Bio-Sprit“ ist klimaschädlich – Die behauptete CO2-Rechnung geht nicht auf

Der sogenannte „Bio-Sprit“ ist keiner. Zwar ist er Sprit, aber kein biologischer, nämlich nicht in dem Sinn, dass die Pflanzen, aus denen er industriell gewonnen wird, ohne chemische Spritzmittel und ohne Kunstdünger angebaut werden. Und schon gar nicht ist er „bio“ in dem unterstellten Sinn, dass er als Treibstoff für Autos – anders als Sprit aus Erdöl – mit einer politisch propagierten ausgeglichenen CO2-Bilanz aufwartet und deswegen mithilft, die so inbrünstig betriebene Klimaschutzpolitik zu rechtfertigen. Dass dies so ist, hat der Wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Umweltagentur in seiner jüngsten Studie bekräftigt.*) Er räumt mit der Behauptung, aus Pflanzen gewonnener Kraftstoff sei CO2-neutral und daher klimafreundlich, gründlich auf. Für alle Politiker, die uns den Ethanol-Beimischungszwang beschert haben und immer noch als Klimaschutzleistung darstellen, ist es ein Urteil, das in der Schule lauten würde: Durchgefallen, Setzen, Fünf.

Schwerer Rechenfehler bei der CO2-Bilanzierungsmethode

Die Wissenschaftler der Umweltagentur legen dar, dass die Emissionseinsparungen durch Biokraftstoffe falsch berechnet werden. Sie zerpflücken die CO2-Bilanzierungsmethode, die die Europäische Union mit ihrer (vorgeblichen) Klimaschutzpolitik für die Treibhausgasbilanz von „Bio-Sprit“ bisher anwendet, und werfen ihr diese Methode als “schweren Rechenfehler” vor. Wie aus der Studie hervorgeht, darf für eine seriöse Treibhausgas-Bilanzierung nur das an CO2 angerechnet werden, was die Energiepflanzen in ihrer Biomasse zusätzlich an CO2 absorbieren, also nur denjenigen CO2-Anteil, der über jene Menge hinausgeht, den die vorher dort wachsenden Felder, Wälder, Weiden oder Wiesen ohnehin gebunden und gespeichert haben. Doch in der EU-Bilanzierungsmethode würden die durch Bindung in der Biomasse eingesparten CO2-Mengen doppelt angerechnet. Die Financial Times Deutschland verdichtete ihren Bericht über die Studie zu der Schlagzeile „Biosprit ist Gift für die Umwelt“ (http://m.ftd.de/artikel/60104780.xml?v=2.0).

Durch Pflanzen-Sprit mehr CO2 als durch Erdöl-Sprit

Es geht hier um die „indirekten CO2-Effekte“ der Pflanzenspritproduktion. Sie entstehen zum Beispiel mit dem Erweitern von Anbauflächen durch Abholzen von Wald oder Umbrechen von Grünland. Bezieht man sie – anders als bisher – in die Berechnung der CO2-Bilanz ein, kommt man für Diesel und Ethanol aus pflanzlichen Rohstoffen auf einen höheren CO2-Ausstoß als für Diesel oder Benzin aus Erdöl. Das bedeutet: Mit dem Einsatz von „Bio-Sprit“ findet eine Minderung des „Treibhausgases“ CO2 gar nicht statt. Schlimmer noch: Die Produktion und das Verbrennen von Motorentreibstoff aus Raps-, Soja-, oder Palmöl und Zuckerrohr führt zu mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre als das Verbrennen von fossilem Treibstoff, auch zu mehr Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O, Lachgas).

Ein Gedankengebäude bricht zusammen

Folglich ist Pflanzensprit – wenn man sich in der Denkwelt der Klimaschützer bewegt – „klimaschädlicher“ als Erdölsprit. Folglich bricht ihr Gedankengebäude, mit dem sie den Einsatz von „Bio-Sprit“ begründen, politisch erzwingen und hoch subventionieren, wie ein angestochener Luftballon in sich zusammen. Sie haben sich den pflanzlichen Treibstoff schöngerechnet. Der Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter sieht das nicht anders: „Die gesamte EU-Biokraftstoffpolitik steht zur Disposition. Der Report zeigt: Biokraftstoffe können Benzin und Diesel nicht ersetzen und lösen auch nicht das Klimadilemma.“ Folgerichtig verlangt der Wissenschaftsausschuss der Umweltagentur, das Berechnungssystem rasch und die europäische Bioenergiepolitik wesentlich zu ändern.

Weitere Minuspunkte: Umweltschäden und höhere Preise für Nahrungsmittel

Aber das ist noch nicht alles, denn die Umweltschäden, die vor Ort vor allem durch die Monokultur, das Spritzen von Pestiziden und den ungewollten Nährstoffeintrag in Gewässer durch Düngen (Eutrophierung) entstehen, kommen noch hinzu und belasten daher die Abwägungsbilanz zwischen Vor- und Nachteilen von Pflanzenkraftstoff ebenfalls. Außerdem verdrängt der Anbau von Pflanzen für die Spritherstellung den Anbau von Pflanzen für Nahrungsmittelversorgung. Anbauflächen, auf denen Raps, Soja und Palmöl zu Energiezwecken erzeugt werden, fehlen für die Nahrungsproduktion. Die Folge ist, dass die Nahrungsmittel relativ knapp werden und deren Preise steigen.

Wie Greenpeace die Ergebnisse der Studie sieht

Greenpeace fasst den Inhalt der Studie aus der Europäischen Umweltagentur (EUA) in Kopenhagen so zusammen:**)
- „Die weitverbreitete Annahme, die Verwendung von Biokraftstoffen sei “CO2-neutral”, ist nicht korrekt.
- Dass die Verbrennung von Biomasse, egal welcher Zusammensetzung, nicht zum Ausstoß von CO2 führt, ist ebenfalls falsch und basiert auf einer falschen Berechnung.
- Der Grundgedanke, mit Biomasse Energie zu erzeugen und den Treibhausgasausstoß zu reduzieren, funktioniert nicht. Genau wie die Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas, führt der Einsatz von Biomasse zu mehr CO2 in der Atmosphäre, wenn durch den Anbau und die Ernte der Anteil von kohlenstoffspeichernden Pflanzen und Wäldern reduziert wird.
- Wenn Plantagen für den Anbau von Biokraftstoffen Waldflächen, die als Kohlenstoffspeicher dienen, verdrängen oder im Wachstum behindern, kann die Herstellung von Biokraftstoff den CO2-Anteil in der Luft erhöhen.
- Wenn Pflanzen für Biokraftstoffe Nahrungspflanzen verdrängen, vergrößert dies das Welthungerproblem, wenn sie nicht an anderer Stelle angebaut werden. Gleichzeitig führt diese indirekte Landnutzungsänderung zu steigenden Emissionen.
- Basierend auf der Annahme, dass Biokraftstoffe klimaneutral seien, haben mehrere Studien vorgeschlagen, dass Bioenergie in den nächsten Jahrzehnten 20 bis 50 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken könnte oder müsste. Um dies zu realisieren, müsste allerdings das Doppelte oder Dreifache der derzeitigen Anbaufläche zur Verfügung stehen. Dies wiederum würde mit der nötigen Fläche für die Ernte von Nahrungsmitteln für eine weltweit wachsende Bevölkerung konkurrieren.“

Aber der Schwindel mit dem CO2 als Treibhausgas geht weiter

Allerdings, ungeachtet dieses Verdikts gegen den Pflanzensprit halten die EU-Umweltagentur, ihr Wissenschaftlicher Ausschuss wie auch Greenpeace nach wie vor an der Behauptung fest, das von Menschen verursachte („anthropogene“) CO2 führe zur Klimaerwärmung der Erde, daher sei CO2 zu vermeiden und zu verringern, um das Klima zu schützen. Dem ist immer wieder entgegenzuhalten, dass diese Behauptung längst als Lug und Trug enthüllt und die Vorstellung, der Mensch könne mit dem Verringern seines CO2-Ausstoßes das Erdklima schützen, als absurd widerlegt ist.

Trotz Studie: die Schönrechnerei beim „Bio-Sprit“ bleibt

Bewirken aber die Erkenntnisse der EUA-Wissenschaftler wenigstens, dass die Politik mit dem „Bio-Sprit“ nun endlich Schluss macht? Denn dieses Produkt ist hinfällig. Es darf nicht mehr propagiert und subventioniert werden. Es gehört samt Beimischungszwang und dessen Bürokratie abgeschafft. Aber typischerweise geschieht das nicht. Jedenfalls wollen die zuständigen EU-Kommissare Günther Oettinger (Energie) und Connie Hedegaard (Umwelt) die bisherige Schönrechnerei weiterführen. Sie beabsichtigen nicht, die CO2-Ergebnisse vor dem Jahr 2018 korrekt zu berechnen. Denn als ursprüngliches Ziel hatte die EU vorgegeben, durch Verwenden von pflanzlichem Treibstoff in Benzin und Diesel den anthropogenen CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu verringern. Und der Treibstoff mit Biosprit-Beimischung sollte bis dahin 35 Prozent weniger CO2-Emissionen verursachen als ohne diese Beimischung.

Die starke Lobby der Biosprit-Gewinnler

Von solchen absonderlichen Zielen müsste die EU jetzt herunter und den Irrweg zugeben, auf den sie sich mutwillig begeben hat. Dem steht aber auch die geballte politische Kraft all jener entgegen, die auf und mit diesem Irrweg inzwischen Geld verdienen, vor allem die der Agrarlobby. Der Vorsitzende des EU-Umweltausschusses Jo Leinen kommentierte: „Die Biospritindustrie bekommt so eine Schonfrist mit Lizenz zum Geldverdienen, in der die Anbauflächen weiter ausgedehnt werden, weiter Subsistenzlandwirte verdrängt werden und weltweit viel Schaden angerichtet wird.“ Und Martin Hofstetter von Greenpeace konstatiert: „Es gibt inzwischen eine ganze Industrie, die sehr gut an der Erzeugung von Biodiesel verdient. Biokraftstoffhersteller wie ADM oder Neste Oil sind groß im Geschäft. Auch der deutsche Bauernverband macht sich stark für Biodiesel aus Raps, der den Landwirten hohe Preise garantiert, und hat seine Lobbyarbeit in Berlin und Brüssel intensiviert.“

Weg mit dem Schiet

So werden Unternehmen und Menschen durch die Politik in Investionen hineingelockt, die sich nur mit staatlicher Subventionierung rentieren. Dass die so Verführten diese Investitionen nun erst einmal amortisiert sehen wollen, ehe sie sich durch politische Umentscheidungen aus dem Geschäft wieder heraustreiben lassen, ist verständlich. Doch subventionierte Geschäfte sind immer politisch riskante Geschäfte. Wer sie mitmacht, muss das Risiko, wenn sie politisch schief gehen, selbst tragen. Die Kosten der politischen Fehlgriffe dürfen den an dieser Politik unschuldigen Bürgern nicht noch länger aufgeladen werden. Daher sollte für den „Bio-Sprit“ das gelten, was man sich im Norddeutschen deftig beim Prosten mit vollen Schnapsgläsern zuruft: Weg mit dem Schiet!

*) Die Studie datiert vom 15. September 2011. Ihr Titel lautet Opinion of the EEA Scientific Committee on Greenhouse Gas Accounting in Relation to Bioenergy. Ihren Wortlaut findet man hier:

http://www.eea.europa.eu/about-us/governance/scientific-committee/sc-opinions/opinions-on-scientific-issues/sc-opinion-on-greenhouse-gas

Die deutsche Internet-Seite der Europäischen Umweltagentur (EUA) in Kopenhagen ist unter diesem Link zu finden:

http://europa.eu/agencies/regulatory_agencies_bodies/policy_agencies/eea/index_de.htm

Eine gegenüber der vorgeblichen CO2-Neutralität kritische Studie hat die Umweltagentur bereits früher veröffentlicht, am 15. November 2008:

http://www.eea.europa.eu/de/articles/der-boom-bei-der-bioenergie-und-seine-folgen-2014-die-umstellung-von-ol-auf-bioenergie-ist-nicht-ohne-risiko

**) Siehe hier: http://www.greenpeace.de/themen/verkehr/nachrichten/artikel/eu_und_biokraftstoffe_die_rechnung_geht_nicht_auf/



| Artikel versenden




Letzte Einträge:


Kommentare


Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Website

XHTML: Diese HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Ihr Kommentar