Der diffamierte Neoliberalismus III

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Entstanden im Widerstand gegen das Nazi-Regime

Die Gegner des Neoliberalismus nutzen die globale „Finanzkrise“, die in Wirklichkeit eine Krise staatlicher Politik ist, zur politischen Agitation gegen die Freiheit. Sie vergessen oder wollen nicht wahrhaben, dass die Wiederbelebung des Liberalismus als Widerstand gegen das Nazi-Regime in den 1930er Jahren entstanden ist und namhafte Nationalökonomen und Juristen deren Väter sind. Den Neoliberalismus diffamieren heißt, ihre Leistung und ihren Mut herabzuwürdigen und sie als Person zu entwürdigen.

Auch bei dem alljährlichen offiziellen Gedenken an das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 spielen diese Widerständler, obwohl damals ebenfalls mit dem Leben bedroht, keine Rolle. Daher wissen nur wenige, daß es neben den mutigen Offizieren der deutschen Wehrmacht Wissenschaftler der Nationalökonomie und der Jurisprudenz im Widerstand gegen die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre überhaupt gegeben hat. Allerdings sind auch sie nur wenige gewesen, die sich zur ausdrücklichen Opposition gegen das Regime entschlossen haben. Mehrere von ihnen waren Mitwisser oder aktiv Beteiligte an den Plänen zur Ausschaltung Hitlers.

Damals hatten sich in Freiburg Regime-Gegner aus akademischen und kirchlichen Kreisen zusammengefunden. Für den Widerstand, aber auch bei den Planungen einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für ein Deutschland nach dem Krieg haben sie eine wichtige Rolle gespielt. Später in der Literatur über den Widerstand sind sie als „Freiburger Kreise“ zu einem Begriff geworden und dort fest verankert. Diese Kreise waren das „Freiburger Konzil“, der „Bonhoeffer-Kreis“ und die „Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“. Besondere Bedeutung gewannen hier die Freiburger Wirtschaftswissenschaftler um Constantin von Dietze, Walter Eucken und Adolf Lampe. Sie wirkten aktiv am Widerstand gegen die NS-Diktatur mit und entwickelten für die Wirtschafts- und Sozialpolitik das Gedankengerüst einer Nachkriegsordnung. Auch Juristen, Historiker und Christen beider Kirchen gehörten dazu.

Im Konzilkreis traf man sich seit Dezember 1938 monatlich. Den Anstoß dazu hatte das Entsetzen über die Progrom-Nacht der Nazis gegen die Juden vom 9. November 1938 gegeben. Die Treffen fanden bis zu den Verhaftungen führender Mitglieder des Kreises im Oktober 1944 statt. Sie begannen mit einem Vortrag, und dieser gab den Auftakt und die Grundlage für die nachfolgende offene Aussprache. Teilnehmer waren neben Dietze, Lampe und Eucken unter anderem Gerhard Ritter, Clemens Bauer, Friedrich Delekat, Otto Dibelius, Helmut Thielicke, Friedrich Justus Perels, Otto Hof, Erik Wolf und Ernst Wolf. Der Jurist Franz Böhm stieß ebenfalls dazu. Diskutiert wurde über Themen wie Widerstandsrecht und Widerstandspflicht, Tyrannentötung, staatlicher Allmachtsanspruch, Führerkult, Rassismus, Mißbrauch politischer Gewalt.

Böhm hatte die Begegnung mit Carl Goerdeler im Frühsommer 1938 gesucht und war mit ihm in unregelmäßiger Verbindung geblieben. Von etwa November 1942 an trafen sie sich regelmäßig, und zwar an jedem letzten Samstag eines Monats in Goerdelers Leipziger Wohnung zum Gedankenaustausch mit anderen Nazi-Gegnern. Böhm war badischer Staatsanwalt gewesen, hatte sich vor dem Krieg in Freiburg habilitiert und hoffte auf eine Professur. Zum 1. April 1936 bekam er als Privatdozent für das Sommersemester eine Lehrstuhlvertretung in Jena, die sich dann aber doch verlängerte.

Doch ein schwerer öffentlicher Zusammenstoß mit einem SS-Hauptsturmführer wegen der Judenverfolgung machte dem ein Ende. Böhm wurde mit einem Straf- und Disziplinarverfahren überzogen. Das führte im März 1938 zum Entzug der Vertretung. Auch die Lehrbefugnis wurde ihm genommen. Nur einem Antrag, ihn ins KZ zu schaffen, entging er. Bei der Staatsanwaltschaft Eisenach, wohin er ausgewichen war, wurde er in den Wartestand versetzt. Damit hatte er kein Einkommen mehr.

Einen Ruf als Professor nach Freiburg erhielt Böhm erst gegen Ende des Krieges im April 1945. Als im Juni 2008 in der Universität Jena „Sechzig Jahre Soziale Marktwirtschaft“ begangen wurden, war es eine schöne Symbolik, daß Walter Eucken in Jena geboren und Wilhelm Röpke hier gelehrt hat. Aber dass auch Franz Böhm als einer der Väter der Marktwirtschaft in Jena gelehrt hat, fand bei der Feier in Jena merkwürdigerweise keine Erwähnung.

Eine Anfrage Dietrich Bonhoeffers gab den Anstoß dazu, daß im Oktober 1942 in Freiburg der „Bonhoeffer-Kreis“ entstand. Dessen Auftrag war, eine politische Programmschrift für die Bekennende Kirche zu entwickeln, um auf eine Nachkriegsordnung Einfluß zu nehmen. Zur Diskussion des Entwurfs lud der Kreis auch Carl Friedrich Goerdeler ein. Die Schrift trug, als sie Anfang 1943 abgeschlossen war, den Titel „Politische Gemeinschaftsordnung: ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit“. Inhaltlich ging es um Innen- und Außenpolitik, Werteordnung, Gewissensfreiheit, Dienst am Nächsten, Widerstandsrecht, rechtsstaatliche Verfassung sowie das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und dem einzelnen Menschen. Zu dieser Schrift lieferten Dietze, Eucken und Lampe auch einen Beitrag über die Wirtschafts- und Sozialordnung. In ihm formulierten sie bereits die Leitlinien, die später zur Grundlage für die Soziale Marktwirtschaft geworden sind.

Nach dem Attentat vom 20. Juli ist diese Schrift ihren Verfassern zum Verhängnis geworden. Die Gestapo fand Teile von ihr, entdeckte, daß die Verfasser mit Goerdeler und Bonhoeffer in Verbindung standen. Sie wurden verhaftet, verhört, gefoltert. Zu den Verhafteten gehörten auch Bauer, Böhm, Perels und Ritter. Perels wurde zum Tod verurteilt, weil er ihm bekannte Umsturzpläne nicht angezeigt habe. Lampe, Dietze und Ritter wurden ins KZ Ravensbrück gebracht. Vor dem sicheren Todesurteil und der Hinrichtung rettete sie nur die Kapitulation und das Kriegsende. Dietze war, wie Böhm in einem Brief vom 10. Juni 1945 schreibt, „ein Stunde lang aufs unmenschlichste gepeitscht“ und Goerdeler „wochenlang aufs unmenschlichste gefoltert“ worden. „Ich selbst,“ schreibt Böhm, „bin der Verhaftung nur dadurch entgangen, dass ich mit einem Berliner Bekenntnispfarrer gleichen Namens verwechselt worden bin und keiner der Verhafteten und Verhörten etwas von meiner Existenz ausgesagt hat.“ Lampe starb später an den Folgen der Folterung. Eucken kam mit schweren Verhören davon.

Der dritte Freiburger Kreis, die Arbeitsgemeinschaft Beckerath, besetzt mit Wirtschafts-, Finanz- und Staatswissenschaftlern beriet von 1943 an über eine künftige deutsche Wirtschaftsordnung. Neben Beckerath gehörten Böhm, Dietze, Eucken, Lampe und Erich Preiser der Gruppe an. Beckerath verfasste ein Gutachten für den Übergang von der staatlichen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft in der Nachkriegszeit. Diese wissenschaftlichen Vorarbeiten legten den Grundstein dafür, daß sich der Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland nach 1948 überhaupt so rasch vollziehen konnte. Kern ihrer Gedanken: Der Staat solle sich darauf beschränken, der Wirtschaft eine feste Ordnung (lateinisch ordo) zu geben, ihr einen Ordnungsrahmen zu setzen und die Wirtschaft sich in ihm frei entfalten zu lassen. Der Staat müsse sich der direkten staatlichen Eingriffe in den Wirtschaftsablauf, den Wirtschaftsprozeß enthalten.

Ordnungspolitik statt Prozeßpolitik, lautet diese „ordo-liberale“ Leitlinie. Mit Ludwig Erhard als ersten Bundeswirtschaftsminister wurde das Gedankengebäude dann zu einem guten Teil und erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Als „Freiburger Schule“ oder „Ordo-liberale Schule“ ist diese Denkrichtung der wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Widerständler für eine freiheitliche Ordnung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft zum Vorteil der Bürger das tragende Element. Heute harrt sie der Wiederbelebung, denn Politiker und Parteien mißachten sie nunmehr seit Jahrzehnten.

Copyright: Klaus Peter Krause

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