Konjunkturprogramme taugen nichts

„Makroökonomisch wirkungslos und mikroökonomisch schädlich“

Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg gibt es einen globalen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Um den zu überwinden, haben die Staaten fiskalpolitische Konjunkturpakete mit gigantischen Ausgaben in die Welt gesetzt, die größten aller Zeiten bisher. Aber taugen die was? Sind sie mit ihrem beispiellosen Ausmaß gerechtfertigt?

Herrschende und abweichende Meinung

Viele Ökonomen halten die Programme mit der immensen staatlichen Neuverschuldung in dieser Lage für notwendig. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugmann verlangt von den EU-Ländern sogar, dass sie noch größere Summen in ihre Konjunkturpakete stecken und die Wirtschaft, wie es die USA tun, noch agressiver ankurbeln. Aber es gibt auch Ausnahmen. Eine davon ist der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Homburg, Professor für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover. Er kommt zu einer Lagebeurteilung, die von der herrschenden Meinung in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft abweicht. Und daher auch zu einer Ablehnung der Programme.

Krisenursache: Die Niedrigzinspolitik

Homburg sieht die eigentliche Ursache des Wirtschaftseinbruchs nicht in den Zahlungsschwierigkeiten amerikanischer Hypothekenschuldner und noch weniger in einer allgemeinen Kreditklemme. Für ihn hat dieser (wenn auch starke) Abschwung vielmehr denselben Grund wie alle vorangegangenen Rezessionen: Es ist die Niedrigzinspolitik. Die verführt dazu, langfristige Projekte fortlaufend mit kurzfristigen Krediten zu finanzieren, weil die billiger sind als langfristige („Revolving-System“). Kippt die Zinsstruktur, ausgelöst durch Zentralbanken, um, so dass die kurzfristigen Zinssätze über den langfristigen liegen (inverse Zinsstruktur), geraten die Schuldner in die Klemme. Ihre Kredite sind jetzt teurer als kalkuliert. Fehlt es ihnen an Geld, um sie zu bedienen, stecken sie in der Liquiditätsfalle. Konkurse sind die Folge.

Der Niedrigzinspolitik folgte nach Homburgs Feststellung stets eine scharfe monetäre Restriktion. Durch sie ergab sich, dass die kurzfristigen Zinssätze vorübergehend höher waren als die langfristigen. Solche inversen Zinsstrukturen hätten in der Vergangenheit regelmäßig Rezessionen ausgelöst und seien meist von Finanzmarktturbulenzen begleitet worden: „Das ist überhaupt nichts Neues.“

Der Rezessionsauslöser: die inverse Zinsstruktur

Beispielhaft zeigen lässt sich diese Ursachenerklärung daran, wie die kurz- und langfristigen Zinssätze seit 1999 in den USA verlaufen sind. Von 1999 an hatte dort die Federal Reserve Bank („Fed“) ihren geldpolitischen Kurs verschärft. Das führte zu einer inversen Zinsstruktur im Herbst 2000. Diese brachte die Dotcom- oder IT-Spekulationsblase zum Platzen und löste eine Rezession aus.

Eine extreme Niedrigzinspolitik betrieb die Fed von 2002 bis 2004; die kurzfristigen Zinssätze unterschritten die langfristigen erheblich. Amerikanische Banken vergaben langfristige Kredite, die sie kurzfristig und variabel verzinslich finanzierten. Es kam zu den Hypotheken vom Ninja-Typ (no income, no job or assets bei den Schuldnern). Extreme Fristentransformation durch wenig regulierte Banken und Zweckgesellschaften mit nur wenig Eigenkapital wurden zum Geschäftsmodell. Als dann die Fed im Herbst 2006 die Federal Fund Rate stark heraufsetzte, führte das wiederum zur inversen Zinsstruktur. Zahlungsausfälle bei den Schuldnern der Ninja-Hypotheken waren die Folge, jene Geschäftsmodelle brachen zusammen, und das Platzen dieser Schuldenblase weitete sich aus zum gegenwärtigen Desaster global.

Auch am Beispiel Deutschland zeigt Homburg, dass die inversen Zinsstrukturen der Jahre 1973-1974, 1979-1982, 1991-1995 und 2001 den Rezessionen 1975, 1981, 1993 und 2005 vorangegangen sind. Nur bei der inversen Zinsstruktur vom Oktober 1989 sei das wegen des Falls der Mauer anders gewesen. Zu Bekräftigung verweist er auf Milton Friedman. Dessen These, Abschwünge würden regelmäßig durch eine restriktive Geldpolitik ausgelöst, decke sich exakt mit seinem eigenen Befund.

Stefan Homburgs drei Thesen

Homburg meint, man sollte die derzeitige Lage nicht dramatisieren. Das hat er auch auf dem 12. Konjunkturpolitischen Kolloqium am 23. April vertreten, veranstaltet bei der Bundesbank in Frankfurt von der Herbert-Giersch-Stiftung und dem Institut der deutschen Wirtschaft. Dort hat er neben seinen Ausführungen zur Krisenursache diese Thesen vorgetragen: 1. Fiskalpolitik mit Konjunkturprogrammen ist makroökonomisch wirkungslos. 2. Selbst dann, falls die Programme wirksam wären, sind sie gegenüber der Geldpolitik das schlechtere Instrument, denn billigeres Geld erhöht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ohne crowding-out-Effekt, also ohne private Investitionen durch staatliche Aktivitäten zu verdrängen. 3. Fiskalpolitik ist mikroökonomisch schädlich, denn staatliche Konjunkturprogramme erzeugen zusätzliche Schocks, die in den Märkten Anpassungsbedarf erzeugen und Alternativ-Ausgaben abwürgen. Die Abwrackprämie für alte Autos zum Beispiel legt den Gebrauchtwagenmarkt lahm, das schlägt durch auf die Kfz-Reparaturwerkstätten und auf den Kfz-Teilehandel.

Das Unerklärliche der Jahre 2001 bis 2004

Homburgs Fazit in seinem Vortrag beim Kolloqium: Non-Aktionismus wäre besser gewesen, gesiegt hat allgemeine Gier, gesiegt hat das Partialdenken der Volkswirte, und dies ist eine Niederlage der Nationalökonomie. Er hält es auch für unerklärlich, warum Konjunkturprogramme in den ungleich schwierigeren Jahren 2001-2004, als die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf über 5 Millionen gestiegen war, kein Thema gewesen sind. Aber jetzt bei rund 3,5 Millionen Arbeitslosen lägen die Nerven blank. Oder mit anderen Worten: Die Konjunkturprogramme taugen nichts und sind daher nicht gerechtfertigt, schon gar nicht in diesem Ausmaß.

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