Rezessionen sind die Folge von Niedrigzinspolitik

Man muss doch immer ein bisschen herumreisen und Veranstaltungen besuchen. Da lernt man etwas dazu und interessante Menschen mit Gedanken kennen, die vom Zeitgeist und von herrschenden Meinungen wohltuend abweichen. So stieß ich auch auf eine andere Art, die Ursache der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise auszumachen. Daraus ergeben sich dann zugleich Überlegungen, wie sich solche Krisen künftig vielleicht vermeiden oder minimieren lassen und ob die riesigen staatlichen Konjunkturpakete wie gegenwärtig wirklich sinnvoll sind.

So hält der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Homburg die gegenwärtige Krise für nicht so dramatisch wie andere. Er kommt zu einer Lagebeurteilung, die von der herrschenden Meinung in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft abweicht. Homburg ist derzeit Professor für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover und trug seine abweichende Meinung auf dem 12. Konjunkturpolitischen Kolloqium am 23. April vor, veranstaltet bei der Bundesbank in Frankfurt von der Herbert-Giersch-Stiftung und dem Institut der deutschen Wirtschaft.

Die Verführung billigen Geldes

Homburg sieht die eigentliche Ursache des Wirtschaftseinbruchs nicht in den Zahlungsschwierigkeiten amerikanischer Hypothekenschuldner und noch weniger in einer allgemeinen Kreditklemme. Für ihn hat dieser (wenn auch starke) Abschwung vielmehr denselben Grund wie alle vorangegangenen Rezessionen: Es ist die Niedrigzinspolitik. Die verführt dazu, langfristige Projekte fortlaufend mit kurzfristigen Krediten zu finanzieren, weil die billiger sind als langfristige („Revolving-System“). Kippt die Zinsstruktur, ausgelöst durch Zentralbanken, um, so dass die kurzfristigen Zinssätze über den langfristigen liegen (inverse Zinsstruktur), geraten die Schuldner in die Klemme. Ihre Kredite sind jetzt teurer als kalkuliert. Fehlt es ihnen an Geld, um sie zu bedienen, stecken sie in der Liquiditätsfalle. Konkurse sind die Folge.

Der Niedrigzinspolitik folgte nach Homburgs Feststellung stets eine scharfe monetäre Restriktion. Durch sie ergab sich, dass die kurzfristigen Zinssätze vorübergehend höher waren als die langfristigen. Inverse Zinsstrukturen hätten in der Vergangenheit regelmäßig Rezessionen ausgelöst und seien meist von Finanzmarktturbulenzen begleitet worden: „Das ist überhaupt nichts Neues.“

Das Beispiel Vereinigte Staaten

Beispielhaft zeigen lässt sich diese Ursachenerklärung daran, wie die kurz- und langfristigen Zinssätze seit 1999 in den USA verlaufen sind. Von 1999 an hatte dort die Federal Reserve Bank („Fed“) ihren geldpolitischen Kurs verschärft. Das führte im Herbst 2000 zu einer inversen Zinsstruktur. Diese brachte im März 2000 die Dotcom- oder IT-Spekulationsblase zum Platzen und löste eine Rezession aus.

Eine extreme Niedrigzinspolitik betrieb die Fed von 2002 bis 2004; die kurzfristigen Zinssätze unterschritten die langfristigen erheblich. Amerikanische Banken vergaben langfristige Kredite, die sie kurzfristig und variabel verzinslich finanzierten. Es kam zu den Hypotheken vom Ninja-Typ (no income, no job or assets bei den Schuldnern). Extreme Fristentransformation durch wenig regulierte Banken und Zweckgesellschaften mit nur wenig Eigenkapital wurden zum Geschäftsmodell. Als dann die Fed im Herbst 2006 die Federal Fund Rate stark heraufsetzte, führte das wiederum zur inversen Zinsstruktur. Zahlungsausfälle bei den Schuldnern der Ninja-Hypotheken waren die Folge, jene Geschäftsmodelle brachen zusammen, und das Platzen dieser Schuldenblase weitete sich aus zum gegenwärtigen globalen Desaster.

Auch am Beispiel Deutschland zeigt Homburg, dass die inversen Zinsstrukturen der Jahre 1973-1974, 1979-1982, 1991-1995 und 2001 den Rezessionen 1975, 1981, 1993 und 2005 vorangegangen sind. Nur bei der inversen Zinsstruktur vom Oktober 1989 sei das wegen des Falls der Mauer anders gewesen. Zu Bekräftigung verweist Homburg auf Milton Friedman. Dessen These, Abschwünge würden regelmäßig durch eine restriktive Geldpolitik ausgelöst, decke sich exakt mit seinem eigenen Befund. Homburg meint, man sollte die derzeitige Lage nicht dramatisieren.

Verfehlte staatliche Rettungsaktionen

Er hält auch nichts davon, wie der Staat die Bank Hypo Real Estate (HRE) rettet und wie er im Fall Commerzbank/Dresdner Bank verfährt. Zu Recht versteht er nicht, warum das Unternehmen Schaeffler als Nicht-Bank nicht ebenso „systemisch wichtig“ ist wie die Bank Hypo Real Estate und daher nicht ebenso staatliche Rettung verdient. Und im Fall Opel fragt er sich ebenfalls zu Recht, warum Opel mit seinen 26 000 Beschäftigten als „systemischer Konzern“ (Franz Müntefering) keinesfalls insolvent werden darf, während der vormals größte Baukonzern Philipp Holzmann mit über 40 000 Beschäftigten 2002 sang- und klanglos in die Insolvenz geschickt wurde.

Alle bisher erwogenen oder eingeleiteten Lösungswege hält Homburg für verfehlt. Die HRE oder andere Unternehmen durch Verstaatlichen zu retten, sei der schlechteste. Vom Vorhaben, die Banken verschärft zu regulieren, hält er ebenfalls nichts. Die seien schon jetzt die am schärfsten regulierte Branche überhaupt, und die Regulierer hätten vor den Turbulenzen trotz unglaublichen bürokratischen Aufwandes nichts gemerkt. „Sind die Anreize falsch gesetzt, dann hilft keine noch so intensive staatliche Kontrolle.“

Stellen sich Banken als „systemisch“ dar, sind sie zu entflechten

Der erstbeste Weg ist für Homburg derjenige geordneter Bankinsolvenzen. Wird der nicht gegangen, sieht er als zweitbesten den, alle Banken, die „systemisch wichtig“ sind, auf gesetzlicher Grundlage zu entflechten. „Solange Banken die ‚systemische Karte’ spielen, und Wissenschaft wie Politik dieses Spiel unkritisch mitspielen, führt an einer Zerschlagung der Großbanken kein Weg vorbei.“ Muss dies dann aber nicht ebenso für Nicht-Banken gelten, die „systemisch wichtig“ sind, weil auch sie sehr groß sind und sehr viele tausende Menschen beschäftigen? Doch Homburg hält Entflechtungen in anderen Branchen für „nicht angezeigt“, weil ihnen das Argument der „systemischen Wichtigkeit“ nicht abgenommen werde. Damit allerdings bleibt die politische Gefahr, zusammenbrechende Großunternehmen mit staatlicher Hilfe vor dem Konkurs zu retten („too big to fail“), bestehen.

Konjunkturpakete makroökonomisch wirkungslos, mikroökonomisch schädlich

Neben seinen Ausführungen zur Krisenursache hat Homburg auf dem Kolloqium diese Thesen vorgetragen: 1. Fiskalpolitik mit Konjunkturprogrammen ist makroökonomisch wirkungslos. 2. Selbst falls die Programme wirksam wären, sind sie gegenüber der Geldpolitik das schlechtere Instrument, denn billigeres Geld erhöht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ohne crowding-out-Effekt, also ohne private Investitionen durch staatliche Aktivitäten zu verdrängen. 3. Fiskalpolitik ist mikroökonomisch schädlich, denn staatliche Konjunkturprogramme erzeugen zusätzliche Schocks, die in den Märkten Anpassungsbedarf erzeugen und Alternativ-Ausgaben abwürgen. Die Abwrackprämie für alte Autos zum Beispiel legt den Gebrauchtwagenmarkt lahm, das schlägt durch auf die Kfz-Reparaturwerkstätten und auf den Kfz-Teilehandel.

„Eine Niederlage der Nationalökonomie“

Homburgs Fazit in seinem Vortrag beim Kolloqium: Non-Aktionismus wäre besser gewesen, gesiegt hat allgemeine Gier, gesiegt hat das Partialdenken, dies ist eine Niederlage der Nationalökonomie. Er hält es auch für unerklärlich, warum Konjunkturprogramme in den ungleich schwierigeren Jahren 2001-2004, als die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf über 5 Millionen gestiegen war, kein Thema gewesen sind, „während die Nerven bei derzeit rund 3,5 Millionen Arbeitslosen blank liegen“. Oder mit anderen Worten: Die Konjunkturprogramme taugen nichts und sind daher nicht gerechtfertigt, schon gar nicht in diesem Ausmaß.

Die Steuern wieder senken statt das Geld für Konjunkturpakete verschwenden

Vernünftiger, wirksamer und gerechter ist es, statt die vielen hundert Milliarden Euro in zweifelhafte Konjunkturpakete zu stecken, die vielen Steuererhöhungen früherer Jahre rückgängig zu machen, auf diese Weise die private Kaufkraft wieder zu vergrößern und somit das Geld, das der Staat jetzt auf andere Weise zu opfern bereit ist, ganz breit zu streuen. Dann können alle Bürger und Unternehmen selbst entscheiden, wie sie das Geld, das für sie wieder frei geworden ist, verwenden: ob sie es ausgeben oder ob sie es auf’s Sparkonto legen. Wenn sie es sparen statt selbst auszugeben, erweitern sie für die Banken wieder die Möglichkeiten, Kredite zu vergeben und damit unternehmerische Investitionen zu finanzieren. Dieser Multiplikatoreffekt ist höher und nachhaltiger als die gegenwärtigen staatlichen Konjunkturpakete.

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Wer Stefan Homburgs Überlegungen im einzelnen nachlesen will, findet sie in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Wirtschaftsdienst“, Ausgabe vom April 2009, Seite 223 bis 228, mit der Überschrift „Finanzkrise: Nicht verstaatlichen, sondern entflechten.“

Im gleichen Heft finden sich auch der lesenswerte Beitrag von Michael Wohlgemuth über „Die politische Ökonomie des Ausnahmezustands“. Wohlgemut ist als promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg und Universität Witten/Herdecke sowie geschäftsführender Forschungsreferent am Walter-Eucken-Institut in Freiburg.

Herausgeber der Zeitschrift ist seit 2007 die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft.



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