Eine Bringschuld der Ökonomen

Vorausgesehen haben die allermeisten Ökonomen die Banken- und Finanzkrise nicht, also auch nicht rechtzeitig vor ihr gewarnt. Manche haben das zerknirscht öffentlich eingeräumt und sich dabei sehr unwohl gefühlt. Um so mehr kann man von ihnen erwarten, dass sie darüber aufklären, welches die Ursachen der Krise sind, wie die Staaten sie am vernünftigsten bewältigen und wie man einer Wiederholung möglichst vorbeugen kann. Der Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München Hans-Werner Sinn hat das mit seinem neuen Buch getan.

Schwindelgefühle bei diesen Hunderten von Milliarden

Gleich im Vorwort veranschaulicht er die finanzielle Dimension der Krise: Der Transrapid sei Deutschland keine 3,5 Milliarden Euro wert gewesen, für die Kernfusion wende es jährlich etwa 180 Millionen auf, und alle 132 fünfjährigen Exzellenzinitiativen zugunsten der Hochschulen finanziere das Land nur mit 1,9 Milliarden. Dagegen seien bei den staatlich kontrollierten Banken bis Februar 2009 Verluste von etwa 27 Milliarden aufgelaufen, die überwiegend der deutsche Steuerzahler tragen müsse. Der angeschlagenen Bank Hypo Real Estate springe der Staat mit über 100 Milliarden bei. Insgesamt habe er den Banken rund 580 Milliarden an Hilfen und Bürgschaften zur Verfügung gestellt, Privatunternehmen mit 100 Milliarden Bürgschaften geholfen und 81 Milliarden für zwei Konjunkturprogramme lockergemacht. Das soll heißen: „Die Politik wirft mit den Milliarden nur so um sich, um einer Krise des Finanzsystems Herr zu werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Schwindel entsteht, wenn man sich dies Zahlen vor Augen führt, und Schrecken, wenn man an die Belastung zukünftiger Generationen denkt.“

Anreize zum kollektiven Fehlverhalten

Zu Recht sehen Ökonomen und so auch Sinn die Ursache der Krise weniger im individuellen Fehlverhalten, auch nicht im System an sich, sondern in Fehlanreizen des Systems. Wenn sich Tausende oder gar Millionen von Menschen falsch verhielten und aus diesem kollektiven Fehlverhalten eine solche Krise entstehe, liege das Problem nicht an erster Stelle in der fehlenden Moral der Akteure, sondern in den falschen Anreizen, die das Rechtsinstitut Haftungsbeschränkung in Verbindung mit einer zu laschen Regulierung, sprich staatlich-institutioneller Aufsicht liefere: „Weil es den Banken ermöglicht wird, ihr Geschäft mit einem Minimum an Eigenkapital zu betreiben, finden sie es attraktiv, mit dem Geld ihrer Kunden auf den Weltkapitalmärkten Roulette zu spielen.“

Keine Krise des Kapitalismus

Wolle man, schreibt Sinn, die Systemfehler ausfindig machen und Empfehlungen für eine Neuordnung der Regulierungen entwickeln, müsse man die institutionellen Spielregeln untersuchen, wie sie in Gesetzen und anderen Regelungen vorlägen. Anders als manche meinten, sei die Finanzkrise keine Krise des Kapitalismus, sprich: der Marktwirtschaft, sondern eine Krise des angelsächsischen Finanzsystems. Dieses sei mutiert zum Kasino-Kapitalismus und habe leider auch in Europa immer mehr Nachahmer gefunden. Sinn sieht in der Krise das Ergebnis dessen, dass die Staatengemeinschaft unfähig gewesen sei, für Banken und andere Finanzinstitut ein einheitliches Regulierungssystem zu schaffen, das den Eigennutz der Akteure so kanalisiere, wie man es von einer Marktwirtschaft erwarte.

Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert

Der Leser erfährt, dass und warum die USA über ihre Verhältnisse und auf Pump lebten (und es immer noch tun), wer dies und den Weltkapitalmarkt hauptsächlich finanziert (China, Deutschland, Japan), wie es zur Krise kam, worin ihre wirklichen Ursachen liegen (mangelnde Haftung, Unterkapitalisierung der Investmentbanken, Fair-Value-Bilanzierungsregel, unterlassene Nachhaltigkeit, Verbriefungstrick, Versagen der Rating-Agenturen, Politikversagen) und warum Wall Street zum Spielcasino wurde – allerdings zu einem, in dem vor allem die Investmentbanken als Glücksritter jahrelang immer nur hoch gewannen, also anders als Casino-Besucher beim Roulette. Da ihre Haftung beschränkt war, traf sie das hohe Risiko ihrer Geschäfte nicht. So konnten sie ihre Gewinne privatisieren, während ihre gewaltigen Verluste jetzt sozialisiert werden, also auf die Gläubiger oder Steuerzahler abgewälzt werden.

Zu wenig Eigenkapital, zu wenig Haftung

Dies ist in der Tat der Kern: „Das Unglück brach über die Welt herein, weil sich der Bazillus der Haftungsbeschränkung von Amerika aus über die Welt verbreitet und die Finanzmärkte infiziert hat, ohne dass die Regulierungsbehörden Einhalt geboten haben. Banken, Hedgefonds, Zweckgesellschaften, Investmentfonds und Immobilienfinanzierer durften ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital betreiben. Wer kein Eigenkapital hat, haftet nicht, und wer nicht haftet, zockt.“ In weiteren Kapiteln befasst sich Sinn mit Fragen wie: Wie stabil sind die Banken? Ist das Bankensystem pleite? Bleibt Europa stabil? Übernimmt sich der deutsche Staat? Müssen wir Italien freikaufen? Er benennt die Konstruktionsfehler des deutschen Rettungspakets, nimmt die Konjunkturpakete aufs Korn, begründet, warum der Staat Opel nicht retten darf und die Auto-Abwrackprämie schädlicher Unsinn ist.

Wie einer Wiederholung vorzubeugen ist

Zum Schluss zeigt Sinn Wege zu einem besseren Bankensystem auf: Dem Haftungsprinzip wieder mehr Geltung verschaffen; die Aufsichtsstrukturen vereinheitlichen; vom Bankwesen wesentlich höhere Eigenkapitalquoten verlangen als bisher; die Risikopositionen in den Bankbilanzen neu bewerten; bei Verstoß gegen die Eigenkapitalvorschrift als Strafe glaubhaft die Staatsbeteiligung androhen; in der Bilanzierung zum Niederstwertprinzip zurückkehren; Zweckgesellschaften und Hedgefonds bändigen mit der Pflicht zur vollständigen Bilanzierung in der Muttergesellschaft; Leerverkäufe, also Spekulationen auf fallende Kurse, verbieten; den Rating-Agenturen Regeln vorgeben; die mehrstufige Verbriefung verbieten; vorschreiben, einen Teil der verbrieften Ansprüche in den eigenen Büchern zu behalten; unterbinden, dass auf den Finanzmärkten mit den Credit Default Swaps (CDS() weiterhin Wilder Westen gespielt werden kann.

Auch den Eigenkapitalbestand der Banken gelte es zu erhöhen. Falls der Staat das Kapital dafür gibt, müsse er zugunsten der Steuerzahler im Austausch dafür Aktien erhalten – mit den schwedischen und britischen Erfahrungen als Leitschnur. Eine Bad Bank einzurichten nennt Sinn, was sie ist: eine- bad idea. Ihr Wirken laufe darauf hinaus, dass der Steuerzahler die giftigen Papiere für mehr Geld kauft, als sie wert sind.

Sinns Buch macht die Krise allgemein begreifbar und besticht durch seine leichte Lesbarkeit. Im Epilog schreibt er: „Die Bankenkrise zu verstehen, ist für Ökonomen eine große Herausforderung. Der Präsident des ifo-Instituts hat hier eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft. Ich habe die Herausforderung gerne angenommen …“ Ebenfalls an dieser Stelle erläutert Sinn, warum gerade er sich zu dieser Bringschuld berufen fühlt. Er verweist dabei unter anderem auf seine Dissertation von 1977. Schon darin habe er sich mit der Spekulation und anderen Risikoentscheidungen bei Haftungsbeschränkungen auseinandergesetzt und dieses Thema in späteren Publikationen ebenfalls aufgegriffen. Auch sein Buch von 1997 über die Landesbanken führt er an.

Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam und was jetzt zu tun ist. Econ Verlag, Berlin 2009. 352 Seiten. 19,90 Euro



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Kommentare


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2 Kommentare


  1. Klügel, Claus-Dieter am 17 Juli, 2009 16:27
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    Na endlich wissen wir es, wer Schuld ist an der häufig kleingeredeten großen Krise. Wir Bürger sind es selbst, wir waren nur noch nicht reif für New Deal und dem Derivat Handel, für Leerverkäufe und Swaps-Geschäfte, mit Cross Border Verträgen und Ähnlichem. Großartige Ratschläge, wie sich jeder Bürger im Kasino zu verhalten hat, kann man nun wirklich nicht von denen erwarten, die zu Mindestlohnbedingungen für uns forschen und die uns beinahe zum Nulltarif selbstlos regieren. Das Leben ist nun mal gefährlich. Dass war so und das wird auch so bleiben. Zwei weitere Fakten haben sicher auch Bestand: Schuld an dem was daneben geht sind immer die Anderen und die richten sich in der Regel nach dem von Äsop ins Lateinische übernommen Satz: Sibi quisque proximus.
    Eine Frage habe ich aber doch noch: Wozu brauchen wir dann eigentlich diese Leute?
    Ihr
    Justus

  2. eachtradingday am 27 Juli, 2009 23:08
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    kann dem nur zustimmen!

    wer mit fremden geld “spielen” kann und sein gehalt davon zum grossen teil abhängt, der wird risiken eingehen.
    ich wäre dafür das banken nur noch mit eigenem geld arbeiten dürfen.

    das wäre mal ein umbruch :D

    gruss
    eachtradingday

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