Die Frühjahrsdiagnose der Wirtschaftsinstitute

Nichts Genaues weiß man nicht

Der Kalauer ist bekannt: Prognosen sind schwer, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. In der jüngsten Gemeinschaftsdiagnose acht führender Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren 96 Seiten kann man es wieder sehen. Ausführlich beschreiben sie die Ursachen der schweren Finanzkrise, die Auswirkungen auf die Güterwirtschaft („Realwirtschaft“) sowie die gegenwärtige Wirtschaftslage auf dem Globus, in der Europäischen Union und in Deutschland. Das sind stets die besten Teile solcher Gutachten. Denn was geschehen ist, weiß man inzwischen. Wie es geschehen ist, weiß man ebenfalls. Vor allem: Man kann dies mit statistischem Zahlenwerk auch belegen. Das alles ist kenntnisreich, erhellend und nützlich. Aber dann wird die ersehnte Prognose fällig. Denn alle wollen wissen, wie es weitergeht. Wieder bergauf? Noch weiter bergab? Wie stark? Wie schwach? Und das Herumschwimmen beginnt.

Freie Auswahl: BIP-Rückgang 2008 zwischen 2,25 und 5,6 Prozent

Die acht Institute prognostizieren für Deutschland, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr weiter zurückgeht. Zusammengerauft haben sie sich auf minus 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Noch bei ihrer letzten Beratung kurz vor der Veröffentlichung waren sie darüber uneinig gewesen, ob sie ihrem Publikum minus 4 oder minus 5 Prozent vorsetzen sollten (FAZ vom 22.4.2009). Andere Institutionen (Bundesregierung, EU-Kommission, DIHK, HWWI, DIW und IWF) haben den Rückgang auf 2,25 bis 5,6 Prozent veranschlagt. Und was schon für die deutsche Wirtschaft schwierig genug ist, gilt erst recht für die globale. Vorsichtig schreiben die Institute, ihrer Ansicht nach werde die Abwärtsbewegung „wohl erst im Winterhalbjahr 2009/2010“ auslaufen; allerdings „dürfte“ die sich anschließende konjunkturelle Belebung „zunächst nur wenig Dynamik“ entfalten.

Nicht anders die Äußerungen zur künftigen Beschäftigungslage am Arbeitsmarkt, zur allgemeinen Preisentwicklung, zum deutschen Export, zum Welthandel und anderem. Zur Preisentwicklung zum Beispiel liest man: „Im gesamten Prognosezeitraum dürfte der Preisanstieg in den Industrieländern sehr niedrig ausfallen. Das Risiko, dass sich verbreitet deflationäre Tendenzen durchsetzen, ist angesichts der tiefen Rezession gestiegen. Allerdings könnte die extrem expansive Geldpolitik auch dazu führen, dass sich die Inflationserwartungen deutlich erhöhen.“ Nur die Erwartungen wohlgemerkt, die Inflation selbst ist das noch nicht.

Und zu den staatlichen Monsterprogrammen zur Konjunkturankurbelung schreiben die Institute: „Alles in allem sind Schätzungen der Auswirkungen der Konjunkturprogramme mit großer Unsicherheit behaftet. …Um eine solche Schätzung vornehmen zu können, müssen Annahmen über die zeitliche Verteilung der Ausgaben des Konjunkturprogramms getroffen werden. Da diese Annahmen die Resultate stark beeinflussen, können schon leichte Verzögerungen bei der Durchführung des Programms zu stark unterschiedlichen Ergebnissen führen, was die Unsicherheit bezüglich der Einschätzung der Auswirkungen von Konjunkturprogrammen noch einmal erhöht.“

Die überaus vielen Wenn und Aber

Aber bei aller Vorsicht nennen die Institute eben doch Zahlen, um wie viele Prozent wichtige Größen voraussichtlich zurückgehen oder zunehmen werden. Darauf verlassen kann man sich natürlich nicht, denn: „Aus der ungewöhnlich starken Abwärtsdynamik der Weltkonjunktur, der hohen Ungewißheit über die tatsächliche Situation des Finanzsektors und den Folgewirkungen der massiven wirtschaftspolitischen Interventionen ergeben sich Risiken für die Prognose.“ Alles ist mit so vielen Wenn und Aber garniert, dass es ehrlicherweise und lapidar eigentlich heißen müßte: Nichts Genaues weiß man nicht. Eben darum hat das DIW Berlin in seiner Frühjahrsanalyse der Wirtschaft Mitte April auf die Präsentation einer Wachstumsprognose für das Jahr 2010 verzichtet und zusammenfassend bekannt: „Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand, so dass Prognosen in der heutigen Zeit nur mit größter Vorsicht zu interpretieren sind.“

Dumm, wenn die Voraussagen daneben gehen

Dass Voraussagen über Wirtschaftswachstum, Arbeitsmarktentwicklung, Preise und anderes nicht punktgenau eintreffen, ist einsichtig und wird daher nicht sonderlich nachgetragen. Trotzdem dumm, wenn die Voraussagen danebengehen. Das geschieht immer wieder Und so müssen ihre Urheber die Peinlichkeit ertragen, wenn jemand frühere ihrer Aussagen hervorkramt, wie die von Bert Rürup vom 12. April 2008: „Die Konjunkturrisiken haben zugenommen, aber wir stehen definitiv nicht vor einer Rezession.“ Oder die von Bundesbankpräsident Axel Weber vom 1. Mai 2008: „Der Aufschwung in Deutschland hält an, nur der Schwung läßt etwas nach.“ Oder der ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am 24. Oktober 2007 zu den Aussichten in Deutschland 2008: „Eine Rezession steht nicht an.“ Die kam dann aber doch. (Zitate aus der FAS vom 5.4.2009)

Machen Prognosen überhaupt Sinn?

Was also machen Prognosen dann überhaupt für einen Sinn? Vielleicht den, daß man sich gerne Täuschungen hingibt? Daß man lieber mit einer (vielleicht) falschen Zahl operiert als mit überhaupt keiner? Daß Pessimisten sagen können, es werde noch viel schlimmer kommen? Daß sie einen Prügelknaben brauchen, wenn nicht eintritt, worauf man sich verlassen hat? Daß sich Optimisten und Politiker der Illusion hingeben können, irgendwie sei es doch immer wieder gutgegangen? Daß also einer zunächst düsteren Vorhersage später das schöne Erlebnis der Aufhellung folgen kann? Daß sich mit Prognosen Politik machen läßt? Daß einige Menschen durch Fehlprognosen, an die sie nicht glauben, gewinnen, was andere, die an sie glauben, durch sie verlieren? Doch kann man auch sagen: Die einen befragen halt Wahrsager mit dem Blick in eine Glaskugel nach der Zukunft, die anderen Nationalökonomen.

Freilich dürfte der Unterschied im Vertrauen zur Prognosefähigkeit von Wahrsagern und der von Nationalökonomen als Folge der gegenwärtigen Krise zusammengeschmolzen sein – zu Lasten der Ökonomen.

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