Viehtransport

Die kundenfreundliche Bahn

Ein Fahrgast fährt im Intercity-Zug von Hagen nach Frankfurt am Main. Der Zug heißt IC 2029. Es ist Samstag. Der Fahrgast liest Zeitung, hat aus beruflichen Gründen einen ganzen Stapel von Zeitungen zum Lesen dabei. Der Tag ist trübe, draußen dunkelt es schon. Die allgemeine Wagenbeleuchtung reicht dem Fahrgast zum Lesen nicht aus. Dafür gibt es die Lesebeleuchtung. Er will diese Beleuchtung einschalten. Sie geht nicht. Sie geht im ganzen Waggon nicht.

Der Fahrscheinkontrolleur kommt vorbei.

Der Fahrgast sagt: Die Lesebeleuchtung geht hier im Wagen nicht. Schalten Sie die doch bitte ein.

Der Kontrolleur sagt: Ich kann die nicht einschalten.

Der Fahrgast fragt: Wieso nicht?

Der Kontrolleur (trocken): Sie geht im ganzen Zug nicht.

Der Fahrgast (ungläubig): Im ganzen Zug nicht?  Wieso?

Der Kontrolleur (ungerührt): Die ist kaputt.Der Fahrgast (zunehmend interessiert): Erst heute?

Der Kontrolleur (immer noch ungerührt): Nein, schon ziemlich lange.

Der Fahrgast  fragt: Und warum wird das nicht repariert?

Der Kontrolleur sagt: Das lohnt nicht mehr, der Zug ist schon zu alt.

Der Fahrgast (aber nur denkend): Wie gut, dass nicht auch am Fahrgestell etwas hinfällig ist. Oder die Heizung nicht mehr geht. Oder die Lüftung. Und alles so belassen wird, weil der Zug zum Reparieren ja schon zu alt ist.

Stattdessen sagt er (jetzt ärgerlich werdend, so dass nun Mitreisende herüberschauen): Dies ist hier doch die 1. Klasse. Oder nicht? Ich habe dafür zusätzlich bezahlt. Warum bietet die Bahn dauerhaft Erster-Klasse-Wagen an, die schon lange eine kaputte Lesebeleuchtung haben, und das zum vollen Fahrpreis? Der Preis müsste dann doch entsprechend ermäßigt werden.

Der Kontrolleur (belehrend): Sie bezahlen für den Transport, nicht für die Beleuchtung.

Der Fahrgast (jetzt ironisch): Also würde die Bahn mir auch zumuten, mich nachts völlig im Dunkeln sitzen zu lassen? Das ist doch wie Viehtransport.

Die ironische Frage war zugleich eine rhetorische, denn der Fahrgast erkennt: Dieser Mann ist überfordert. Keinerlei Bedauern, keine freundliche Bitte um Nachsicht. Der Fahrgast lässt den Kontrolleur ziehen. Er ist Vielfahrer und erlebt dabei Zugbegleiter, die ärgerliche Situationen elegant und kundenfreundlich meistern. Während sich der Kontrolleur genervt abwendet, sagt der Fahrgast (mehr für die Mitreisenden bestimmt): Ich glaube, das wird noch ein Nachspiel haben.

Dies ist das Nachspiel.

Copyright: Klaus Peter Krause

Print

2 Gedanken zu “Viehtransport”

  1. Lieber Herr Krause,

    nachdem ich bei antibuerokratieteam.net einem Verweis auf Ihren Beitrag einstellte, entspann sich dort eine Diskussion, die hier bei Ihnen eigentlich besser besser aufgehoben wäre. Vielleicht möchten Sie mal reinschauen.

    http://www.antibuerokratieteam.net/2009/01/08/genuss-in-vollen-zuegen/

    Bestes,
    DF
    12.1.2008: Lieber DF, besten Dank für den Hinweis. Hab‘ gleich reingeschaut. Teils ganz lustig, teils weniger. Aber ergänzend zu meinem Text: Die Deutsche Bahn sind auch wir selbst: mit unseren Schwächen und Stärken. Aber ich glaube, die Stärken überwiegen, sogar bei der Bahn. kpk.

  2. Hallo!
    Leider ist in Folge der 1967/68 er „Kulturrevolution“,
    die von den politischen Rändern her gesteuert wurde,
    das Augenmaß für Menschen-und Bürgerrechte verloren gegangen (außer bei den Kirchen),so daß die „neue linke“ nicht verboten oder einer generalrevision
    unterzogen wurde,bzw. der marxismus,ob nun kulturell
    oder „POlitisch“, (sozial,wirtschaftlich)immer nur
    von altnationalen,aber nicht von bürgerlichen Kräften,analysiert wurde.Noch heute wenden die
    Stasis von einst,Gru und KGB-Methoden gegen uns
    konservativen/liberalen/humanistischen/religiös,
    eingestellten in der westlichen Welt an.

Schreibe einen Kommentar