Man kann sie entflechten

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Wenn große Banken ein „systemisches Risiko“ sind

Sollten zu große Banken entflochten und in mehrere kleine Banken aufgeteilt werden? Provoziert haben so eine Frage die Großbanken selbst. Jene unter ihnen, die sich in ihrer Finanzkrise vom Zusammenbruch bedroht sahen, drangen auf Rettung durch ihren Staat und verließen sich auf das Zauberwort „too big to fail“.

So beeilten sich denn auch die Regierungen mit ihren Notenbanken, diese Institute mit Riesenkrediten und –bürgschaften herauszuhauen (bail out). Zu groß war ihre Angst vor einem Kundenansturm auf die Banken, zu groß schien die Gefahr von schwer absehbaren Weiterungen, zuviel auf dem Spiel zu stehen, zu sehr drohten Bankenpleiten das gesamte Finanzsystem zu erschüttern und zuviele Bürger wie Unternehmen als unschuldige Opfer in den Abgrund mitzureißen. Die Größe der Banken stellte sich urplötzlich als „systemisches Risiko“ dar

Dann sind sie zu groß und eine Gefahr

Wenn große Banken, ein solches Risiko sind und deshalb vor Insolvenz bewahrt bleiben, dann sind sie zu groß und eine Gefahr. Dann liegt es nahe, Banken von solcher „systemischen“ Größe zu entflechten und auf kleinere Formate zu bringen. Dann reicht es nicht aus, Banken, Finanzmärkte und ihre Produkte auf die eine oder andere Weise stärker zu regulieren. Stark reguliert ist die Branche ohnehin schon. „Neben der Versicherungsbranche gibt es keine Branche, die weltweit (!) derart stark reguliert ist wie der Bankensektor.“ (Michael von Prollius: Mythos unregulierte Finanzmärkte.http://www.freiewelt.net/blog-996/mythos-unregulierte-finanzm%E4rkte.html)

Geschützte Größe verstärkt die Risiken

Zwar hat die Finanzkrise tiefere, staatliche Ursachen (Geldmonopol der Notenbanken, Kreditvergabe als Geldschöpfung aus dem Nichts, Aufblähung der Geldmenge, Staatsverschuldung) mit ebenfalls bedrohlichsten Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Staatswesen. Zwar sind auch diese Ursachen zu beseitigen. Aber zu große Banken, die wegen ihrer schieren Größe vor Konkurs und Untergang geschützt werden, sind ein zusätzliches Risiko. Durch sie werden die Risiken verfehlter staatlicher Politik noch verstärkt.

Von „too big to fail“ zu „small enough to fail“

Dann gilt, was der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg vertritt: „Solange Banken die ‚systemische Karte’ spielen, und Wissenschaft wie Politik dieses Spiel unkritisch mitspielen, führt an einer Zerschlagung der Großbanken kein Weg vorbei.“ Oder wie es der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Simon Johnson formuliert: Anstelle von „too big to fail“ müssten die Großbanken „small enough to fail“ werden.

„Größer, mächtiger, gefährlicher als je zuvor“

Johnson lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und war 2007/2008 Chefökonom beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Nach einem Bericht der Financial Times Deutschland vom 1. Juni sagte er, die investierenden Banken gingen bei ihren Anlageentscheidungen immer höhere Risiken ein – in der Gewissheit, der Staat werde sie im Zweifel schon retten. „Wir ermuntern das Bankensystem, große und sozial gefährliche Risiken einzugehen …. Die größten Banken sind jetzt größer, mächtiger und gefährlicher als je zuvor.“ Und so sei auch das Prinzip „too big to fail“ heute akuter denn je zuvor.

Wie 1912 Standard Oil zerschlagen wurde

Johnson erinnert daran, wie der amerikanische Präsident Roosevelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts Großunternehmer wie J. P. Morgan schockiert habe, die mit ihren Konzernen zu viel Marktmacht und politischen Einfluss gewonnen hatten. Ihr Monopol beschnitt er mit einschneidenden Gesetzesänderungen und stärkte den Wettbewerb. Zehn Jahre nach den Reformen, 1912, hätte sich die öffentliche Meinung bereits so weit gewandelt, dass auch John D. Rockefellers Megakonzern Standard Oil in 34 kleinere Unternehmen geteilt werden konnte. „Damals hatte sich der öffentliche Konsens vollständig verschoben“, sagte Johnson. Heute sei es erneut an der Zeit, ein solches Umdenken zu erreichen.

„Die Investmentbanken drastisch verkleinern“

Für den amerikanischen Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps sind die großen Banken „kaum noch kontrollierbar“. Auf die Frage „Lassen Sie uns über die Banken reden. Manche sind in den vergangenen Jahren unheimlich stark gewachsen. Sind sie nicht viel zu groß geworden?“ sagte er in einem Gespräch vom 2. März 2009 Christof Leisinger:

„Diese Investmentbanken, mit ihren Eigenhandels- und sonstigen Spekulationsgeschäften, sollten drastisch verkleinert werden. Wir brauchen andere Banken, die primär an der langfristigen Finanzierung von Investitionen und von industriellen Innovationen interessiert sind.“

Dann fragte Leisinger: „Ist es realistisch, dass die Banken so rekalibiert werden können?“

Phelps’ Antwort: „Ich bezweifle, ob die jetzigen Bankmanager die Expertise haben, dieses Anliegen umzusetzen. Man sollte sie eigentlich alle herauskehren und ersetzen.“

Leisinger nachhakend: „Was wird passieren mit Banken wie der Citigroup oder der Banc of America?“

„Sie sind kaum noch kontrollierbar“

Phelps: „Ich bin nicht sicher, ob sie in dieser Form noch lange existieren werden. Ich denke, sie werden letztlich entweder geschlossen werden oder sie werden aufgetrennt in kleinere Teile. Sie sind kaum noch kontrollierbar. Niemand weiß genug über die obskuren Aktivitäten in den verschiedensten Abteilungen, um ihren Zustand beurteilen zu können.“

Dem Argument, Banken dürften für die Kreditvergabe und sonstigen Finanzgeschäfte nicht kleiner gemacht werden als ihre Großkunden in Handel und Industrie, lässt sich entgegenhalten, dass eine Bank für ein Geschäft, das für sie dann zu groß ist, ein Konsortium mit anderen Banken bilden kann, wie es auch schon bisher Übung ist.

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