Eine Gefahr, in die wir uns unbedingt und ständig begeben müssen

Wenn das Lesen verarmt, verarmt auch das Schreiben. Wenn beides verarmt, verarmt auch die Sprache. Wenn die Sprache verarmt, verarmen Denk- und Mitteilungsfähigkeit. Das hat Auswirkungen auch auf die Politik und damit auf die Gesellschaft und ihre ganze Ordnung. Helmut Schmidt hat 1996 in einem Interview gesagt: „Deutschland ist im Übergang von einer lesenden in eine glotzende Gesellschaft. Eine Zeitungsdemokratie ist etwas anderes als eine Fernsehdemokratie. Die Fernsehdemokratie prämiiert Oberflächlichkeit, und sie prämiiert das gute Aussehen von Politikern, nicht ihren inneren Wert. Zwar sind die Politiker froh über jede Quasselbude, Talk-Show genannt, in die sie eingeladen werden. Doch dort haben sie keine Gelegenheit, einen Gedanken sorgfältig vorzutragen.“

Wie lange werden wir noch Zeitung lesen?

Das ist jetzt vierzehn Jahre her und immer noch wahr. Wie lange werden wir noch Bücher lesen? Wie lange noch Zeitung? Man macht sich Gedanken darüber, ob dieses Lesen in Gefahr ist, verdrängt zu werden oder ob diese Gefahr vielleicht übertrieben wird, und darüber, was passiert, wenn eine Gesellschaft irgendwann nicht mehr liest und dieses Lesen verlernt hat.

Lesen als Bestandteil der Bildung

Lesenkönnen, Lesenmögen und Lesenwollen ist ein wesentlicher Bestandteil der Bildung oder besser wohl d e r wesentliche. Dabei geht es bei der Bildung zum Lesen vor allem um das vertiefte und vertiefende, um das nachdenkliche und damit notwendigerweise auch geruhsame und geduldige Lesen, das sich von jenem Lesen abhebt, mit dem die Augen über Schlagzeilen, über Werbebotschaften, über Plakattexte, über Zugfahrpläne, über Wegweiser an den Straßen schnell hinweggleiten können, weil sie sie ohne großes Nachdenken sofort erfassen

Was Lesen vermittelt

Was Lesen vermittelt, erfahren wir, wenn wir Bücher lesen. Wir erfahren es auch, wenn wir regelmäßig Zeitung lesen. Dieses Lesen bietet mehr als das, was man meist nebenbei bei irgendeiner Arbeit oder während der Autofahrt an Nachrichten und Berichten im Rundfunk hört, und mehr als die Bilder und gesprochenen Texte, mit denen uns das Fernsehen informiert. Diese Informationen sind zwar ebenfalls wichtig, aber sie sind aus Zeitgründen in der Regel knapp gehalten und vor allem: sie huschen vorbei, sind schnell verweht. Zurückblättern wie in Büchern oder schon gelesene Sätze noch einmal lesen, wenn man etwas nicht gleich oder nicht richtig verstanden hat, geht hier nicht.

Lesen als „Lebens-Mittel“

Lesen dagegen informiert umfassender, regt zum verweilenden Nachdenken an, entfaltet mehr Tiefenwirkung. Das tut es auch deswegen, weil jeder diejenige Zeit, in der man liest, also ob bedächtig oder etwas schneller, ganz individuell selbst bestimmen und überdies laufend variieren kann. Der Film- und Fernsehproduzent Gyula Trebitsch (1914 – 2005) hat in einem Beitrag über sein wichtigstes Leseerlebnis das Lesen ein Lebens-Mittel genannt. Hier ein paar Sätze daraus:

Was man durch Lesen lernt

„Nur durch Lesen, durch eigene Arbeit am Stoff der Worte und der Inhalte, an der Entwicklung von Denken und Phantasie kommen wir zu eigenen Erkenntnissen. Wir bilden eigene Aussagekräfte heraus und können eine besonnene und kritische Haltung gegenüber den Geschehnissen in unserem Leben entwickeln. … Unsere Phantasie ist überall schon ‚kanalisiert’, nur beim Lesen entwickelt man seine eigenen Bilder und Gedanken und damit unter anderem selbständiges Tun. Dies ermöglicht im Weiteren, Unterscheidungen zu treffen, und bildet uns zu mündigen unserer Gesellschaft heran. Erst durch Lesen lernt man, wie viel man ungelesen lassen kann, und es hilft uns, die wesentlichen Dinge des Lebens zu behandeln.“ (Aus: Uwe Naumann: Verführung zum Lesen, Seite 227/228).

Warum man Lesen lernen muss

Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann vom Allensbacher Institut für Demoskopie hat einmal dargelegt, warum man Lesen lernen muss (Wegweiser. Wie Jugendliche zur Zeitung finden. Bonn 1997.220 Seiten. 48 DM. ISBN 3-929122-30-8):

Der Mensch könne von Geburt an zwar Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, aber nicht abstrakt denken, nicht Begriffe und logische Folgen verstehen und Abstraktes nicht speichern. Für diese Leistung müssten die neuronalen Strukturen im Gehirn bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und fünfzehn Jahren erst trainiert werden. Das beste Training hierfür sei das Lesen, also das Aufnehmen, Zusammensetzen und Entschlüsseln der abstrakten Buchstaben. Und besonders gut trainiert werde Lesen durch Zeitungslesen, denn Zeitungslesen motiviere zur Regelmäßigkeit („Jeden Tag die neueste Zeitung“) – wobei wohl anzumerken ist, dass Bücher zur Regelmäßigkeit sicher nicht minder motivieren können, zumal es von guten und spannenden Büchern geradezu eine Fülle gibt.

Die wichtige Rolle des Elternhauses

Wir alle kennen das Wort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Das gilt auch für das Lesen, und deswegen muss mit dem Lesen früh begonnen werden – mit dem von Büchern, mit dem von Zeitungen. Und hier spielt das Elternhaus eine große Rolle. Aber wird denn noch genug gelesen in den Elternhäusern? In einem Interview 1997 sagte Frau Noelle-Neumann: „Seit der Ausbreitung des Fernsehens gibt es praktisch kein wirksames Motiv mehr, regelmäßig Zeitung zu lesen, und damit können sich die neuronalen Strukturen für Aufnahme und Verarbeitung abstrakter Inhalte nicht ausbilden. Die Hirnforscher sagen: Mit 15 Jahren ist die Chance der Ausbildung dieser neuronalen Strukturen vorbei; diese Ausbildung kann nicht nachgeholt werden.“

Lesen – eine Erfindung der Menschen

In ihrem Buch Das lesende Gehirn schreibt die amerikanische Bildungsforscherin Maryanne Wolf: „Wir sind nicht zum Lesen geboren. Es gibt keine Gene, die je die Entwicklung des Lesens befohlen hätten. Der Mensch erfand das Lesen erst vor wenigen tausend Jahren. Und mit dieser Erfindung veränderten wir unmittelbar die Organisation unseres Gehirns – was uns wiederum zuvor ungekannte Denkweisen eröffnete und damit die geistige Evolution unserer Art in neue Bahnen lenkte.“ (Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009). Ein interessantes Gespräch mit der Autorin findet sich hier:

http://www.faz.net/s/RubE26455A3251A4E72A8D13804A90F40BF/Doc~E0E47E58833D542B78BB35AF7AC2C5A74~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Nicht mehr genug Zeit zum Lesen

Zuerst ist wohl in Amerika offenbar geworden, dass vor allem das Fernsehen (aber sicher auch die immer zahlreicheren anderen Freizeit-Beschäftigungsmöglichkeiten) sowie inzwischen Computer und Internet vom vertiefenden Lesen in Büchern und Zeitungen abhalten; denn die Konkurrenz um die frei verfügbare Zeit hat drastisch zugenommen. Menschen und zumal Jugendliche, die sich diesen Einflüssen nicht entziehen können oder nicht entziehen wollen, erleiden damit Einbußen an Denkfähigkeit und geistiger Bereicherung.

Was ohne Lesen verkümmert

Aber nicht nur das: Beeinträchtigt wird und auf Dauer verkümmert ihre Fähigkeit, Gelesenes noch zu verstehen und als dessen Folge überhaupt noch zu lesen. Außerdem beeinträchtigt die Abkehr vom vertiefenden Lesen schließlich sogar die Fähigkeit zu schreiben, weil der dafür nötige Wortschatz zu dürftig geworden ist. Und darüber hinaus geht, was hier zu verkümmern droht, zu Lasten von Phantasie und Kreativität.

Die möglichen Folgen

Käme es so, hat das Folgen. Ich wiederhole die Eingangssätze: Wenn das Lesen verarmt, verarmt auch das Schreiben. Wenn beides verarmt, verarmt auch die Sprache. Wenn die Sprache verarmt, verarmen Denk- und Mitteilungsfähigkeit. Man kann diesen Faden weiterspinnen und sich ausmalen, wie sich diese mögliche Entwicklung mit der Zeit auf Gesellschaften, auf Nationen, auf Staatswesen als ganzes auswirken – und auf die Politik, auf das Recht, auf die Freiheit.

Lesen als gedankliche Betriebsamkeit und manches mehr

Lesen ist zu verstehen als eine Form der Kultur, als eine Form, in der Kultur sich ausdrückt, artikuliert und weiterentwickelt, als eine gedankliche Betriebsamkeit in Geruhsamkeit, als Erholung und Beglückung, als geistiges Nahrungsmittel, als ein Element, das Menschen verbindet und das die Phantasie anzuregen versteht. Wenn wir sagen, jemand sei belesen, dann ist es anerkennend gemeint, dann hat er viel gelesen, dann weiß er viel, dann kennt er sich aus, ist wissender und wohl auch klüger geworden. Und wenn Lesen klüger macht, dann ist Lesen eine wunderbares Mittel, die Dummheit zu gefährden. In diese Gefahr sollten wir uns unbedingt und ständig begeben.

„Das Gute kann man nie zu oft lesen“

Zum Schluss noch einmal Trebitsch: „Eine erfreuliche Begleiterscheinung ist, dass Lesen im Allgemeinen auch eine hohe Flexibilität im Alter bewahrt, es hält lebendig im Denken und erzeugt immer wieder Neugier auf das vielfältig sich fortbewegende Leben. Man soll dabei jedoch die Literaturauswahl bedenken: Das Schlechte kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen.“



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