüfer nicht, bekannt gemeinhin nur noch als „Rating-Agenturen“. Um jedermanns Liebling zu werden und zu bleiben, dafür sind diese Agenturen nicht da. Sie sollen fachkundig, urteilsfähig, unbestechlich und streng sein; sonst wäre ihre Arbeit nichts wert, sonst verlören sie Ruf und Geschäft. Vergeben sie nach diesem Maßstab eine gute oder gar die beste Note, freut sich der Geprüfte, sonnt sich im AAA-Glanz und wirbt damit. Auch die verschuldeten Euro-Staaten haben das getan und die Prüfer damit als solche anerkannt, sie ernstgenommen,  und gleichsam mit Gütesiegel versehen. Aber kaum hat ihnen nur ein einziger (bisher), nämlich Standard & Poors,  die Bestnote entzogen, reagiert man ungehalten, zürnt, schimpft, wirft mangelnde Kenntnis der Situation vor, unterstellt unlautere Motive („seltsames Timing“), argwöhnt eine amerikanische Verschwörung: Als Überbringer schlechter Botschaft sind  die Bonitätsprüfer nicht wohlgelitten.

Typisch Schäuble

Besagte Agentur hatte am Freitag  (13. Januar)  neun Ländern der Euro-Zone, darunter Frankreich, Spanien, Italien und Österreich die Bestnote der Kreditwürdigkeit (AAA) aberkannt und die Bonität um eine Stufe gesenkt (AA+), nun auch gerade die für den Euro-Rettungsfonds EFSF. Staaten und ihre Lenker reagieren dann herrisch, anmaßend, rabiat, drohend. Typisch dafür ist Bundesfinanzminister Schäuble. Er sieht „dringenden Handlungsbedarf“, aber nicht etwa gegen die Überschuldung, sondern gegen die Prüfer. Es sei darüber nachzudenken, die Rolle der Agentur-Ratings in der Banken- und Versicherungsaufsicht zu beschränken, ihr Einfluss sei zurückzudrängen, die EU-Kommission habe Vorschläge schon gemacht – strengere wohl, denn eine EU-Rating-Verordnung mit verschiedenen Maßnahmen gibt es bereits seit September 2009.

Der Böse ist immer der Bote

Schon diskutiert man in Brüssel darüber, das Veröffentlichen von Bonitätsnoten zu verbieten, wenn Euro-Staaten Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds erhalten (FAZ vom 17. Januar). Die uralte Geschichte also: Wenn die Botschaft nicht passt, lässt man den Unmut am Boten aus. Das Böse ist der Bote, nicht das, was er überbringt. Schäuble stellt die Bewertung durch Standard & Poors als zweifelhaft hin und die Agentur als begriffsstutzig. Er scheut auch nicht vor der Vermutung zurück, in der Abstufung ein Bemühen der Agentur um öffentliche Aufmerksamkeit zu sehen, um im Wettbewerb mit anderen Bonitätsprüfern einen Stich zu machen. Die Herabstufung also ein Werbe-Gag?

Ablenken vom Kern der Botschaft

Auch andere deutsche Politiker fühlen sich beim Euro- und Schuldenpolitik-Retten gestört und lenken vom Grund der Herabstufung, vom Kern der Botschaft ab: Die Bonitätssenkung sei eine „Attacke auf den Euro“  (Michael Fuchs, CDU); sie komme „fast einem Währungskrieg gleich“ (Elmar Brok, CDU);  sie sei ein „gezielter Angriff auf die Stabilität des europäischen Rettungsschirms“ (Martin Schulz, Sozialistische Fraktion im EU-Parlament; erhoben wird der Verdacht, dass die Agenturen „anglo-amerikanische Interessenpolitik“ betreiben (Brok); man lenke „mit solchen Attacken auf den Euro von der schlechten Haushaltssituation in den Vereinigten Staaten ab“ (Fuchs); hinter der Herabstufung stünden „Leute, die an den Börsen sitzen und gegen den Euro spekulieren“ (Schulz); es sei überraschend, dass S&P Italien just in dem Moment herabstufe, wo das Land Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung treffe, das müsse mit politischen Absichten verbunden sein (Hermann Otto Solms, FDP); man solle den Bewertungen nicht so hohes Gewicht einräumen (EZB-Präsident Mario Draghi).  Kanzlerin Merkel immerhin räumte ein: „Es ist so, dass das Vertrauen der Anleger in europäische Staatsanleihen nicht ausreichend gut ist. Die Rating-Agenturen machen ihre Arbeit, wir machen unsere Arbeit.“ (faznet vom 14. Januar).

Nicht frei von Fehl und Tadel, aber …

Rating-Agenturen sollen die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Institutionen und Staaten prüfen. Herabstufungen der Bonität von Staaten können auf die politischen Führungen dort, weil sie neue Schulden verteuern (erschwerte Kreditaufnahme, höhere Zinsen), disziplinierend und heilsam wirken. Wohl sind Bonitätsprüfer nicht über alle Zweifel erhaben, nicht unfehlbar, nicht die reaktionsschnellsten (die „Märkte“ sind meist fixer), nicht frei von Interessenkonflikten, werden bedacht mit berechtigter Kritik, haben keinen Heiligenschein, aber dies haben sie nicht verdient.

Was geboten ist, damit die „Ratings“ wieder „stimmen“

Die Herabstufung kommt nicht aus heiterem Himmel, ist alles andere als überraschend, kein Schuss aus dem Hinterhalt, sie ist längst fällig und schlimmerweise „wohlverdient“. Die Informationen und Zahlen, die der Abstufung zugrunde liegen, sind weithin bekannt, die Agenturen haben sie nur gesammelt, in ihr Beurteilungsschema eingeordnet und daraus – wohl auch mit einem gewissen Spielraum – die Note errechnet. Das Ergebnis dieser Arbeit ist eine neue Information mit eigenem Gewicht, nützlich vor allem für Gläubiger zur Risikoeinschätzung. Das Naheliegende dagegen vernahm man von Schäuble (und den anderen) nicht: Geboten ist, die Staatshaushalte zu sanieren und gegen die Überschuldung vorzugehen. Dann „stimmen“ auch wieder die „Ratings“.

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2 Gedanken zu “Immer auf die Boten”

  1. Lieber Klaus-Peter Krause,
    schön, dass Sie daran erinnern: „es war immer so, es war immer so“, auch schon vor den Zeiten, die man heute noch glaubt, unbedingt erforschen zu müssen. Die Lateiner sagten viel später: „Cui Bono!“
    Ihr Claus Klügel

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