Die Kehrseite der niedrigen Leitzinsen

Die übergangenen Opfer der globalen Finanzkrise

Wer investieren will und dafür einen Kredit braucht, freut sich, wenn der Zinssatz dafür niedrig, das geborgte Geld also billig ist. Aber wer macht es billig? Es sind die Zentral- und Notenbanken. Durch deren Leitzinssätze werden das Zinsniveau und damit im wesentlichen auch die Zinssätze für aufgenommene Investitionskredite bestimmt. Zu diesen Leitzinsen können sich die Geschäftsbanken bei den Zentralbanken Geld beschaffen („refinanzieren“), und mit der Kreditvergabe reichen sie dieses Zinsniveau an die Kreditnehmer weiter. Sind die Leitzinsen niedrig, freut das alle Schuldner, denn das Geldborgen wird damit erleichtert. Folglich ermuntern niedrige Leitzinsen Unternehmen und Private zum Investieren und die Geschäftsbanken zum Refinanzieren. Aber was ist mit den Gläubigern? Freuen auch die sich über niedrige Leitzinsen?

Gläubiger sind besonders alle Sparer. Sie geben ihr verdientes Geld nicht voll aus, sondern haben das, was sie gespart haben, in der Regel verliehen, also zum Beispiel als Guthaben auf Bankkonten gelegt oder Anleihen dafür gekauft. Für diesen Konsumverzicht erwarten sie als Gegenleistung Zinserträge. Zumal für Ruheständler sind Zinserträge aus dem Gesparten als Zusatzeinnahmen vorgesehen und meist auch notwendig, um im Alter den erarbeiteten und gewohnten Lebensstandard zu sichern. Sparer und Rentner also freuen sich über niedrige Zinsen überhaupt nicht. Sie erhalten nicht nur zu niedrige Ertragszinsen, die kaum oder nur wenig die Inflationsrate überschreiten, sondern müssen zusätzlich erdulden, dass die Inflation den Bestand ihrer Ersparnisse laufend entwertet und damit schleichend aufzehrt.

Niedrigzinsen verleiten zu Leichtsinn

Aber kümmert diese Wirkung ihrer Zinspolitik die Zentralbanken überhaupt? Nein, sie verweisen nur auf ihre Aufgabe, die Inflation zu zügeln. Doch was haben Sparer von einer Inflationsrate von 1 Prozent, wenn die Nominalzinsen bei nur 3 Prozent liegen, die auch noch versteuert werden müssen?
In den Vereinigten Staaten sind die Leitzinsen von 2002 bis 2004 real, also inflationsbereinigt, sogar negativ gewesen. Die amerikanische Zentralbank soll – anders wie die Europäische Zentralbank – mit ihrer Zinspolitik nicht nur die Inflationsrate niedrig halten, sondern zugleich dafür sorgen, daß die Wirtschaft in Schwung bleibt. Die „Fed“ unter Greenspan hat das mit niedrigen Leitzinsen als Schmiermittel jahrelang versucht. Und damit einen Grundstein für die heutige Finanzkrise gelegt, denn niedrige Zinsen verleiten auch, wie es geschehen ist, zu Leichtsinnigkeiten und Fehlinvestitionen.

Die Leitzinsen sind für die Sparer heute Leidzinsen

Inzwischen sind die Leitzinsen überall so stark herabgesetzt, dass sie fast schon bei Null angelangt sind. Mit dieser Politik des künstlich verbilligten Geldes soll die Wirtschaft vor den Folgen der Finanzkrise gerettet werden. Das ist gut für Investoren und Schuldner, aber schlecht für die Sparer als Gläubiger. Dabei leiden die Sparer unter zu niedrigen Zinsen schon seit Jahren. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich das Leiden verschlimmert. Für sie sind die Leitzinsen zu Leidzinsen geworden.

Wo bleiben eigentlich die Sparerschützer?

Aber ist das ein öffentliches Thema? Nein. Niemanden scheint das zu interessieren. Auch die Medien nicht, die sich doch sonst so gern als Verbraucherschützer aufschwingen. Merkwürdigerweise aber nicht als Sparerschützer. Die Sparer werden von allen ganz vergessen oder als scheinbar unbeachtlich zumindest übergangen, gerade auch von den Politikern. Mit Unsummen versuchen sie, die Schuldner zu Lasten der Sparer herauszuhauen und für die Güterwirtschaft, die sogenannte Realwirtschaft, den Nachfrageeinbruch auszubügeln. Die Sparer sind immer die Dummen. Sie werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

Aber aufgelehnt dagegen haben sie sich bisher nicht. In England allerdings ist das geschehen. Am 5. März 2009 hatte die Bank of England, die britische Zentralbank, ihre Leitzinsen um die Hälfte noch einmal herabgesetzt: von 1 auf 0,5 Prozent. Das hat in der britischen Bevölkerung geradezu einen Proteststurm ausgelöst, der aber in den Medien viel zu wenig Beachtung fand. Unter www.zeit-fragen.de ist (übersetzt aus The Privateer, Nr. 624, März 2009) darüber dies zu lesen:
„Der Protest war keineswegs auf diejenigen beschränkt, von denen man es erwartet hätte, Rentner und Menschen mit festem Einkommen; er ging quer durch die ganze Nation. Kleine Unternehmen waren dagegen, ebenso Lohn- und Gehaltsempfänger. Selbst eine große Zahl von Hypothekarschuldnern war dagegen, da sie sehr klar erkannten, dass jeder möglicherweise bei den Hypothekenraten eingesparte Betrag durch den potentiellen Fall des Wiederverkaufswerts ihres Eigentums mehr als aufgezehrt würde.“

Aber wer protestiert in Deutschland?

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