Der programmierte Stillstand auch ganz ohne Finanzkrise

Schon durch Mentalitätswandel
droht ein Wirtschaftswachstum von Null

Damit der materielle Wohlstand der Bevölkerung weiterhin zunimmt, muss die Wirtschaft weiterhin wachsen. Damit die Wirtschaft weiterhin wächst, müssen die Menschen das wollen. Und wenn sie es wollen, dann müssen sie sich auch entsprechend verhalten. Danach aber sieht es nicht gerade aus.

Warum es danach nicht aussieht, verrät ein Buch. Das Buch ist im Umfang (Oktavformat) zwar nur klein und dünn, also ein Büchlein, hat es aber in sich. Sein Untertitel klingt vergleichsweise harmlos, nicht dagegen sein Haupttitel, denn der übermittelt die Kernbotschaft in prägnanter Schärfe: „Der programmierte Stillstand“.

Gemeint ist damit eine höchst unangenehme Erkenntnis: Die wirtschaftlichen Wachstumsraten in Deutschland werden sich weiter abschwächen und in naher Zukunft – von kurzfristigen Konjunkturschwankungen abgesehen – auf Null sinken. Für Politiker ist so etwas wie Bombenalarm. Es sei denn, daß sich die Mentalität der deutschen Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten dramatisch wandelt oder unvorhersehbare technische Entwicklungen eintreten, die die Volkswirtschaft „auf gänzlich neue Fundamente stellen“.

Nur diesen Schluss, so die beiden Autoren Miegel und Petersen, lassen die Untersuchungsergebnisse zu. Ihr Buch stellt sie in aller Nüchternheit dar. Es sind aber nicht Folgen der gegenwärtigen globalen Finanzkrise; diese Krise kommt in dem Buch gar nicht vor. Es geht allein um die Folgen der in der Bevölkerung vorherrschenden Mentalität oder, wie es der Untertitel des Buches formuliert, um „das widersprüchliche Verhältnis der Deutschen zu Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung“.

Das Widersprüchliche kommt in den eigenen Äußerungen der befragten Deutschen zum Ausdruck. Aber die Befragten sind sich der Widersprüchlichkeit und ihrer eigenen Inkonsequenz selbst gar nicht bewusst. Wachstum wollen sie, Wohlstandsmehrung ebenso, jedenfalls im allgemeinen, aber sie selbst verhalten sich nicht danach. Ergeben haben das Befragungen, die in dem Buch vorgestellt und erläutert werden und die für die deutsche Wohnbevölkerung, wie die Autoren schreiben, repräsentativ sind. Verbale Bekundung und die Bereitschaft, das Bekundete in die Tat umzusetzen, klaffen in großen Bevölkerungskreisen auseinander.

Wohlstand wollen sie, hart arbeiten nicht

Fragt man abstrakt, ob Deutschland für materiellen Wohlstand wirtschaftliches Wachstum braucht, antworten 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung mit Ja, und zwar unabhängig davon, welcher Alters-, Berufs- oder Einkommensgruppe sie angehören. Hier, bei „Wachstum muß einfach sein“, besteht nahezu vollständiger gesellschaftlicher Konsens. Fragt man dagegen nach dem persönlichen Wohlbefinden und danach, was man für das eigene Leben als zweitrangig betrachtet, setzt nur ein knappes Drittel auf Einkommenssteigerung und Wirtschaftswachstum. „Hart arbeiten und beruflich viel leisten“ steht in der abgefragten Rangskala sogar an letzter Stelle: Wichtig ist das nur für 19 Prozent. Der hohen Wertschätzung von Wirtschaftswachstum allgemein steht die geringe Bereitschaft, sich anzustrengen, um die eigene wirtschaftliche Lage zu verbessern, konträr entgegen.

Ist niemand leistungsbereit, wächst auch nichts

Insgesamt ergibt sich: Ein erheblicher Teil verkennt, dass zwischen individueller Leistungsbereitschaft und gesamtwirtschaftlichem Wachstum ein Zusammenhang besteht: Ist niemand oder sind zu wenige leistungsbereit, wächst halt auch nichts. Das Streben nach materiellem Wohlstand ist nicht zuletzt eine Mentalitätsfrage. Aber eine bloße Wertschätzung wirtschaftlichen Wachstums reicht, wie die Autoren schreiben, nicht aus, um eine gesellschaftliche Dynamik für politisch gewünschtes Wachstum in Gang zu halten oder in Gang zu setzen. Das Erreichte bewahren ist vielen wichtiger, als es mehren. Sicherheit und Gleichheit ist vielen erstrebenswerter als die Chancen und Risiken von Freiheit und Eigenverantwortung. Mehr noch: „Sicherheit – soziale wie innere – ist vielen ein so hohes Gut, daß sie dafür bereit sind, dafür vieles hinzugeben einschließlich zentraler Grund- und Freiheitsrechte.“

Politiker wie Feldherren vor lustlosen Truppen

Politiker wissen von diesen Ergebnissen bisher nichts oder unterschätzen sie in ihren Folgen. Geht das Wirtschaftswachstum zurück, sehen sie es als Fehlentwicklung und versuchen, diese mit Programmen (und weiterer öffentlicher Verschuldung) zu bekämpfen. Sie verkennen, daß zu den Voraussetzungen von Wachstum nicht nur rein physische Gegebenheiten gehören (darunter: junge Bevölkerung, genug an Wasser, Agrarflächen, Rohstoffen, Bildung, Kapital, Innovationen, großen Wirtschaftsräumen), sondern auch die psychische Einstellung breiter Bevölkerungskreise. Die ist sogar entscheidend: „Ohne sie sind wirtschaftliche Dynamik und materielle Wohlstandsmehrung auf Dauer selbst dann nicht möglich, wenn alle übrigen Voraussetzungen erfüllt sind.“ Und eben an dieser einen Voraussetzung fehlt es inzwischen zu sehr. Politiker und Unternehmen geraten damit in die Lage, wie Feldherren vor lustlosen Truppen zu stehen, oder erleben zu müssen, daß sie ihnen ganz von der Fahne laufen.

Wirtschaftlicher Stillstand muss nicht weniger Lebensqualität bedeuten

Am Schluß schreiben Miegel und Petersen: „Dass Deutschland einem programmierten Stillstand entgegengeht, mag eine wenig erfreuliche Aussicht sein, aber da es unwahrscheinlich erscheint, dass daran noch etwas geändert werden kann, muß man diese Tatsache zur Kenntnis nehmen und sich mit ihr arrangieren. Die Politik wird akzeptieren müssen, dass ihr die Bevölkerung nicht folgen wird, wenn sie sie zu immer größeren Leistungsanstrengungen zu bewegen versucht. Und sie wird die Menschen auf die kommende Stagnation vorbereiten müssen. Ein wirtschaftlicher Stillstand muss nicht gleichbedeutend sein mit einem subjektiven Rückgang der Lebensqualität. Er wird aber als Rückschritt empfunden werden, solange in der öffentlichen Diskussion an dem Grundprinzip ‚Ohne Wachstum ist alles nichts’ festgehalten wird.“

Durch gefährliches Gelände lieber mit offenen Augen

Dann folgt ein Appell: In den kommenden Jahrzehnt werde es eine der wichtigsten und schwierigsten politischen Aufgaben sein, das öffentliche Leben, allem voran die sozialen Sicherungssysteme, so umzuorganisieren, daß es von stetigem Wirtschaftswachstum unabhängig werde. Gerade deswegen sollten die Politiker diese Aufgabe ohne Illusion in Angriff nehmen. Unbekanntes und gefährliches Gelände durchquere man besser mit geöffneten Augen. Wenn sich eine überwältigende Mehrheit für freiwilligen Verzicht auf ein Mehr an materiellen Gütern ausspreche und einfacher und natürlichere Lebensformen vorziehe, dann sollte die Politik nicht versuchen, fortwährend die ökonomische Effizienz der Gesellschaft zu erhöhen. Sie könne damit nur scheitern.

Gerade Miegel ist nicht zum ersten Mal Warner vor Unheil und Mahner zum Handeln beizeiten. Frühere Prognosen über andere Entwicklungen und ihre Folgen (darunter Alterssicherung, Krankenversicherung, Verschuldung, Familienpolitik, Bevölkerungszahl) bewahrheiten sich längst und sind keine Schwarze Kunst. Dieses Buch ist politische Pflichtlektüre.

Copyright: Klaus Peter Krause

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2 Gedanken zu “Der programmierte Stillstand auch ganz ohne Finanzkrise”

  1. Nur leider erweisen sich unsere Politiker als zunehmend beratungsresistent, daher werden sie das Buch entweder nicht lesen, oder als unbeachtlich weglegen.

    Wenn ich mir die Politik der letzten Jahre ansehe, geht es ausschließlich um die eigene Zukunftsicherung der Politiker. Da spielt die Meinung der Wähler keine Rolle, Fachleute werden desavoiert; beider Rolle ist auf Wahlkampfzeiten beschränkt.

  2. Pingback: Arbeit Finden

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