Finanzkrise einmal anders

Ein angebliches Tucholsky-Gedicht, das von Tucholsky nicht stammt

Unlängst wurde per Mail etwas weitergereicht, was sich der Finanzkrise in Versform annahm und auch ich erhalten (aber nicht weitergereicht) habe. Es geschah mit dem Hinweis, der Autor des Gereimten sei kein Geringerer als Kurt Tucholsky. Aha, dachte man dies lesend, von damals zu heute kein    Unterschied, immer wieder nach dem gleichen Muster, und dann auch noch von Meister Tucholsky. Es ist aber nicht von ihm. Mißtrauisch hätte zumindest das Wort „Derivate“ machen müssen. Das nämlich gab’s damals noch nicht. Anders         dagegen die Leerverkäufe. Die gab’s zu jener Zeit durchaus, nur waren sie in der damaligen großen Wirtschaftskrise in Deutschland verboten. Der wahre Autor hat sich dann auch bald gemeldet. Es ist Dr. Richard G. Kerschhofer und dies sein Text:

Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muß eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bißchen Krieg gemacht

Unterzeichnet sind die flotten Verse mit  Pannonicus. Das ist Kerschofers  journalistisches           Pseudonym. Erstmals erschienen sind sie in der Druckausgabe der Preußischen Allgemeinen Zeitung vom 27. September 2008, in der Online-Ausgabe schon am 25. September. Als Pannonicus ist Kerschhofer in der PAZ  jede Woche mit einem satirischen Gedicht dieser Art vertreten. Am 21.    Oktober 2008 hat er sich per Mail an Freunde und Bekannte „in eigener Sache“ und mit dem Stichwort „PLAGIATE“ zu der fälschlich Tucholsky angedichteten Autorenschaft folgendermaßen geäußert:

„Liebe Freunde, durch Zufall habe ich entdeckt, daß das Gedicht  ‚Höhere Finanzmathematik‘, das ich Ende September an Sie/Euch versandt habe, hundertfach im Internet zirkuliert – allerdings immer mit falscher Quelle und mit falschem oder ohne Titel und mit falscher oder ohne Namensangabe.   Es kursieren verschiedenste Namen, aber am häufigsten kommt vor ‚Tucholsky 1930 in Weltbühne‘. Originell, nicht wahr? Und dies auch auf den Blogs renommierter Medien wie Zeit, Süddeutsche, Frankfurter Rundschau, Wirtschaftswoche etc. Eine Google-Suche mit „für die Zechen dieser        Frechen“ (eine immer wieder zitierte Verszeile) liefert rund 900(!) Web-Einträge, die alle dieses     Gedicht anführen. Die Suche mit dem Originaltitel „Höhere Finanzmathematik“ liefert auch ein paar Einträge, aber mit falschen Autoren.  Wer immer sich mit Internet-Blogs auskennt, ist herzlichst    gebeten, etwas zur Richtigstellung beizutragen – ich kann das verständlicherweise nicht selber tun.“

Dies hier ist  nun mein Beitrag dazu. Ich hoffe, Herr Kerschhofer lässt sich fleißig Nachdruckhonorare zahlen. Aber bitte nicht von mir.

Kerschhofer fügte auch dies noch hinzu: „Wie ich schon früher herausfand, gibt es Webseiten, die systematisch Beiträge aus der PAZ unter falschem Namen zitieren, darunter die meisten der bis jetzt schon über 400 Pannonicus-Gedichte. Man scheut sich nicht einmal, das Wort Pannonicus, das ich manchmal im Vers selbst verwende, durch einen falschen Namen zu ersetzen – wobei der Vers     natürlich nicht mehr paßt. Aber gegen solche Praktiken ist leider kein Kraut gewachsen.“   Ja, so sind die Leut‘.

Copyright: Klaus Peter Krause

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